Der mysteriöse Fall Drage

Seit drei Jahren fehlen von Mutter und Tochter jede Spur

5. August 2015: Polizisten suchen das Elbufer in Winsen-Drage ab

5. August 2015: Polizisten suchen das Elbufer in Winsen-Drage ab

Foto: dpa/Philipp Schulze

Eine Familie verschwindet spurlos. Wenig später wird der Vater tot aus der Elbe gezogen, seine Frau und die Tochter bleiben vermisst.

Drage.  Drei Jahre nach dem Verschwinden der Familie sieht in der gepflegten Siedlung an der Elbe fast alles so aus wie damals. Nur die gelben Siegel an der Haustür des schlichten Klinkerbaus fehlen, andere Menschen leben jetzt hier. Ein Zaun wurde aufgestellt, eine kleine Hecke gepflanzt. Nichts erinnert mehr an Familie Schulze. Auch vor der Tür abgestellte Grablichter sowie Fotos der Verschwundenen, die mit der Zeit verblasst waren, sind weg.

Es ist der 22. Juli 2015: Die zwölfjährige Miriam Schulze bleibt am letzten Schultag vor den Sommerferien in Niedersachsen wegen einer Erkrankung daheim, ihre Mutter Sylvia fährt an diesem Mittwoch zur Arbeit bei einem Discounter. Am Abend stellt Familienvater Marco Schulze die Mülltonne vor die Tür, danach wird keiner der drei mehr lebend gesehen.

Zwölfjährige plante Reiturlaub

Miriam hatte mit einer Freundin aus der Siedlung nicht weit von Hamburg einen Reiturlaub geplant, erinnert sich die Mutter des Mädchens. „Unsere Tochter wollte am Sonnabend mit Miriam in die Reiterferien, sie war ihre beste Freundin“, sagt die Frau, genannt werden möchte sie nicht. „Sylvia hatte schon einen Teil bezahlt.“ Miriams Vater Marco habe auf dem Reiterhof ausgeholfen. „Die beiden haben sich noch am Mittwoch vor dem Haus über die Schule unterhalten und dabei gelacht“, schildert sie die letzte Begegnung der Mädchen an dem warmen Sommertag. „Marco war ein liebevoller Vater“, sagt sie noch.

Sylvia Schulze kommt in den darauffolgenden Tagen nicht mehr zur Arbeit, die 43-Jährige gilt als sehr zuverlässig. Eine Kollegin und besorgte Nachbarn alarmieren die Polizei. „Das war ein Freitag“, erinnert die Mutter von Miriams Freundin. „Wir haben die Polizei am frühen Nachmittag angerufen, fünf Minuten später war sie da.“ Im Haus finden die Beamten nichts. Kurz darauf rücken Polizisten mit Spürhunden an, die Spurensicherung ist im Einsatz. Am Sonnabend fliegt ein Hubschrauber über die Elbmarsch. Sonarboote und Taucher sind im Einsatz. Dann, am 31. Juli, wird der Vater in Lauenburg unter einer Brücke ertrunken aus der Elbe gezogen, 25 Kilometer flussaufwärts. Der Tote ist mit einem Betonklotz beschwert, alles spricht für Suizid.

Polizei vermutet, Mann hat Frau und Tochter getötet

„Wir gehen davon aus, dass der Familienvater die beiden umgebracht hat“, sagt Kriminalhauptkommissar Jan Krüger. Schon damals war er Polizeisprecher, stand vor den Kameras und Mikrofonen der Journalisten auch aus dem Ausland, sogar die „Times“ hat über den Fall berichtet. „Gegen Tote wird nicht mehr ermittelt“, erklärt er die rechtliche Lage. Deshalb habe die zuständige Staatsanwaltschaft das Verfahren kurz nach dem Fund der Leiche geschlossen. „Das ist jetzt eine Vermisstensache. Vermisstensachen verjähren grundsätzlich nicht“, sagt Krüger. „Erst wenn der Vermisste für tot erklärt oder gefunden wird, werden die Akten geschlossen.“

Immer wieder wird im Fluss gesucht, auch Monate später noch. Im August 2015 meldet sich eine Zeugin. Sie will die Familie am 22. Juli an einem kleinen See in Holm-Seppensen gesehen haben. Suchhunde finden Geruchsspuren, nur die des Vaters führen wieder weg - gefunden wird nichts. Viele Jogger und Spaziergänger sind am See unterwegs. Schwer vorstellbar, dass dort jemand unbemerkt zwei Menschen töten kann, aber ganz auszuschließen ist es für die Polizei nicht.

Ehefrau wollte sich offenbar trennen

Einige Monate später meldet sich die ältere Tochter von Sylvia Schulze aus einer früheren Beziehung zu Wort. Die 25-Jährige geht davon aus, dass ihr Stiefvater Frau und Tochter getötet hat, bevor er in den Fluss gesprungen ist, wie sie einer Zeitschrift sagt. Wegen Trunkenheit am Steuer habe der 41-Jährige den Führerschein verloren.

Die Sonderkommission „Schulze“ ist lange aufgelöst, alle Spuren abgearbeitet. „Eine Zeugin hat ausgesagt, dass sich die Frau möglicherweise von ihrem Ehemann trennen wollte“, hat der frühere Leiter später gesagt. Einen möglichen Auslöser gibt es, doch darüber darf er nicht reden. „Der Tag vor dem Verschwinden war anders als sonst. Irgendetwas hat die Familie bedrückt“, sagt er im Herbst 2015.

„Ich vermute, dass es hier aus seiner Sicht einen unüberwindbaren Konflikt zwischen Mann und Frau gegeben hat“, sagt Jan Krüger zu den möglichen Motiven von Marco Schulze nur. „Besonders tragisch wird es dadurch, dass vermutlich auch das Kind diesem Konflikt zum Opfer gefallen ist.“

Ungewissheit sorgt für endloses Gedankenkarussell

Krüger ist 40 und seit 18 Jahren bei der Polizei. „Das ist einer der wenigen Fälle, die auch mir als Polizist noch nach Jahren sehr präsent sind“, sagt er. „Das ist ein kleiner Mensch, der von seinen Eltern beschützt werden sollte. Das macht solche Fälle besonders belastend.“

„Hier ist die Besonderheit, dass der mutmaßliche Täter sich die Mühe gemacht hat, die beiden Opfer und seinen eigenen Körper verschwinden zu lassen“, betont Krüger. „Hierdurch ist man ständig versucht, sich einen Hergang zu konstruieren, um Rückschlüsse zu ziehen, wo Mutter und Tochter versteckt sein könnten.“

Und die Nachbarin meint: „Es wäre viel einfacher, wenn wir wüssten, was passiert ist - so läuft ein endloses Gedankenkarussell.“ Lange seien die Nachbarn überzeugt gewesen, „dass die beiden noch leben - das hat bestimmt ein Jahr gedauert“, sagt sie. „Die Zeit war schlimm, heute habe ich damit aber weitgehend abgeschlossen.“

Das Vergessen beginnt

So geht es auch anderen. „Es hat lange gedauert, bis Normalität eingekehrt ist“, sagt Gemeindebürgermeister Uwe Harden (SPD). „Es ist lange her, wird aber vielen im Gedächtnis bleiben. Aber das Vergessen beginnt.“

Vor einem Jahr hat die Polizei die Siegel an der Haustür entfernt. „In dem Haus wohnt jetzt ein junges Paar“, sagt die Nachbarin. „Sie haben das Haus gekauft.“ Am Ende ist es ganz einfach, der Auslöser der Tragödie vom Sommer 2015 gar nicht so wichtig. „Was immer das Motiv gewesen sein soll, auch nach drei Jahren: Man kann es nicht verstehen“, sagt die Mutter von Miriams Freundin. „Es ist schön, dass wieder Leben im Haus ist“, meint sie. „So ist es kein Geisterhaus mehr, und man kann ein Stück der Vergangenheit hinter sich lassen.“