Wahlserie

Coronafaktor spielte bei dieser Kandidatin eine große Rolle

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Axel Tiedemann
Politikneuling Julia Langer zeigt den Spielplatz von Drestedt, der sich zu einem wichtigen Treffpunkt im Dorf entwickelt hat.

Politikneuling Julia Langer zeigt den Spielplatz von Drestedt, der sich zu einem wichtigen Treffpunkt im Dorf entwickelt hat.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Politikneuling Julia Langer aus Drestedt stellt sich am 12. September zum ersten Mal zur Wahl. Schuld daran ist die Pandemie

Drestedt. Wer sich im Vorfeld dieser Wahl mit erfahrenen Kommunalpolitikern unterhalten hat, bekam oft einen Satz zu hören: Man habe wohl noch nie so viele Bewerber für Kandidatenplätze gehabt wie diesmal. SPD-Leute sagten dies, Christdemokraten, Grüne oder auch Vertreter unabhängiger Wählergemeinschaften.

Von Politikmüdigkeit also keine Spur, so scheint es – jedenfalls nicht vor Ort in den Gemeinden und Städten in den Landkreisen Stade und Harburg. Woran es genau liegt, müsste wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Aber die Vermutung liegt nahe, dass sich die Corona-Pandemie auch in diesem Bereich stark auswirkte und gerade Newcomer sich in dieser Zeit verstärkt für die örtliche Politik interessieren.

35-Jährige tritt für die "Freie Liste Drestedt" zur Wahl an

Ein Beispiel dafür ist die Drestedterin Julia Langer. Sie tritt am 12. September bei den Kommunalwahlen an, kandidiert für die „Freie Liste Drestedt“ um einen Platz im Gemeinderat. Aufgewachsen ist die 35-jährige, studierte Mathematikerin in einem Dorf bei Neustrelitz. Für den Job zog sie nach Hamburg, arbeitet dort inzwischen als Leiterin der mathematischen Abteilung bei einer großen Versicherung. Als sich vor rund sieben Jahren das zweite Kind ankündigte, wollten sie und ihr Mann für die Familie wieder weiter draußen nach einem neuen Wohnort suchen, möglichst im eigenen Haus.

Irgendwann kamen sie dabei durch Drestedt, das zur Samtgemeinde Hollenstedt gehört. Das nahe Estetal prägt die Gegend, weite Felder und Wälder. Sogar Kopfsteinpflaster gab es hier. „Wir sind in den Ort reingefahren und haben uns sofort verliebt“, sagt sie. 2014 kam die zweite Tochter zur Welt und Julia Langer verbrachte wie so viele Pendler viel Zeit mit dem Weg zur Arbeit. Neben der Familie blieb da nicht viel, um sich zusätzlich um andere Belange vor Ort zu kümmern. Die Herausforderungen aus Beruf und Elternschaft füllte alles aus.

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Doch dann kam Corona und damit das Homeoffice. „Auf einmal hatte ich viel mehr Zeit, den eigenen Ort zu entdecken“, sagt sie. Sie bekam mit, wie gut es war, dass sich hier Ehrenamtliche kümmerten. Um den Ausbau des Spielplatzes als wichtigen Treffpunkt für junge Familien etwa. Oder um Angebote für Senioren und Jugendliche. Drestedt, das bemerkte sie erst jetzt so richtig, ist auch so lebenswert, weil hier die Gemeinschaft gepflegt wird, es Angebote für verschiedene Altersstufen gibt.

Sie bemerkte, dass da etwas nicht so richtig sei

„In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war das nicht so, weil damals viele junge Leute weggingen“, erzählt sie. Da habe es kaum Angebote gegeben, nur einen Bus, der zur Schule fuhr: einmal hin und einmal zurück. Um aber eine solche Gemeinschaft wie in Drestedt zu erhalten, brauche es Leute, die sich engagieren. „Ich möchte aus dieser Erfahrung heraus das Miteinander hier auch fördern“, sagt sie zu ihrer Motivation.

Hinzukamen auch Dinge, bei denen sie bemerkte, dass da etwas nicht so richtig zu Ende gedacht sei und etwas geändert werden müsse. Etwa, dass Kinder aus Drestedt plötzlich nicht mehr zur Schule ins nahe Trelde gehen sollten, weil das eben zu Buchholz und nicht zu Hollenstedt gehört. „Vorher konnten sie zu Fuß gehen, jetzt müssen sie mit dem Bus hingebracht werden: Das passt doch nicht in die Zeit“, sagt Julia Langer.

Weg in die Politik schließlich über einen kleinen Umweg

Der Weg in die Politik kam dann schließlich über einen kleinen Umweg. Erst die Bekanntschaft ihres Mannes mit einem Vertreter der Freien Liste ließ die Idee keimen, weil er zum Mitmachen einlud. Ihr Mann überzeugte sie schließlich. Organisieren, analytisch vorgehen – da sei sie als Mathematikerin viel besser, fand er. Die parteipolitische Unabhängigkeit einer freien Liste gefiel ihr zudem, zumal sie in diesem Fall explizit auf ihren Ort zugeschnitten ist. „Da muss ich mich nicht in den großen Rahmen einfügen, da stehe ich alleine für meine Person“, sagt sie.

Den letzten Ausschlag für einen Eintritt in die Kommunalpolitik hat dann am Ende schließlich auch wieder Corona gegeben – oder besser die Erfahrungen daraus. Ein vollständiges Zurück in die zeitaufwendige, tägliche Pendelei zum Job wird es für sie auch nach Ende der Pandemie nicht mehr geben. Zwei Tage Homeoffice pro Woche – das soll bleiben. Und damit genügend Zeit, um bei den manchmal auch kleinen politischen Dingen vor Ort mitzuarbeiten. „Ich bin dazu jetzt bereit.“