Barmer Krankenkasse

Hamburger schlafen extrem schlecht – mit schlimmen Folgen

Wer unter Schlafstörungen leidet, sollte einen Arzt konsultieren und Hilfe suchen. Der Hamburger Experte Dr. Johannes Wiedemann (Facharzt für Innere Medizin/Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin)

Wer unter Schlafstörungen leidet, sollte einen Arzt konsultieren und Hilfe suchen. Der Hamburger Experte Dr. Johannes Wiedemann (Facharzt für Innere Medizin/Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin)

Foto: Roland Magunia

Gesundheitsreport zeigt erschreckende Zahlen. Wer in Hamburg gefährdet ist und warum Männer besonders leiden.

Hamburg. Es ist eine alarmierende Studie: Die Berufstätigen in Hamburg schlafen deutlich schlechter als die meisten anderen Deutschen. Wie aus dem neuen Gesundheitsreport 2019 der Barmer Krankenkasse hervorgeht, leiden an Alster und Elbe 51.000 Arbeitnehmer (rund vier Prozent) an ärztlich attestierten Ein- und Durchschlafstörungen. Eine zusätzliche repräsentative Barmer-Umfrage hat ergeben, dass die Dunkelziffer noch höher liege.

Jeder dritte Hamburger (35 Prozent) zwischen 15 und 74 Jahren sagte, dass er nicht lange genug schlafe. „Anhaltender Schlafmangel macht krank oder verlangsamt das Gesundwerden“, sagte der Hamburg-Chef der Barmer, Frank Liedtke. Er sprach von bislang „drastisch unterschätzten Folgen“.

Hamburger sind fitter, leiden aber unter Burn-out

Die Ursachen für die Schlafstörungen sind vielschichtig. Zum einen ist da der allgemeine Großstadtstress, der Lärm, das Tempo, die subjektiv wahrgenommene Enge der Metropole. Zum anderen leiden besonders viele Hamburger unter starker beruflicher Belastung, wie auch frühere Ergebnisse von Gesundheitsstudien zeigen. Zwar sind die Hamburger zum Teil fitter als der durchschnittliche Rest in Deutschland.

Allerdings liegen sie bei der Zahl der Behandlungen wegen psychischer Erkrankungen vorne, vor allem bei Burn-out und Depressionen, beides Großstadt-Phänomene. Da verwundert es nicht, dass auch der Schlaf nachhaltig gestört ist.

Schlafmangel kann tödliche Folgen haben

Doch das hat zum Teil dramatische Folgen. So haben in der Barmer-Umfrage viele Berufskraftfahrer zugegeben, dass sie schon Sekundenschlaf hatten. Lkw-Fahrer, die aufgrund von Belastung oder Erkrankung einschlafen, sind ein tödliches Risiko für den Straßenverkehr. Die Barmer sieht einen „besorgniserregenden Trend“, weil der Anteil der Arbeitnehmer mit Schlafstörungen in den vergangenen elf Jahren um 75 Prozent gestiegen ist.

Hamburger schlafen schlecht – wichtige Fakten

  • 51.000 Hamburger leiden an ärztlich attestierten Ein- und Durchschlafstörungen
  • 35 Prozent der Hamburger zwischen 15 und 74 Jahren sagen: Wir schlafen nicht lange genug
  • Frauen schlafen schlechter als Männer. Doch die Zahl der Männer mit Schlafstörungen ist extrem schneller gewachsen. Grund ist vermutlich die häufigere Übernahme der Kindererziehung
  • Wer Schlafstörungen hat, ist 56 Tage im Jahr arbeitsunfähig, Durchschnitt sind 20 Tage
  • Zwei von drei Hamburgern würden gerne länger schlafen – bundesweit der Spitzenwert

Schichtarbeiter seien im Besonderen betroffen. „Das mit Abstand größte Risiko, an Schlafstörungen zu erkranken, haben Bus- und Straßenbahnfahrer“, so die Barmer.

Der Hamburger Experte Dr. Johannes Wiedemann (Facharzt für Innere Medizin/Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin) sagte, man könne den Biorhythmus des Körpers nicht überlisten. "Es gibt aber durchaus Möglichkeiten bei der Dienstplangestaltung, Beachtung bestimmter Schlafenszeiten am Tage und auch Optimierung der Lichtverhältnisse am Arbeitsplatz Schlafstörungen in Folge von Schichtarbeit vorzubeugen.“

Männer erziehen häufiger die Kinder – und schlafen schlechter

Mehr Frauen als Männer schlafen schlecht. Doch beim angeblich starken Geschlecht wird es überproportional schlimmer: plus 120 Prozent in elf Jahren, bei den Frauen „nur“ plus 50 Prozent. Für die zunehmenden Schlafstörungen vor allem bei Männern ist auch eine grundsätzlich positive Entwicklung verantwortlich. So hat der Anteil der Väter an der Kindererziehung in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt. Dem Elterngeld und flexiblen Regelungen am Arbeitsplatz sei Dank.

Doch nun spüren verstärkt messbar auch die Männer am eigenen unruhigen Schlaf, was es bedeutet, sich um kleine Kinder zu kümmern.

Schlafreport 2019: Hamburg würden gerne länger schlummern

Abends nicht abschalten können, morgens unausgeschlafen sein – das ist der Teufelskreislauf, dem Berufstätige in Deutschland vermehrt ausgesetzt sind. Wie Barmer-Chef Dr. Christoph Straub im aktuellen Gesundheitsreport schreibt, litten eine Million Berufstätige an Einschlaf- und Durchschlafstörungen.

Dabei gibt es auch kuriose Auffälligkeiten, gerade mit Blick auf die Hamburger. In der repräsentativen Umfrage sagen zwei von drei Hamburgern, sie schlafen gut und schnell ein. Gleichzeitig wollen zwei von drei Hamburgern aber auch unbedingt länger schlafen können. Das ist bundesweit spitze. Nirgendwo sonst gibt es dieses ausgeprägte Bedürfnis, länger zu schlafen. Und 60 Prozent haben sogar das Bedürfnis, am Tage zu schlafen – auch das der Spitzenwert.

Arbeitsunfähig: Was Schlafmangel auslösen kann

Diese Beschwerden führen zur Anfälligkeit gegenüber Infekten, zu Herz-Kreislauf-Problemen und weiteren Folgen für die Gesundheit, sodass die Arbeitnehmer nicht nur häufiger krank fehlen, sondern oft sogar früher in Rente müssen. Patienten mit Schlafstörungen waren 56 Tage im Jahr arbeitsunfähig, 36 Tage mehr als der Durchschnitt.

Das ist umso erschreckender, als in Hamburg im Vergleich zum Rest Deutschlands die wenigsten Fälle von Arbeitsunfähigkeit gemeldet werden. Heißt: Grundsätzlich sind Hamburgs Berufstätige von der Papierform her fitter als alle anderen. Die Abweichung zum Durchschnitt sind minus zehn Prozent. In Sachsen-Anhalt und Thüringen sind es zum Beispiel plus 21 Prozent mehr Arbeitsunfähigkeitsfälle als der deutsche Mittelwert. Nur bei den Schlaflosen ist Hamburg in der traurigen Spitze.

Dagegen müsse man etwas tun, findet die Barmer. Hamburg-Landesgeschäftsführer Liedtke forderte Unternehmen mit Schichtarbeitern auf, mehr betriebliches Gesundheitsmanagement zu betreiben. Außerdem müssten Ärzte für Erkrankungen rund um schlechten Schlaf sensibilisiert werden.