Lüneburger Heide

Heidelbeer-Bauern kritisieren Preisdruck aus Osteuropa

| Lesedauer: 6 Minuten
Katy Krause und Josefine Harms
In der Lüneburger Heide befindet sich nach Angaben des Verbandes das größte Blaubeer-Anbaugebiet Deutschlands. Doch die Konkurrenz aus Osteuropa macht es Landwirten schwer.

In der Lüneburger Heide befindet sich nach Angaben des Verbandes das größte Blaubeer-Anbaugebiet Deutschlands. Doch die Konkurrenz aus Osteuropa macht es Landwirten schwer.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Landwirte in der Region können mit Preisen importierter Früchte nicht mithalten. Die Saison sei "zu 100 Prozent verloren gegangen".

Landkreis Harburg. Wer durch die Lüneburger Heide streift, kennt das Heidekrautgewächs mit den leckeren Beeren: Heidelbeeren oder, wie die norddeutschen sagen, Bickbeeren wachsen hier überall in den Wäldern. Aber auch auf den Feldern. Denn die Lüneburger Heide gilt als das größte Anbaugebiet Deutschlands für die blauen schmackhaften Vitaminbomben. Zahlreiche Betriebe in der Region leben von dem Geschäft mit den Beeren. Doch das läuft richtig schlecht.

„Diese Heidelbeersaison ist für die Beerenanbauer zu 100 Prozent verloren gegangen“, zieht der Vorsitzende der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer, Fred Eickhorst, eine erschreckende Bilanz. Die heimischen Heidelbeeranbauer würden unter dem Kostendruck und der Konkurrenz aus Osteuropa verzweifeln. Eickhorst ist verärgert über den Lebensmitteleinzelhandel, der die regionalen Heidelbeeren nur für den osteuropäischen Preis abnehme. Unter dem Motto „Friss oder stirb“, so Eickhorst habe diese Saison gestanden.

Heidelbeeren aus Osteuropa zu günstig

Vor diese Wahl gestellt wurde auch der Familienbetrieb Oelkers gerade erst. Die Unternehmer entschieden, dass ihnen ihre Ware mehr Wert ist und nahmen den angebotenen Preis nicht an. „Wir haben gerade eine größere Charge zurückholen lassen“, berichtet Bosse Sötje, der auf dem Hof in Wenzendorf im Landkreis Harburg das Anbaugeschäft managt. „Die Wertschätzung der Heidelbeeren ist unserer Familie wichtig“, sagt er.

Daher versuchen sie einen anderen Weg, verramschen ihre mühsam angebaute und per Hand geerntete Ware nicht. Auf 15 Hektar baut der Familienbetrieb in der Lüneburger Heide die Heidelbeeren an. Ob sich das in Zukunft in der Größe rechne, müsse sich zeigen, sagt Sötje. „Dieses Jahr war schon ernüchternd.“

Familie Oelkers versucht der problematischen Preispolitik mit Kreativität zu begegnen. Sie setzt verstärkt auf die Direktvermarktung im Hofladen oder an Ständen. „Wir haben auch viel neues ausprobiert“, sagt Sötje. So erschaffen sie aus den Heidelbeeren neue Produkte wie Heidelbeersaft, Liköre und in diesem Jahr erstmals auch Smoothies. Die zurückholte Charge wird übrigens zu Eis weiterverarbeitet.

Heidelbeerhof Dieter Block steht vor ungewisser Zukunft

Auch Andrea Block vom Heidelbeerhof Dieter Block in Walsrode berichtet von dem derzeit sehr schwierigen Geschäft aufgrund der Preispolitik. „Wir liefern die Blaubeeren an den Großhändler, der verkauft die Blaubeeren dann an die Supermärkte“, sagt sie. Bisher hätten sie die Ware trotz der Konkurrenz auch immer verkaufen können. „Aber nicht für den Preis, den wir wollten.“ Die Preise würden vom Großhändler gedrückt und sind laut Block niedrig.

„Wir haben den Hof schon seit über 40 Jahren, da lohnt es sich nicht mehr, auf etwas anderes umzusteigen“, sagt sie. Auch auf ihrem Heidelbeerhof gibt es Direktvermarktungsangebote wie Selbstpflücken, der Verkauf von Blaubeersaft und Marmelade. Doch die Zukunft ist ungewiss: „Bald werden wir ganz aufhören, was unser Nachfolger daraus macht, wissen wir noch nicht.“

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Auch die niedersächsische Landwirtschaftskammer beobachtet die Wettbewerbsnachteile heimischer Anbaubetriebe. Die regionalen Erzeuger hätten insbesondere durch die coronabedingten Sonderauflagen enorm steigende Lohnkosten. Überall dort, wo es arbeitsintensive Prozesse gibt – auch bei der Ernte von Erdbeeren, Himbeeren oder Spargel – seien die heimischen Betriebe von diesem massiven Wettbewerbsnachteil betroffen. „Wir appellieren auch aus Qualitäts- und Frischegründen zum Kauf von Heidelbeeren aus heimischem Anbau“, hieß es aus der Kammer.

Verband fordert eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln

Deutsche Ware werde meist nur in Kleinstgrößen angeboten. „Gleich daneben standen die großen Packungen natürlich günstiger, aber mit der Ware aus Osteuropa. Für den Verbraucher, der nicht genau hinschaut, ist das nicht zu erkennen“, erklärte Eickhorst. Es fehle eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln. „Vor zwei Jahren hatten wir das Label „Geerntet in Deutschland“ eingeführt, mit schwarz-rot-goldener Fahne drauf. Gut erkennbar für den Kunden. Doch der Handel verhindert die Kennzeichnung“, sagte er.

Vor zehn Jahren wurden den Angaben nach zur Saison noch 80 Prozent der Beeren in Deutschland produziert. „Jetzt gibt es Heidelbeeren das ganze Jahr über im Regal, aber nur noch 16 Prozent der Gesamtmenge kommen aus Deutschland – Tendenz weiter stark fallend“, berichtete Eickhorst. Dass passe nicht mehr zusammen und sei auch bei anderen Beeren wie Erdbeeren und Himbeeren zu erkennen. Eickhorst sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, die unterschiedlichen Wettbewerbs-, Gesellschaft- und Umweltanforderungen in der EU mit Regelungen auszugleichen. Das fange bei den Produktionsstandards an, gehe über den Transport und den damit verbundenen Kohlendioxidausstoß bis hin zur Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe in verarbeiteten Produkten.

Über das Anbaugebiet:

  • Niedersachsen ist den Angaben zufolge das größte Anbaugebiet für Heidelbeeren in Deutschland. Auf rund 2000 Hektar wachsen die Früchte – das entspricht rund 70 Prozent des gesamten Anbaus in der Bundesrepublik.
  • Die Haupternte dauert in Niedersachsen von Mitte Juli bis Anfang August – wegen unterschiedlicher Reifezeitpunkte geht die Saison aber bis Mitte September.
  • Nach Angaben des Statistischen Landesamtes hatten im vergangenen Jahr 160 Betriebe in Niedersachsen insgesamt 6743 Tonnen Kulturheidelbeeren geerntet.
  • Die Blauen Höfe sind ein Zusammenschluss von Heidelbeerbetriebe in Niedersachsen, die Gäste empfangen und Einblicke in den Hofbetrieb gewähren. Unter ihnen ist beispielsweise auch der Hof Oelkers, Klauenburg 6, in Wenzendorf und der Heidelbeerhof Dieter Block, Groß Eilstorf 44, in Walsrode.
  • Weitere Informationen rund um die beliebte Beere, das niedersächsische Anbaugebiet sowie den regionalen Zusammenschluss der Blauen Höfe findet sich im Internet unter der Adresse: www.die-blauen-hoefe.de
( mit dpa )