Katastrophenschutz

Im Landkreis Harburg sollen die Sirenen wieder heulen

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Katy Krause
In besonders dicht besiedelten Bereichen werden die Sirenen aus Rücksicht auf Anwohner kaum noch genutzt oder wurden abgebaut.

In besonders dicht besiedelten Bereichen werden die Sirenen aus Rücksicht auf Anwohner kaum noch genutzt oder wurden abgebaut.

Foto: Bildagentur-online/Ohde

Landkreis investiert halbe Million Euro in 30 neue Warnanlagen, eine weitere Million ist nötig für den Katastrophenschutz.

Landkreis Harburg.  Es gibt Menschen, denen fährt bei dem Geräusch bis heute ein Schreck in die Glieder. Und es gibt Generationen, die das Heulen der Sirenen gar nicht mehr zu deuten wissen. Was einst vor möglichen Luftangriffen warnte, gewinnt heute wieder zunehmend an Bedeutung – und das bereits vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Denn die schnelle und effektive Warnung der Bevölkerung im Katastrophenfall, beispielsweise bei schweren Unwettern, Bränden oder Überflutungen, rettet Leben. Das hat spätestens die Flutkatastrophe im Ahrtal im vergangenen Jahr gelehrt. Dort kam die Warnung zu spät und erreichte zu wenige. 134 Menschen starben.

So etwas soll sich im Landkreis Harburg nicht wiederholen. Der Kreistag beschloss in seiner jüngsten Sitzung daher, eine halbe Million Euro in den Katastrophenschutz beziehungsweise in die Warnung der Bevölkerung mittels Sirenen zu investieren. Das Geld soll zur Schließung der weißen Flächen im Landkreis Harburg genutzt werden.

In dicht besiedelten Bereichen wurde auf Sirenen verzichtet

Denn das einstige Netz aus Sirenen ist deutlich lichter geworden. In den 90ern trennte sich der Bund von den Anlagen. Seither sind sie zumeist im Eigentum der Kommunen, die diese fast nur noch für die Alarmierung der Feuerwehr nutzen. Besonders in den dicht besiedelten Bereichen wie Seevetal oder den größeren Städten wie Winsen und Buchholz werden die Sirenen aus Rücksicht auf Anwohner kaum noch aktiviert. Das soll sich ändern.

„Der Vorteil einer Sirene ist, dass wir entscheiden, wann sie heulen soll“, sagt Konstantin Keuneke, Chef der Abteilung Rettungsdienst, Brand- und Katastrophenschutz im Kreishaus. Er wird in den kommenden Monaten in Zusammenarbeit mit dem Städten und Gemeinden ein Konzept zur Schließung der weißen Flächen erarbeiten. 300 Sirenenstandorte gibt es derzeit im Landkreis. Rund 30 sollen hinzukommen. Damit wären nur die Lücken geschlossen. Keuneke schätzt, dass noch einmal eine Millionen Euro für den Ausbau und die Ertüchtigung des Netzes nötig ist.

Bei Warnsystemen mittels Smartphones gibt es Probleme

Im digitalen Zeitalter klingt es merkwürdig, dass man wieder auf die alte Technik setzt. Doch wie Keuneke erklärt, bergen die Warnsysteme über die Smartphones das Problem, dass eben der Nutzer entscheidet, ob und wie ihn die Warnung erreicht. Erst einmal muss man natürlich überhaupt eine dafür nötige Handyanwendung wie Biwapp, Nina oder Katwarn aktiv auf sein Telefon herunterladen. Wer sein Handy auf Flugmodus stellt oder ausmacht, um zum Beispiel in Ruhe zu schlafen, den erreicht eine dringende Warnung nicht, gibt Keuneke zu bedenken. Mal davon abgesehen, dass es auch Menschen gibt, die gar kein Smartphone besitzen oder verwenden können.

Allerdings birgt auch die lange nicht genutzte Sirenen-Technik so ihre Tücken. So stellte sich im Zusammenhang mit dem ersten bundesweiten Warntag im September 2020 heraus, dass die Anlagen im Landkreis Harburg nicht so heulen, wie gedacht. Offenbar war bei der Umstellung der Technik 2012 von analog zu digital etwas schief gelaufen. Denn die Sirenen können zwar warnen, aber nicht mehr entwarnen.

Für die Generationen, die es nicht (mehr) wissen: Ein einminütiger, auf- und abschwellender Heulton bedeutet Warnung und ein einminütiger, gleichbleibender Heulton steht für Entwarnung. Der Fehler soll laut Keuneke nun behoben werden, er hofft bis September dieses Jahres – also bis zum nächsten bundesweiten Warntag.

Sirenen-Tests verunsichern Flüchtlinge aus der Ukraine

Unabhängig vom Warntag werden die Sirenen regelmäßig getestet. Allerdings verunsichert das besonders die Neuankömmlinge aus der Ukraine, bei denen die Geräusche schlimme Erinnerungen wecken. Doch Keuneke macht klar: „Wir müssen testen.“ Nur so könne man feststellen, ob die Anlagen einwandfrei funktionieren oder ob die Technik beispielsweise durch ein Vogelnest oder ähnliches beeinträchtigt wird. „Aber wir haben einen Hinweis aus der Bevölkerung diesbezüglich, dem wir nachkommen“, sagt der Rettungssanitäter, der in Berlin Management für Rettungsdienst, Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz studierte. Bei der Ankunft sollen Flüchtlinge zukünftig über die Tests informiert und aufgeklärt werden.

Keuneke leitet seit zwei Jahren die neue 30 Mitarbeiter starke Abteilung des Kreishauses, deren Bedeutung so bei der Gründung wohl keiner erahnte. Pandemien zählen genauso zum Aufgabengebiet wie Treibstoffversorgung. Gerade wird an einem Konzept gearbeitet, wie bei einem großen Stromausfall die Versorgung mit Aggregaten beispielsweise in Krankenhäusern gesichert wird. Pläne braucht es auch in Sachen Gefahrenabwehr wie im Fall eines Chemieunfalls. Für zwei Unternehmen in Marschacht und Garstedt braucht es solche Sonderpläne, die in Abstimmung mit der Abteilung des Kreises erstellt werden. Rettungsdienst, Feuerwehr, Beschaffungswesen, Katastrophenschutzpläne, Impfzentren, Waldbrandgefahr: All das gehört zu den Aufgaben der Abteilung, die Keuneke leitet.

Extreme Wetterlagen nehmen zu, Landkreis bereitet sich vor

Er weist ausdrücklich darauf hin, dass es vor allem die Ehrenamtlichen sind, die im Notfall die Arbeit in der Region leisteten. 5500 Freiwillige engagieren sich bei DRK, Johannitern, THW und natürlich in den Ortsfeuerwehren. Sie waren es auch, die bei den vergangenen drei sehr schweren Stürmen die unfassbar vielen Einsätze leisteten. „Ohne unsere Feuerwehr und die vielen Ehrenamtlichen wären wir nichts“, sagt Keuneke, der sich darauf einstellt, dass es in den kommenden Jahren häufiger zu solchen extrem Wetterlagen samt Folgen kommen wird. „Das wird mehr werden und darauf müssen wir uns vorbereiten“, sagt er.

Dabei bereiten nicht nur Stürme und Starkregen zunehmend Probleme, sondern auch Trockenphasen sowie 2019/20. Für eine optimierte Bekämpfung von Flächenbränden wurden beispielsweise auch zwei weitere Abrollbehälter bestellt. Sie fassen jeweils 10.000 Liter und dienen zum Wassertransport durch die Kreisfeuerwehr. Gesamtkosten: rund 430.000 Euro.

Die Warnsysteme für Smartphones:

  • Der Landkreis Harburg setzt auf die Wiederbelebung des alten Sirenennetzes. Gleichzeitig nutzt man auch die digitalen Möglichkeiten und betont, dass die Installation von Handyanwendungen helfen kann. Es gibt viele Warnsysteme für das Smartphone. Die drei Relevanten für die Region sind Biwapp, Nina und Katwarn.
  • Der Landkreis Harburg nutzt Biwapp, um lokale Informationen wie Hinweise zu geschlossenen Schulen, gesperrten Straßen, Fahndungs­aufrufe oder Warnungen zu verschicken. Die Anwendung stammt von einem privaten Anbieter, der Agentur Markt­platz GmbH. Die Kommunen erstehen Lizenzen zur Nutzung.
  • Bei Katwarn handelt es sich um eine der erste Katastrophen-Warn-Apps in Deutsch­land. Sie wurde vom Fraunhofer-Institut entwickelt und ist seit 2011 auf dem Markt. Die Hamburger Feuerwehr nutzt beispielsweise dieses System.
  • Nina ist die offizielle Warn-App des Bundes. Sie wird vom Bundes­amt für Bevölkerungs­schutz und Katastrophen­hilfe seit 2015 angeboten. In der Theorie sollen hier auch lokale Warnmeldungen anderer App-Betreiber wie eben Biwapp und Katwarn auch einfließen.