Waldtherapie

So wohltuend ist es, einen Baum zu umarmen

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Fachärztin spricht über Waldtherapie

Fachärztin über Waldtherapie

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Experten begleiten die Waldtherapie im Sachsenwald wissenschaftlich. Sie wollen die positiven Effekte herausarbeiten.

Friedrichsruh. Einen Baum zu umarmen ist schön. Ich jedenfalls möchte ihn gar nicht mehr loslassen. Kann man sich drüber lustig machen, muss man aber nicht. Auch eine Geruchssafari oder im Wald sitzen und nichts tun, außer einmal auf seine Sinne zu achten sind Dinge, die gern ins Lächerliche gezogen werden. Genau das sind aber Inhalte der Waldtherapie. Und um zu beweisen, dass das kein esoterischer Humbug ist, wird erstmals im Sachsenwald in Friedrichsruh die Wirksamkeit der klinischen Waldtherapie in Deutschland wissenschaftlich begleitet. Der Sachsenwald ist auf dem Weg, das Zentrum für klinische Waldtherapie im Norden zu werden.

„Es gibt nichts Besseres, als eine Waldtherapie, weil man im Wald entspannt und sowohl körperlich als auch psychisch gesundet“, sagt Dr. Hannelore „Lara“ Zapp-Kroll. Die Sülldorferin hat als Psychiaterin gearbeitet und hat sich jetzt im Ruhestand zur zertifizierten Waldtherapeutin ausbilden lassen. Sie führt gemeinsam mit Lara Leonie Keuthen an diesem Vormittag im Wechsel die Waldtherapiesitzung im Sachsenwald durch.

Waldtherapie: Bäume geben gesundheitsfördernde Stoffe ab

Es ist nur ein kleiner Abstecher in diese Therapieform. Statt drei Stunden wird es nur halb so lange dauern. Und warum im Wald und nicht am Meer? „Nur im Wald gibt es Bäume, die gesundheitsfördernde Stoffe abgeben“, sagt Frau Zapp-Kroll. Ihre Kollegin Lara Keuthen ergänzt: „Die Waldluft steckt voller Phytonzide, sekundäre, bioaktive Pflanzenstoffe, die Bäume wie eine Art Sprache verwenden. Sie stehen in direktem Austausch mit unserem Immunsystem. Wenn wir die nährende Waldluft, also die Phytonzide, einatmen, hat das eine messbaren Effekt auf unsere Gesundheit.“

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Also Handys aus und die Sitzung beginnt stehend im Kreis. „Wir sind ab jetzt nur erreichbar für den Wald und nicht erreichbar für die Außenwelt“, gibt Frau Zapp-Kroll mit auf den Weg. Die Zeit zwischen Douglasien, Fichten und Laubbäumen wird in Sequenzen unterteilt. Die Sinne sollen auf den Wald eingestimmt und geschärft werden. Wir sollen leise und achtsam über den Waldboden gehen, Kontakt zum Baum aufnehmen. Bewegungen aus dem Qigong gehören dazu.

Sinnes- und Achtsamkeitsübungen

„Verlegen Sie ihr Gewicht auf den rechten Fuß und verweilen Sie. Spüren Sie in diese Position hinein“, sagt Frau Zapp-Kroll mit einer ruhigen, sanften Stimme, die man so auch von Yoga- und Pilateslehrerinnen kennt. Und tatsächlich erinnert die Gleichgewichtsübung ein wenig an Pilates. „Spüren Sie einmal nach, wie sich der Waldboden anfühlt.“

Die Geräusche des Waldes, der Wind, das Vogelgezwitscher vermischen sich mit Autogeräuschen von weit her. Ein wenig schwierig ist es zu Beginn schon, störende Straßengeräusche auszublenden, aber je tiefer es in den Wald hineingeht und je mehr Sinnes- und Achtsamkeitsübungen gemacht werden, umso leichter fällt es. Man muss es aber auch wollen und sich darauf einlassen. Wir sollen unsere Handflächen gegeneinander reiben und auf unsere geschlossenen Augen legen. Energetisierend – wie im Quigong – soll diese Übung sein genau wie das Klopfen auf Arme, Beine, Gesäß und Brust.

Meine Douglasie wird sofort zum Freund

Dann schwärmt die Gruppe aus und jeder für sich entdeckt den Wald, die Bäume, den Boden, die Tiere. Dabei sollen wir uns Zeit nehmen und uns treiben lassen. Eine leere weggeworfene Weinflasche in einer kleinen Mulde stört dieses Bild, und ich ärgere mich über diese Achtlosigkeit, aber nur für einen kurzen Augenblick. An anderer Stelle tummeln sich viele große Waldameisen und bringen mich zurück in die Idylle. Nach diesem Waldwandeln kommt „Meet a tree“.

Endlich. Die einen lehnen sich im Sitzen an einen Baum, andere stützen sich fast waagerecht dagegen oder umarmen ihn. Meine Douglasie steht in der Sonne und wird sofort zum Freund. Ja, klingt lustig, ist aber so. Es tut gut, einen Baum zu umarmen. Dieser hat auch eine schöne trockene weiche Rinde und strahlt eine besondere Wärme aus. Es mag dämlich aussehen, aber das ist hier im Wald egal.

Bei der Riechsafari begegnen wir dem Wald mit der Nase

Bei der Riechsafari begegnen wir dem Wald mit der Nase. Statt auf duftenden Harz wie die Geübten stoße ich auf stinkenden Modder. Es riecht eben nicht alles gut im Wald. Beim „Sit-spot“, ich suche mir dafür einen alten Baumstumpf und sitze gemütlich darauf, verlieren die Teilnehmer üblicherweise jedes Gefühl für die Zeit. Obwohl nichts passiert, ist es keine Sekunde langweilig. Wald tut einfach gut. Ich persönlich denke die ganze Zeit daran, dass es vielleicht noch schöner wäre, ganz allein diese Übungen zu machen, so nett die Gruppe auch ist. Ein Spaziergang mit Hund durch den Wald ist mir doch lieber.

Aber es ist diese gezielte Kombination aus körperlichen, sensorischen und mentalen Übungen, die bei der Waldtherapie anders als beim Spaziergang zur Regulation von Atmung, Puls und Blutdruck sowie zum Stressabbau und Stärkung des Immunsystems führen und allgemein das körperliche und geistige Wohlbefinden stärken sollen. Der Wald könne dafür sorgen, dass Puls, Blutdruck und Blutzuckerspiegel sinken und sich natürliche Abwehrzellen gegen Krebs und Tumore vermehren, der Cortisolspiegel wird gesenkt – dadurch ist weniger Stresshormon im Blut, die Stimmung wird besser.

Internationale Studien belegen die positiven Effekte der Klinischen Waldtherapie

Mit dabei sind an diesem Nachmittag im Sachsenwald Wissenschaftler und Experten von der INFTA Germany. Das ist die deutsche Repräsentanz des in Australien beheimateten internationalen Dachverbandes, International Nature and Forest Therapy Alliance (INFTA). Gregor Graf von Bismarck möchte die Waldtherapie als Waldbesitzer voranbringen und auch Professor Andreas Michalsen, Chefarzt für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin und Deutschlands Waldbeauftragter Cajus Julius Caesar sind heute dabei.

Sie alle wollen die Effektivität der Waldtherapie mit weiteren Fachleuten herausarbeiten, wissenschaftlich evaluieren und validieren. Es gibt zwar bereits internationale Studien, die die positiven Effekte der Klinischen Waldtherapie belegen. Aber in Deutschland noch nicht. Neben dem Standort im Sachsenwald, wird die Waldtherapie in drei weiteren Wäldern im Berliner Grunewald, in Wernigerode im Harz sowie in Barntrup am Teutoburger Wald begleitet und ausgewertet. Im März und April 2022 werden bei bis zu 720 Probanden Daten zur Effektivität erhoben.

Cajus Julius Caesar, Waldbeauftragter des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt das Ganze und setzt auf den Wald auf Rezept, darauf, dass Krankenkassen die heilsame Wirkung anerkennen. „Viele Menschen lassen sich Pillen verschreiben, wir wollen dahin kommen, dass der Mensch durch die klinische Waldtherapie Stresssituationen meistern kann, dass Burnout vermieden wird und dass er nicht immer nur Medikamente zu sich nehmen muss, sondern präventiv und akut dort gesund wird.“

Der Wald atmet, sagt er. Es seien ätherische Öle und andere wohltuende Stoffe in der Luft. „Durch die Therapie wird man ruhig, vergisst die Alltagssorgen. Dadurch gehen Herz- und Kreislaufbeschwerden zurück.“ Und bei einem Spaziergang dagegen, sagt er, beschäftigen sich viele weiterhin mit ihren Sorgen.

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