Corona

Wie Karin Prien mit Hassmails von Impfgegnern umgeht

| Lesedauer: 10 Minuten
Schleswig-Holsteins Bildungsminsterin Karin Prien äußert sich im ABendbltt-Interview zu ihrem Umgang mit den Hassmails von Impfgegnern.

Schleswig-Holsteins Bildungsminsterin Karin Prien äußert sich im ABendbltt-Interview zu ihrem Umgang mit den Hassmails von Impfgegnern.

Foto: picture alliance

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin spricht über Schutz der Kinder vor Corona, Schulschließungen und Gendern im Unterricht.

Kiel.  Schleswig-Holstein geht voran – und impft seit dieser Woche auch Kinder an den Schulen. 10.600 Jugendliche ab 12 Jahren hatten sich vorab angemeldet, was eigentlich nötig war, gekommen sind trotzdem deutlich mehr. Niemand wurde abgewiesen, auch kurz entschlossene Eltern in Begleitung wurden von den mobilen Teams mitgeimpft, erzählt Bildungsministerin Karin Prien (CDU).

Die dreifache Mutter spricht im großen Abendblatt-Interview über Hassmails von Impfgegnern an Lehrerinnen, Lehrer und sie selbst, über die Impfquoten in den Kollegien und die Maskenpflicht auch für die jüngsten Schüler.

Frau Prien, wann haben Sie die letzte Hass-Post von Impfskeptikern oder Impfgegnern bekommen?

Karin Prien: Vor ein paar Tagen, nach unserer Ankündigung der Impfaktionen an den Schulen. Zu der Zeit war das ziemlich intensiv.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Prien: In einem Fall habe ich Strafanzeige erstattet, weil die Grenze dessen, was ich noch zu tolerieren bereit bin, überschritten wurde. Diese Mail hatte zusätzlich einen antisemitischen Hintergrund. Ansonsten habe ich, gerade in der Zeit der Pandemie, versucht zu beherzigen, dass solche Mails nicht persönlich gemeint sind.

In Niebüll und in Altenholz hat es Mordaufrufe und Gewaltandrohungen gegen Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer gegeben, die dazu beitrügen, Kinder mit „Impfungen zu vergiften“. Haben Sie eine solche Eskalation schon einmal zuvor erlebt?

Prien: Ja, leider. In der Zeit der großen Fluchtbewegung 2015/2016 habe ich ähnliche und noch sehr viel schlimmere Mails bekommen.

Woher rührt der aktuelle Hass?

Prien: Wir haben es mit unterschiedlichen Gruppen zu tun. Mit Menschen, die mit der Pandemie überfordert waren oder sind, mit Verschwörungstheoretikern und deren Anhängern, mit Covid-Leugnern, dann wieder mit Menschen, die das Gefühl haben, mit ihrer kritischen Meinung nicht durchzudringen. Auch Anhänger der No-Covid-Bewegung argumentieren zum Teil durchaus aggressiv. Wir beobachten, begünstigt durch die sozialen Medien, leider eine Radikalisierung.

Kettenbriefe mit Bedrohungen gehen um. Sie persönlich können als langjährige Politikerin offensichtlich mit Hassmails umgehen. Was machen die mit Ihren damit unerfahrenen Behördenangestellten und Lehrkräften?

Prien: Es ist ein absolutes No-Go, Lehrkräfte oder Schulleitungen zu beschimpfen oder gar zu bedrohen, das machen wir immer wieder deutlich. Wir unterstützen die Schulleitungen, mit diesen sehr belastenden Drohbriefen umzugehen. Und wir stehen zudem im Kontakt zu den Polizeibehörden.

Seit Donnerstag können sich Jugendliche ab 12 an den Schulen impfen lassen. 10.600 Schülerinnen und Schüler hatten sich dafür angemeldet. Hatten Sie mit dieser großen Resonanz gerechnet?

Prien: Tatsächlich war das Interesse nochmals größer als bei der Anmeldung vorab. Schleswig-Holstein ist ein sehr impffreudiges Bundesland, bei der Impfquote sind wir bei den Führenden. Wir Schleswig-Holsteiner sind ja eher etwas bodenständig und rational, insofern wundert mich das Impfinteresse auch bei den jüngeren Leuten nicht. Schon vor Beginn der Aktion waren knapp 35 Prozent der 12- bis 17-Jährigen geimpft. Ich freue mich sehr, dass das niedrigschwellige Angebot einer Impfung in den Räumen der Schule so gut angenommen wird.

Haben die Impfteams bei der Aktion unangemeldete Kinder abgewiesen?

Prien: Nein. Und nicht nur das: Auch Eltern, die die Kinder begleitet haben, wurden bei spontanem Interesse geimpft.

Wie haben sich die Impfteams in Fällen verhalten, in denen die Kinder geimpft werden wollten, die Eltern aber skeptisch oder dagegen waren?

Prien: Rechtlich geht es bei Kindern ab 14 Jahren um die Frage der Einsichtsfähigkeit. Wenn die Schülerinnen und Schüler ohne elterliche Einwilligung kommen, ist es Aufgabe der Ärzte zu beurteilen, ob die Einsichtsfähigkeit vorliegt. Wenn sie vorliegt, wird geimpft. Daraus kann ein Erziehungskonflikt entstehen, den man dann miteinander austragen muss. Dabei unterstützen natürlich die Lehrkräfte.

Hat die jüngste Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) der Impfkampagne an den Schulen einen Schub gegeben?

Prien: Ja. Die Nachfrage ist nochmals deutlich gewachsen.

Wie hoch ist die Impfquote unter den Lehrkräften?

Prien: Wir haben eine freiwillige Stichprobe gemacht, aus Datenschutzgründen dürfen wir das nicht verpflichtend erfragen. Dabei kam heraus, dass 96 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer einfach und 90 Prozent vollständig geimpft sind. Die Impfquote ist also sehr hoch.

Wie viele Neuinfektionen bei Kindern haben Sie bei den regelmäßigen Testungen in den Schulen seit Ferienende festgestellt?

Prien: Wir haben in den ersten drei Wochen seit Schulbeginn etwa 180 positive Antigen-Schnelltests pro Woche in den Schulen gehabt – bei insgesamt rund 380.000 Schülerinnen und Schülern. Fast alle diese Infektionen traten unter Reiserückkehrern auf bzw. haben ihren Ursprung im privaten Bereich. Wir haben seit Schulbeginn keinen einzigen Ausbruch in einer Klasse. In Leck wurde eine gesamte Schule PCR-getestet, nachdem sich ein Junge auf einer privaten Übernachtungsparty angesteckt hatte. Der Junge hatte anschließend an seiner Schule viele Kontakte. Dennoch wurden alle anderen Schüler negativ getestet. Es hat also keine Übertragung in diesem Fall gegeben.

Sie haben einen neuerlichen Lockdown der Bildungseinrichtungen im Land ausgeschlossen. Was ist die Alternative zu flächendeckenden Schulschließungen, wenn Inzidenz, Hospitalisierung und Belastung von Intensivstationen weiter steigen?

Prien: Die Inzidenz allein ist nicht mehr der Parameter, den wir bei unseren Risikobewertungen zugrunde legen. Wir schauen uns den von Ihnen genannten Mix an, die Impfquote und die Altersgruppen, in denen die Infektionen auftreten. Die vulnerablen Gruppen und die Erwachsenen sind geimpft bzw. hatten ein Impfangebot. Die Jugendlichen werden geimpft. Zudem verläuft die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen im Regelfall milde. Schulschließungen sind mit ihren Folgen für die Schülerinnen und Schüler nicht mehr zu rechtfertigen. Es sei denn, an einem einzelnen Standort gibt es ein extremes Ausbruchsgeschehen. Jedenfalls gibt es keinen Stufenplan mehr, der eine Schulschließung als Maßnahme vorsieht.

Auch bei einer Inzidenz über 100 oder über 200 gibt es keinen Automatismus mehr?

Prien: Nein.

Kinder unter 12 können (noch) nicht durch eine Impfung geschützt werden. Wie gehen Sie damit um?

Prien: Wir testen zweimal in die Woche in den Schulen. Im Unterricht tragen die Kinder Masken. Es gibt Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln, das regelmäßige Lüften, vorgegebene Laufwege in den Gebäuden, Restriktionen im Musik- und Sportunterricht. Auch sind die meisten Lehrkräfte geimpft. Also: Die Schülerinnen und Schüler werden geschützt. Und wichtig ist: Sie erkranken im Regelfall nicht schwer.

Aber geimpft sind sie nicht …

Prien: In den Vereinigten Staaten und in Israel laufen Studien zur Verträglichkeit einer Impfung bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren. Für den Frühherbst erwarten wir Ergebnisse. Wir gehen davon aus, dass es Ende des Jahres einen Impfstoff auch für diese Gruppe geben wird. Dann stellt sich aber die Frage, ob eine Impfung wirklich sinnvoll ist vor dem Hintergrund des oft symptomlosen Verlaufs und der im Regelfall milden Erkrankung bei vielen Kindern.

Wie lange sollen selbst jüngste Schüler noch Masken im Unterricht tragen?

Prien: Um zu verhindern, dass Kinder von einer Quarantäne in die andere müssen, muss die Maske im Moment noch getragen werden, sagt unser Gesundheitsministerium. Ich möchte von den Masken insbesondere in der Grundschule weg, sobald es vertretbar ist. Langsam aber sicher müssen wir raus aus Hygienemaßnahmen, sozusagen abrüsten. Da bin ich mir mit den Gesundheitsexperten, die uns in Schleswig-Holstein beraten, einig. Da würde ich auf jeden Fall bei den Erst- und Zweitklässlern beginnen wollen. Für Sprachbildung und Sozialkontakt ist die Mimik von großer Bedeutung.

Eltern und Gewerkschafter beklagen, dass Luftfilter für die Klassenräume fehlen. Was sagen Sie den Kritikern?

Prien: Seit dem 1. Mai können die Schulträger in den Kommunen diese Luftfilter bestellen. Das Land unterstützt die Träger bei der Beschaffung dabei, indem wir bereits im Juli eine Markterkundung in Auftrag gegeben und eine Liste an förderfähigen Geräten erstellt haben. Ich gehe davon aus, dass die Geräte nach den Herbstferien aufgestellt sind. Allerdings fördern wir – anders als Hamburg – nur solche Räume, die nicht gut zu belüften sind. Luftfilter ersetzen das Lüften nicht, der Nutzen dieser Geräte ist eher gering. Wenn wegen des Einsatzes von Luftfiltergeräten nicht gelüftet würde, wäre das hingegen eine Kata­strophe.

Ihr Hamburger Parteifreund Christoph Ploß hat das Gendern als großes Thema entdeckt. Er wehrt sich dagegen, dass unter anderem Ministerien und Schulen „eine grammatisch falsche, künstliche und ideologisch motivierte Gendersprache verwenden, die ständig das Trennende betont“. Hat er recht?

Prien: Auch ich bin der Auffassung, dass wir in der Schule das lehren sollten, was der Rat für deutsche Rechtschreibung und der Duden vorgeben. Wir müssen auf eine gute Erlernbarkeit und gute Lesbarkeit der Sprache achten. Gendern mit der Erwähnung der männlichen und der weiblichen Form oder gendern mit neu­tralen Begriffen wie zum Beispiel beim Wort Lehrkräfte machen wir an unseren Schulen. Denn es ist richtig, auf eine geschlechtersensible Sprache zu achten. Aber bei den Sonderzeichen bin ich auch kritisch, jedenfalls wenn es um den Unterricht geht. Meine Behörde gendert nicht mit Sonderzeichen. Das ist in manchen Ministerien in Schleswig-Holstein anders. Ich empfehle sehr, dass wir bei unseren verbindlichen Regeln bleiben, aber ich würde daraus keinen Kulturkampf machen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Region