Bundestagswahl

Klima-Aktivisten stören Wahlkampftermine von Olaf Scholz

| Lesedauer: 6 Minuten
Sven Bleilefens mit dpa
In Soltau bestritt Olaf Scholz (l.) den Auftritt mit Lars Klingbeil, der für den bislang erfolgreichen Wahlkampf mit verantwortlicht ist.

In Soltau bestritt Olaf Scholz (l.) den Auftritt mit Lars Klingbeil, der für den bislang erfolgreichen Wahlkampf mit verantwortlicht ist.

Foto: Philipp Schulze / dpa

Kanzlerkandidat in der Region: In Soltau versucht Mann die Bühne zu stürmen. Auch in Lüneburg geht es turbulenter zu als erwartet.

Soltau/Lüneburg. Nachdem Armin Laschet in Seevetal ein Heimspiel feierte, steuerte nun auch sein Konkurrent ums Kanzleramt die Region an. SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz trat am Dienstag erst in Soltau auf und wurde dann am Abend in Lüneburg erwartet. Dort hatten sich rund 450 Menschen in den Clamartpark aufgemacht.

Die meisten waren wohl zur Wahlkampfveranstaltung gekommen, um dem Kandidaten fünf Tage vor der Bundestagswahl zu zuhören. Doch das war streckenweise nicht so einfach. Scholz musste sich teils Gehör verschaffen, denn es wurde turbulenter als erwartet.

Unter den Zuhörern in Lüneburg war ein Gruppe von Klimaaktivisten

Der Grund: Unter den Zuhörern war ein Gruppe von Klimaaktivisten, die mit Zwischenrufen teilweise die Veranstaltung störten. Ihnen war auch besonders ein Anliegen, Scholz zu einem Treffen mit den derzeit vor dem Berliner Reichstag Streikenden zu bewegen. Denn Henning Jeschke gehört zur Gruppe der Klimaaktivisten, die sich seit Ende August im Hungerstreik befanden. Er ist Student an der Lüneburger Universität Leuphana. Sie fordern ein Gespräch mit allen Kanzlerkandidaten vor der Bundestagswahl. Was alle drei ablehnen.

Politikprofi Olaf Scholz, der um 19.15 Uhr die Bühne betreten hatte, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Weder von den Transparenten, noch von den Parolen noch von drängenden Forderungen. Er versprach, nach der Wahl mit den Hungerstreikenden zu reden. An die Aktivisten gerichtet, sagte er: „Ich bitte die jungen Leute, die in Berlin einen Hungerstreik machen, sofort damit aufzuhören und ihr Leben zu schützen.“ Später am Abend, als er in einer Fragerunde erneut mit dem Thema konfrontiert wurde, und zwar wohl von einem Bekannten des Streikenden Henning Jeschke, sagte Scholz: „Bitte empfehlen Sie ihrem Freund, wenn Sie wirklich sein Freund sind, dass er den Hungerstreik abbricht.“

Auch einige Stunden zuvor in Soltau ging es um das Thema. Auch hier, auf dem sonst eher beschaulichen Georges-Lemoine-Platz, ging es zeitweise turbulent zu. Ein aufgebrachter Mann versuchte sogar, die Bühne zu stürmen, wurde aber vom Sicherheitspersonal zurück gehalten. Eine ebenfalls aufgebrachte Demonstrantin meldete sich lautstark im Publikum zu Wort und forderte vom Vizekanzler, auf die Aktivisten einzugehen. „Die machen einen Hungerstreik, sie riskieren ihr Leben, damit wir alle eine Zukunft haben“, schrie sie.

Am Montag hatten zwei Hungerstreikende angekündigt, auch das Trinken zu verweigern, falls das Gespräch am Donnerstag nicht zustande komme. Scholz bot auch in Soltau ein Gespräch mit den Streikenden nach der Bundestagswahl an. Wie die Klimaaktivisten am Mittwoch bekannt gaben, hat ein Großteil der Gruppe den Hungerstreik mittlerweile eingestellt. Ob Henning Jeschke, der Anfang der Woche angekündigt hatte, auch das Trinken einzustellen, seine lebensgefährliche Aktion ebenfalls beendet, geht aus der Mitteilung nicht hervor.

In Lüneburg unterstützt Minister Stephan Weil Olaf Scholz

Die Veranstaltungen bestritt Scholz nicht allein. In Lüneburg erhielt er mit dem Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Parteigenossen Stephan Weil prominente Unterstützung. Weil machte sogar den Anfang am späten Dienstagabend, stimmte die zahlreichen Besucher ein. Viele in der Bundesrepublik hätten sich die Frage gestellt: „Wünsche ich mir Annalena Baerbock als Bundeskanzlerin in den nächsten Jahren?“ Vereinzelt war Applaus und Jubel in Lüneburg zu hören. Darauf konterte Weil: „Ja, ungefähr so viele, wie hier jetzt gerade klatschen, sind das.“ Das brachte ihm Lacher aus dem Publikum ein, doch zur Sicherheit folgte noch einmal der Stimmungstest in Richtung CDU-Kontrahent Armin Laschet.

Keine Überraschung: Zur Wahlveranstaltung sind viele SPD-Anhänger gekommen, für Laschet gibt es keinen Applaus. Über Scholz berichtete Weil: „Das ist jemand, den habe ich in vielen Jahren, in schwierigen Zeiten, in schwierigen Ämtern kennengelernt.“ Niemand habe zudem so viele Wohnungen in Hamburg gebaut wie er, lobte der Ministerpräsident. Weil sagte: „In Lüneburg kennt ihr den ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg – eurer Nachbarstadt, wo er eine Wohnungsbaupolitik vorangepeitscht hat, die bis heute in Deutschland ihresgleichen sucht.“

Es folgte der Auftritt des angepriesenen Scholz. „Guten Abend. Es ist schön euch alle zu sehen, noch geht’s ja – ist ja hell genug“, sagte er und ging auf Tuchfühlung. Dann spulte er sein Programm ab. Er sprach von Aufbruch und Veränderung. Beim Thema Steuersenkungen nahm er Bezug auf Union und FDP: „Das ist unsolidarisch, das ist unfinanzierbar und völlig aus der Zeit gefallen.“

Liebeserklärung in Lüneburg aus der hinteren Zuhörerreihe

Zwei Punkte hob er hervor, die „angepackt werden müssen, wenn das mit der Zukunft klappen soll.“ Zum einen sei da der Respekt. Beim höheren Mindestlohn gehe es „um die Würde von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.“ Mehr verbindliche Tariflöhne, die Angleichung der Löhne zwischen den Geschlechtern. Dann einmal ein Zwischenruf der ganz anderen Art: „Olaf, ich liebe dich!“ rief da eine dumpfe Stimme aus den hinteren Reihen. Das kam beim Publikum an, auch Scholz stockte und lächelte kurz. Aufgabe zwei aus seiner Sicht: die anstehende industrielle Modernisierung. „Wir müssen dafür sorgen, dass wir in den nächsten 20, 30 Jahren vorne mit dabei sind.“

Nach nicht ganz einer halben Stunde war die Rede beendet. Im Anschluss ging es um die Beantwortung von den Publikumsfragen. Diese konnten zuvor auf Bierdeckeln notiert und eingereicht werden. Thematisch war da alles dabei von Wohnraum, Mobilität und Gesundheitsversorgung und Koalitionspartnern.

Die 26 Jahre alte Laura Siegismund aus Lüneburg, die mit ihrem 24-jährigen Bruder gekommen war, hatte auf jeden Fall das Veranstaltungsformat am Ende überzeugt. Sie sagte: „Du kannst drei Trielle schauen, aber hier bekommst du noch einmal einen ganz anderen Eindruck.“