Präventionsprojekt

Hilfestellung oder ungebührliche Annäherung?

| Lesedauer: 6 Minuten
Sie setzen sich im TuS Fleestedt für ein Präventionskonzept ein (v.l.): der ehemalige Jugendobmann Jens Barck, Obfrau für den Mädchenfußball Diana Menke, Ballett-Trainerin Karen Braun-Heid und Pressewart Ulrich Vergin.

Sie setzen sich im TuS Fleestedt für ein Präventionskonzept ein (v.l.): der ehemalige Jugendobmann Jens Barck, Obfrau für den Mädchenfußball Diana Menke, Ballett-Trainerin Karen Braun-Heid und Pressewart Ulrich Vergin.

Foto: Kaja Weber / Kaja Weber / HA

Der TuS Fleestedt möchte seine Übungsleiter für die Gefahren sexualisierter Gewalt im Sport sensibilisieren.

Seevetal. Beim Ballett-Training die Haltung korrigieren oder einem verletzten Sportler auf dem Fußballplatz den Arm um die Schulter legen: In Sportvereinen kann es immer wieder zu Situationen kommen, in denen körperliche Nähe zwischen Übungsleitern und Jugendlichen eine Rolle spielt. Das birgt auch Risiken.

Der Turn- und Sportverein Fleestedt arbeitet daher an einem Präventionskonzept zu sexualisierter Gewalt, um seine knapp 750 jugendlichen Sportler - und die Übungsleiter selbst - zu schützen. Gemeinsam mit Referenten der Sportjugend Niedersachsen hat der TuS zunächst damit begonnen, die Abläufe im Verein genauer zu beleuchten: Wo können sich je nach Sportsparte Risiken ergeben?

Fälle von sexualisierter Gewalt im eigenen Verein kann man nicht ausschließen

„Ich habe am Anfang deutlich unterschätzt, was damit alles verbunden ist und was dahintersteckt“, sagt Vorstandsmitglied Ulrich Vergin, der Fußballspielerinnen im Verein trainiert. „Ich habe mittlerweile lernen müssen, dass das ein sehr komplexes, vielschichtiges Thema ist. Und dass man da wahrscheinlich auch nie zu einem Ende kommt. Weil es immer darum geht, das Bewusstsein am Leben zu halten.“ Ausschließen, dass ein Fall von sexualisierter Gewalt auftritt, könne man nicht.

Jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge machen mindestens einmal vor dem 18. Lebensjahr eine sexualisierte Gewalterfahrung. Diese Schätzung findet sich in einem Leitfaden der Deutschen Sportjugend des Deutschen Olympischen Sportbundes.

„Und dann darf man auch die Gegenseite nicht vergessen“, sagt Fußballtrainerin Diana Menke. Die ausgebildete Pädagogin hat das Präventionsprojekt beim TuS angestoßen. Sie gibt zu bedenken: Wenn sich über Trainer oder Übungsleiter womöglich unbegründete Anschuldigungen verbreiten, könne das die Arbeit stark beeinflussen.

Trainer müssen für Risiken in Alltagssituationen sensibilisiert werden

In je dreistündigen Grundlagenschulungen möchte der TuS seine Übungsleiter für die Gefahren sensibilisieren. „Wichtig ist, dass die Trainer das „Nein“ der Jugendlichen akzeptieren“, sagt Jens Barck vom Förderverein des TuS. Was für den einen unproblematisch ist, könne von einem anderen als ungebührliche Annäherung empfunden werden. Wenn einem Schutzbefohlenen etwas unangenehm ist, muss das akzeptiert werden.

Im Alltag könne es einfach zu Missverständnissen kommen: Wenn ein Trainer zum Beispiel in einer Kabine mit seinem Handy hantiert, um noch eine Nachricht zu verschicken und Jugendliche das Gefühl haben, sie würden fotografiert. „Das sind Sachen, für die man die Trainer sensibilisieren muss. Das ist das Tagesgeschäft, der macht sich in dem Moment keine Gedanken drüber“, sagt Barck.

Daher hat der TuS schon erste Maßnahmen umgesetzt: Die Glastüren am Ballettraum wurden mit Folien versehen, damit Gäste von außen nicht bei allen Übungen zusehen. Handys sind in allen Kabinen tabu. Bevor man als Trainer für einen verletzten Spieler am Boden Hilfestellung gibt, muss zunächst gefragt werden, ob man die Hand anlegen darf. Und wenn ein Trainer zur Spielbesprechung in die Kabine geht, kündigt er sich vorher mindestens durchs Klopfen an. Dazu sagt Vorstand Vergin: „Das lässt sich schon gestalten. Man muss nur ein Bewusstsein dafür haben. Dann bietet das einen gewissen Schutz für beide Seiten – sowohl für die Sportler als auch für die Übungsleiter.“

TuS Fleestedt beschäftigt sich auch mit Diskriminierung

In weiteren Workshops erarbeitet der TuS außerdem ein verbindliches Vereinskonzept mit Richtlinien und Verhaltensvorschlägen. In diesen Sitzungen versucht das Team auch zu klären, wo der Begriff der Gewalt beginnt. „Die Übergänge sind fließend“, sagt Vergin. Daher beschäftigt sich das Team nicht nur mit physischen Handlungen: Wenn eine Fußballspielerin etwa aus religiösen Gründen auch beim Spiel ein Kopftuch trägt, darf es dazu keine „blöden Sprüche“ geben - weder vom Publikum, noch vom Schiedsrichter.

Und auch Eltern müssen bei der Arbeit bedacht werden. Ballett-Trainerin Karen Braun-Heid berichtet, dass einige Eltern sich an der undurchsichtigen Folie an den Glaswänden zunächst gestört haben, weil sie nicht mehr so einfach zuschauen können. Sie spricht auch einen anderen Aspekt an: Beim Ballett-Training gehen Eltern öfter mit in die Garderoben, um den jüngeren Kindern beim Umziehen zu helfen. „In den Garderoben kann ich nicht aufpassen“, sagt Braun-Heide. Daher sollen für den Verein verbindliche Regeln aufgestellt werden, die auch für die Eltern gelten. Kinder ab einem bestimmten Alter sollen sich dann zum Beispiel selbst umziehen.

TuS Fleestedt: Präventionskonzept soll bis Sommer 2021 stehen

Es gibt etwa 80 Übungsleiter beim TuS Fleestedt, knapp die Hälfte davon hat in den vergangenen zwei Jahren die Grundschulungen mitgemacht. Durch die Corona-Pandemie haben sich einige Sitzungen verschoben. Ziel des Vereins ist es nun, dass alle Übungsleiter bis Sommer 2021 mindestens eine Schulung besuchen. Bis dahin soll das fertige Präventionskonzept stehen, das von der Sportjugend Niedersachsen abgenommen wird. In dem Leitfaden soll auch festgehalten werden, wie der Verein reagiert, wenn Problemfälle auftreten.

Fußballtrainerin Menke und Fördervorstand Barck sind Vertrauenspersonen im TuS. An sie können sich die Jugendlichen im Zweifelsfall wenden. „Das ist auch eines der Ziele, die wir hier haben: Transparent zu machen, dass jeder weiß, dass hier etwas passiert. Dass nichts unter den Tisch fällt“, sagt Menke. Dafür besucht sie weitere Schulungen.

Vorstand Vergin ist es wichtig, dass das Präventionskonzept im kommenden Sommer nicht nur als Stück Papier an der Wand hängt: Jeder soll es bei der täglichen Arbeit auf dem Sportplatz im Kopf haben.

Die Sportjugend Niedersachsen hat 2011 das Projekt „Schutz vor sexualisierter Gewalt von Kindern und Jugendlichen im Sport“ gestartet. Im Rahmen des Projekts werden Vereine bei der Präventionsarbeit unterstützt. Die Laufzeit des Gesamtprojektes war zunächst bis 2020 befristet, die Beratungsarbeit wird aber unter dem Titel „Prävention von und Intervention bei sexualisierter Gewalt“ weitergeführt. Mehr Informationen sowie einen Leitfaden für Verantwortliche gibt es hier.

Weitere Informationen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im Sport bietet auch der DOSB.