Historisch

Unruhe in Geesthacht: Als die Kommunisten putschten

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Dirk Schulz
Ein Panzerwagen samt Besatzung vor dem Kaufhaus Peters. Das Datum ist unbekannt. Der Heimatbund und Geschichtsverein Geesthacht vermutet, dass es 1921 im Zuge der März-Aktion entstand. Damals wurden Panzerwagen nach Geesthacht geschickt.

Ein Panzerwagen samt Besatzung vor dem Kaufhaus Peters. Das Datum ist unbekannt. Der Heimatbund und Geschichtsverein Geesthacht vermutet, dass es 1921 im Zuge der März-Aktion entstand. Damals wurden Panzerwagen nach Geesthacht geschickt.

Foto: Heimatbund und Geschichtsverein Geesthacht

Vor 100 Jahren besetzen Bewaffnete die Munitionsfabriken in Düneberg und Krümmel. Die Staatsmacht schickt Panzerwagen.

Geesthacht. In den frühen Morgenstunden des 23. März 1921 kommt Unruhe auf in Geesthacht. Überall treiben sich Gestalten in der Dunkelheit herum und huschen von Haustür zu Haustür. Die Kommunisten trommeln ihre Mitglieder zusammen. Mehr als 100 sind es schließlich, die sich an diesem Mittwoch um 6 Uhr im Parteilokal von August Lühmann an der Sielstraße 4 versammeln. Es geht um nichts weniger, als den Umsturz der bestehenden Verhältnisse. Zumindest glauben die Genossen das.

Einige Stunden zuvor hatten zwei Kuriere aus Bergedorf den Vorsitzenden aus dem Schlaf geholt mit dem Auftrag, den Generalstreik zu proklamieren und die Munitionsfabriken in Düneberg und Krümmel sowie weitere wichtige Standorte zu besetzen. Der eilig zusammenberufene Parteivorstand hat keinen Grund, daran zu zweifeln.

Aufstände auch in Hamburg und Mitteldeutschland

Schließlich hatten alle in den Tagen zuvor die Artikel in der „Hamburger Volkszeitung“ gelesen. Der führende KPD-Funktionär August Ziehl erinnert sich in seinem 1958 erschienenen Buch „Geesthacht – 60 Jahre Arbeiterbewegung – 1890 bis 1950“ an „Berichte vom Generalstreik in Mitteldeutschland und rote Fahnen über Blohm & Voss.“ Zudem war am 13. März 1921 ein Sprengstoffanschlag auf die Berliner Siegessäule fehlgeschlagen.

Wegen der Pulverfabrik Düneberg und der Dynamitfabrik Krümmel gilt Geesthacht damals als Pulverkammer Deutschlands. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg lag die Produktion darnieder. Viele Arbeiter hatten ihren Job verloren. Die politische Gesinnung im Ort, der erst 1924 Stadtrecht erhielt und bis 1937 zu Hamburg gehörte, war mehrheitlich links.

Nach Versammlung bei August Lühmann schwärmen die "Roten" aus

Von 1919 bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 kamen SPD und KPD bei Wahlen stets auf eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Das bescherte Geesthacht den Beinamen „Klein-Moskau“. Die KPD zählte 1921 etwa 600 Mitglieder bei damals nur rund 5500 Einwohnern.

Nach der Versammlung bei August Lühmann schwärmen die „Roten“ aus. Einige sind bewaffnet. Eine Abordnung besetzt die Post und legt den Telegrafenverkehr lahm. Andere entwaffnen die Wasserschutzpolizei und beschlagnahmen ein Maschinengewehr. Dieses bringen die Kommunisten am Schäferberg in Stellung.

Kommunisten in Geesthacht ziehen nach Düneberg und Krümmel

Mit der Barkasse des Wasserschutzes ziehen 30 Mann nach Altengamme, um an die Waffen des Heimatschutzes zu gelangen. Allerdings hat sie deren Kommandant Podeyn rechtzeitig fortgeschafft.

Derweil ziehen die Kommunisten in Geesthacht mit „mehreren hundert Erwerbslosen“ (Ziehl) nach Düneberg und Krümmel. In Düneberg müssen sie sich gewaltsam Einlass verschaffen und sprengen das Eingangstor. Die Arbeiter stellen für einen Tag ihre Tätigkeit ein. Das veranlasst die Kommunisten zum Rückmarsch. Auf diesem erfahren sie, dass in Hamburg wieder alles ruhig ist, von Protesten keine Spur. Ihre Situation ist aussichtslos. Zumal die Staatsmacht längst alarmiert ist. Wobei deren Zahlen deutlich übertrieben sind: Der preußische Staatskommissar Robert Weismann berichtet von etwa 2000 bewaffneten Kommunisten, die Kampfstellungen bezogen hätten.

Sicherheitspolizei bezieht „Feldlager“ am Markt

Ein Erkundungsflugzeug kreist über der Stadt. Gegen Mittag rückt die Sicherheitspolizei (Sipo) mit vier Panzerwagen und zehn Lastautos mit je 40 Mann in Geesthacht ein und besetzt Stellungen am Marktplatz. Eine Radfahrer-Kompanie aus Schwarzenbek unterstützt sie. „Es war das reine Feldlager“, schreibt Max Prüß 1929 im „Geesthachter Heimatbuch“.

August Ziehl beklagt sich in seinem Buch über riesige Schlagzeilen sogar in amerikanischen Zeitungen, die von Schlachten mit Spartakisten schrieben. „Alles Schwindel, nicht ein einziger Schuss fiel.“ Die Kommunisten gaben widerstandslos auf – nur Stunden, nachdem ihr Aufruhr begonnen hatte.

In Geesthacht werden rund 60 Aktivisten verhaftet

Während die „März-Aktion“ in Mitteldeutschland erst am 1. April niedergeschlagen wird, werden in Geesthacht noch am 23. März rund 60 Aktivisten verhaftet. 43 von ihnen werden einen Monat später von einem außerordentlichen Gericht verurteilt. Drei Rädelsführer – August Ziehl, Robert Fitzer, Karl Kosmoss – erhielten Zuchthausstrafen zwischen 24 und 41 Monaten. Die übrigen 40 bekamen zusammen 38,5 Jahre Gefängnisstrafen. Allerdings wurde der Großteil bereits im September 1921 amnestiert, als letzte wurden die drei Aufrührer am 1. Mai 1922 entlassen.

August Ziel blieb politisch aktiv, war von 1924 bis 1931 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und 1931 Geesthachts zweiter Bürgermeister. 1933 und 1944 sitzt er für jeweils etwa ein Jahr in den Konzentrationslagern Fuhlsbüttel und Neuengamme. Er starb 1965 mit 84 Jahren.

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