Kommunalwahl-Serie

Warum Harburger Wirtschaftsförderer Politiker werden will

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Rolf Zamponi
Wilfrid Seyer will für die CDU in den Samtgemeinde- und Gemeinderat in Tostedt einziehen.

Wilfrid Seyer will für die CDU in den Samtgemeinde- und Gemeinderat in Tostedt einziehen.

Foto: Rolf Zamponi

Für 20 Jahre war Wilfried Seyer Chef der Wirtschaftsförderung im Landkreis. In der Abendblatt-Serie erklärt er sein neues Engagement.

Tostedt. Er trägt jetzt Bart: Wilfried Seyer ist Ende 2018 als Chef der Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg (WLH) in den Ruhestand gegangen und pflegt seitdem das neue Aussehen. Doch Ruhestand ist nichts für den heute 69-Jährigen. Deshalb kandidiert er jetzt bei den Kommunalwahlen am 12. September sowohl für den Kreistag „weiter hinten“, vor allem aber auch für den Samtgemeinde- und den Gemeinderat in Tostedt auf aussichtsreichen Listenplätzen. „Die Politik braucht neben Jungen auch die Älteren mit ihren Erfahrungen.“ Davon ist Seyer überzeugt.

Erfahrungen mit öffentlichen Finanzen vor allem aber mit wichtigen Impulsen für eine funktionierende Wirtschaft hat der gelernte Verwaltungswirt zur Genüge. 50 Jahre lang hat er gearbeitet. Seine Karriere startete bei der Buchholzer Stadtverwaltung. Auf zehn Jahre in Buchholz folgten zehn Jahre bei der Stadtverwaltung in Bad Oldesloe, wo er stellvertretender Kämmerer und damit Vizefinanzchef war. Danach wechselte er für zehn Jahre in die Wirtschaftsförderung des Kreises Stormarn mit der Kreisstadt Bad Oldesloe. Dann wurde Seyer Chef der WLH in Buchholz.

Wirtschaftskontakte sollen nicht verloren gehen

Seine über Jahrzehnte gewachsenen Kontakte, die landesweit bis zur IHK Lüneburg-Wolfsburg oder zur Förderbank des Landes Niedersachsen, N-Bank, reichen, will er nun in die Kommunalpolitik einbringen. Am besten mit einem politischen Mandat. „Wäre doch schade, wenn ein solches Netzwerk über die Jahre hinweg einfach verloren ginge“, erklärt er.

Seyer gehört zwar seit 15 Jahren der CDU an. Aber noch während seiner Arbeitszeit für die WLH als öffentliche Firma wollte er sich nicht politisch engagieren. „Ein solches Amt passt mit einem Mandat nicht zusammen,“ so seine Auffassung. Nun, nach dem Abschied in Buchholz, möchte er für die kommenden fünf Jahre loslegen. Ehefrau Dörte habe den Einsatz akzeptiert. Klar ist aber, dass eine anschließende Kandidatur nicht in Frage kommt. „Aber wenn ich es schaffe, meine Ideen in Fahrt zu bringen, habe ich einen Impuls gesetzt, der weiterverfolgt werden kann“, so sein Ziel.

Grundstücke im Gewerbegebiet von Tostedt sind noch unbebaut

Seine Themen hat der Familienvater, der in Hamburg geboren wurde, mit seinen Eltern im Alter von zwei Jahren nach Holm-Seppensen kam und heute in Tostedt wohnt, längst gefunden. Da ist das Gewerbegebiet Harburger Straße, wo noch immer 15 von 45 Grundstücken nicht bebaut sind. Der Hintergrund: Die Gemeinde habe nach der Erschließung für den Weiterverkauf kein Baugebot festgelegt. „Damit gehen Tostedt überschlägig gerechnet 150 Arbeitsplätze und natürlich Gewerbesteuereinnahmen verloren“, sagt Seyer. Zum Vergleich: Das schleswig-holsteinische Reinfeld, genauso weit entfernt von Hamburg wie Tostedt und deutlich kleiner, erhalte derzeit eine Million Euro mehr Steuern als die Niedersachsen. Ein möglicher Ausweg sei, mit dem jetzigen Besitzern über einen Rückkauf zu verhandeln, schlägt der Wirtschaftsexperte vor. Auch wenn dies sicher nicht einfach werde.

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Für Tostedt und seinen Einzelhandel hält Seyer zudem ein Citymanagement für aussichtsreich. „Dafür muss eine Stelle in der Verwaltung und ein Etat geschaffen werden.“ Das Zentrum mehr in den Blickpunkt von Kunden zu rücken oder als Standort für Büros bekannter zu machen, ergibt für Seyer Sinn. So hat die IHK errechnet, dass der Einzelhandelsumsatz der Tostedter mit 8318 Euro pro Kopf deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liege und die Stadt eine zentrale Funktion für die Orte in der Nachbarschaft habe. „Das Citymanagement muss Tostedt stärker als Wirtschaftsstandort herausstellen“, fordert er.

Unternehmen sollen politisch stärker wahrgenommen werden

Dem Landkreis rät der ehemalige Chef der Wirtschaftsförderung zu einer Neuorientierung für den Ausschuss für Wirtschaft, Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und Tourismus. „Die Politiker sollten den Ausschuss in der nächsten Legislaturperiode trennen und in einem neuen Wirtschaftsausschuss die Infrastruktur mit Themen wie Baustellen, Stromversorgung oder den Brandschutz stärker in den Focus rücken“, sagt Seyer. Das würde der wirtschaftlichen Bedeutung des Landkreises als wirtschaftsstärksten in Niedersachsens Rechnung tragen. „Die Firmen im Landkreis erwarten, dass man sie auch politisch wahrnimmt.“

Für seine aktuelle Heimatstadt setzt Seyer auf „ein Aufwachen“ nach den Wahlen. Tostedts Einwohnerzahl wächst weiter. Doch der Kandidat vermisst Anstöße aus dem Rathaus, um davon zu profitieren. „Ich habe mich mit der WLH für die Unruhe im Landkreis zuständig gefühlt“, erinnert er sich. Daran will er nun mit einem Mandat anschließen. Er verspricht: „An weiteren Ideen fehlt es mir jedenfalls nicht.“