Gut in Tritt

Auf zwei Fahrrädern die Welt erkunden

Sabine und Uwe Wüppermann machen Station am 45. südlichen Breitengrad in Neuseeland.

Sabine und Uwe Wüppermann machen Station am 45. südlichen Breitengrad in Neuseeland.

Foto: Wüppermann

Die Drestedter Sabine und Uwe Wüppermann radeln quer durch Europa und Asien. Dafür verkaufen sie sogar ihr Haus.

Drestedt.  Den Job aufgeben, um sich seinen Traum zu erfüllen – darüber haben wohl schon viele einmal nachgedacht, und den Gedanken dann doch wieder verworfen. Nicht so Sabine und Uwe Wüppermann: Die Drestedter Eheleute, kündigten vor drei Jahren ihre Jobs, um mit dem Fahrrad die Welt zu erkunden. Schon seit 2011 hatte das Ehepaar sich mit dem Gedanken beschäftigt: „Ich habe ein Sabbatical gemacht, das gab den Ausschlag“, sagt Uwe Wüppermann. Mit dem Rad waren beide schon öfter auf Reisen, „aber wir waren irgendwie nie fertig“, ergänzt Sabine Wüppermann. Bis zur Rente wollten sie nicht, das war bald klar.

Doch die Idee brauchte sechs Jahre bis zur Umsetzung in die Tat: Im Frühjahr 2017 hängten beide, damals 49 und 57 Jahre alt, ihre Jobs bei einem Medizintechnik-Unternehmen in Hamburg an den Nagel. Zuerst radelten sie zweieinhalb Monate am Stück durch Europa, dann ein halbes Jahr durch Südamerika, und schließlich ein halbes Jahr durch Australien und Neuseeland.

Nun steht der nächste Schritt an: Die Wüppermanns verkaufen ihr Haus, um auf eine noch längere Radreise zu gehen – quer durch Asien, etwa anderthalb Jahre lang. Am 17. März geht es los. Ohne feste Route, ohne festen Terminplan. Nur die grobe Richtung steht fest: Zuerst nach Bayern, dann die Donau entlang zum Schwarzen Meer. Durch die Türkei, den Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan soll es nach China gehen. „Alles hängt natürlich auch von politischen Entwicklungen ab und davon, wie es mit dem Coronaviren-Ausbruch weitergeht“, sagt Uwe Wüppermann, „kann sein, dass wir am Ende doch in Marrakesch landen.“

Doch davon gehen die beiden im Moment nicht aus. Ohnehin planen sie immer nur wenige Tage im Voraus. Etwa, wann und wo eingekauft wird, wo übernachtet wird. Im Zelt, wenn die Ortschaften mehr als eine Tagestour auseinander liegen, oder in Zimmern bei privaten Vermietern. „Wir nutzen dabei die Plattform warmshowers.org, die sich ausschließlich an Radreisende richtet“, sagt Uwe Wüppermann. Das Couchsurfing-Netzwerk ist in 160 Ländern vertreten. „Wir hatten auch schon Radfahrer bei uns zu Gast.“

Kontakt zu anderen Radfahrern ist sehr wichtig

Auch unterwegs werden die Drestedter Kontakt zu anderen Radfahrern halten, „man begegnet sich, fährt ein Stück zusammen, trennt sich und trifft sich meistens irgendwann wieder“, sagt Sabine Wüppermann. Eine Herausforderung bei der anstehenden Reise wird die Verständigung sein. „Mit Englisch kommt man sicher nicht überall weiter, wohl eher mit Russisch. Das sprechen wir aber beide nicht“, bedauern die Beiden. Sabine Wüppermann lernt gerade das kyrillische Alphabet. „Außerdem gibt es richtige Bilderbücher mit alltäglichen Dingen, mit dessen Hilfe man sich verständigen kann.“ In den betreffenden Sprachen Grundsätzliches wie „Hallo, bitte, danke“ zu lernen, sei selbstverständlich. Auch ein paar Fragen zu beantworten: „Wir wissen ja, was die Menschen von uns wissen wollen, darauf können wir uns einstellen: Wo kommt ihr her, wohin wollt ihr, warum macht ihr das...“

Und wie macht man das. Wie schafft man es, rund um die Uhr mit dem Partner zusammen zu sein? Wie motiviert man sich, wenn man einen Durchhänger hat? „Man muss lernen, auch mal einfach den Mund zu halten“, sagt Sabine Wüppermann. Und wenn einem alles zu beschwerlich vorkommt, „dann sage ich mir: Man weiß ja, was man tut und dass man es grundsätzlich gern tut“, ergänzt ihr Mann.

Pausen sind notwendig, um das Erlebte zu verarbeiten

Die Option, auch mal zwei Tage Pause zu machen gibt es jederzeit. „Das ist manchmal auch einfach notwendig, um all das Gesehene und Erlebte erst einmal zu verarbeiten“, so die 52-Jährige. „Es ist auch ein tolles Gefühl, wenn man zurückschaut und sieht, was man geschafft hat!“ Egal ob der steile Pass oder die zurückgelegte Gesamtstrecke. Das Radfahren selbst ist inzwischen zur Routine geworden. „Trotzdem nehmen wir immer noch zu viel mit“, sagen beide lachend.

Ihre Luxusartikel sind Klappstühle. Außer Zelt und Kleidung sind auch immer Ersatzteile für die Fahrräder an Bord. Jeder führt sechs Taschen am Fahrrad mit. „Radfahren ist einfach die schönste Fortbewegung. Man hat 360-Grad-Sicht, man hört, riecht und schmeckt sie manchmal auch. Man nimmt die Stille wahr“, zählen sie auf.

Heimweh kennen die Wüppermanns nicht, „eher haben wir Fernweh, wenn wieder zu Hause sind“, sagt sie. „Höchstens haben wir mal Heimweh nach sattgrüner Landschaft“, ergänzt er. So viel der Hausverkauf nicht weiter schwer – im Gegenteil: Erst ohne Haus können sie so lange auf Tour, wie sie möchten. Sie müssen niemanden finden, der über ein Jahr lang im Haus nach dem Rechten sieht. Man lerne auch, seinen Konsum zu überdenken. Die Möbel werden eingelagert. Ihre Reise finanzieren sie durch ihre Ersparnisse. „Wir haben viel gearbeitet, das zahlt sich nun aus“, sagen sie. Zwar haben beide ihre Arbeitsstelle aufgegeben, zwischendurch aber auch im kleineren Rahmen weitergearbeitet. Das können sie sich auch für die Zeit nach ihrer Rückkehr vorstellen.

Angst hatten die Abenteurer auf ihren Reisen noch nie

Sabine und Uwe Wüppermann sind sich sicher, das Richtige getan zu haben. Angst, dass ihnen auf ihren Reisen etwas zustoßen könnte, hatten sie nie. Gesunde Vorsicht walten lassen, Impfungen für die Reise in verschiedene Regionen, ein festes Budget – dann läuft es. „Der Weg findet für alles eine Lösung“, sagen sie. Überhaupt haben nicht Berge, Dschungel oder Steppen die nachhaltigsten Eindrücke hinterlassen, sondern stets die Menschen, die sie unterwegs getroffen haben. „Sehr viele haben uns an ihrem Leben teilhaben lassen. Ein Australier hat extra für uns die Schafe geschoren: ,Ihr wolltet das doch mal sehen’, sagte er zu uns“, berichtet Sabine Wüppermann. „Manchmal braucht es viel Einfühlungsvermögen, um den Leuten klar zu machen, dass man weiter will – ohne sie zu kränken“, ergänzt ihr Mann.

Das Fazit der Wüppermanns ist klar: „Wenn man etwas vorhat – einfach machen.“ Doch zugleich warnen sie auch: „Wenn nur einer von beiden der leidenschaftliche Radfahrer ist und der andere nur dem Partner zuliebe mitfährt, klappt es nicht.“ Das ist aber nicht schlimm: „Wir würden uns freuen, wenn wir einfach mehr Menschen zum Radfahren motivieren können. Auch wenn sie nur zwei Tage wegfahren, ist das doch toll.“