Carlebach-Synagoge

„Jüdischer Glaube braucht sichtbare Orte“

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Blick von der Bima, dem Platz in einer Synagoge, von dem aus die Tora während des Gottesdienstes verlesen wird, auf den Toraschrein in der Carlebach-Synagoge.

Blick von der Bima, dem Platz in einer Synagoge, von dem aus die Tora während des Gottesdienstes verlesen wird, auf den Toraschrein in der Carlebach-Synagoge.

Foto: Christian Charisius / dpa

Heute wird die aufwendig sanierte Carlebach-Synagoge in Lübeck wiedereröffnet. Strenge Sicherheitsvorkehrungen.

Lübeck.  Für Rabbiner Nathan Grinberg ist dieses Haus nicht nur ein „Gebetsraum, sondern auch ein Symbol für die Wiederkehr jüdischen Lebens“; Ministerpräsident Daniel Günther spricht von einem Ort, an dem der „jüdische Glaube sichtbar wird, nicht verschämt am Rande, sondern strahlend inmitten unserer Gesellschaft“; für Bildungsministerin Karin Prien ist die „Sanierung ein klares Zeichen, dass jüdisches Leben in die Mitte der Gesellschaft gehört“.

Der Rabbiner, die beiden CDU-Politiker, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und Kulturstaatsministerin Monika Grütters werden heute Mittag in Lübeck erwartet, wenn nach rund sechs Jahren aufwendiger Sanierung die Carlebach-Synagoge feierlich und doch coronakonform und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wiedereröffnet wird.

Carlebach-Synagoge: Straße wird für Autoverkehr gesperrt

Die Straße vor der Synagoge wird für die Autoverkehr gesperrt, in der Umgebung gilt Halteverbot, auch Passanten ist ein längerer Aufenthalt in der Nähe dann verboten. Damit reagieren die Behörden auf den Anschlag auf die Synagoge von Halle vor gut eineinhalb Jahren.

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Rückblende: Es ist gegen zwei Uhr am frühen 25. März 1994, als zum ersten Mal seit dem Naziterror und der Po­gromnacht von 1938 nach einem Brandanschlag wieder eine Synagoge in Deutschland brennt. Ein Gotteshaus, über dem jüdische Familien in ihren Wohnungen schlafen. „Die Wand- und Deckenverkleidung fängt sofort Feuer. Zwei Räume der Synagoge werden völlig zerstört“, schreibt die Jüdische Gemeinde auf ihrer Homepage.

Tiefe psychologische Wunden

Und: „Die fünf Bewohner, die dort schlafen, können in letzter Sekunde gerettet werden.“ Die Feuerwehr ist schnell vor Ort, verhindert Schlimmeres, der materielle Schaden bleibt überschaubar, aber die „psychologischen Wunden gehen tief“, wie der „Spiegel“ schreibt, der den damaligen Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD) zitiert: „Wenn Häuser brennen, sterben als Nächstes Menschen. Wer symbolisch eine Synagoge anzündet, zeigt, dass er bereit ist, Menschen zu töten“.

Die Nachricht vom Feuer verbreitet sich in Windeseile. Neonazi-Brandanschläge in Mölln (1992) und Solingen (1993), rassistische Krawalle in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992) – und jetzt Lübeck. Die Wirkung dieses Anschlags ist groß, die Anteilnahme ist es auch: Tausende kommen zu Demonstrationen oder Mahnwachen, senden starke Signale der Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde.

Zehn Asylbewerber sterben bei einem Brandanschlag

Es dauert einen Monat, bis die Polizei vier junge Männer im Alter zwischen 19 und 24 Jahren ermittelt, die Molotowcocktails ins Gotteshaus geschleudert und den Brand entfacht hatten. „Erhebliche intellektuelle Unterbegabung“ und „schwere adoleszente Entwicklungsüberforderung“, zitiert der „Spiegel“ den Prozessgutachter. Zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren Haft verhängt das Gericht, aus Sicht vieler politischer Beobachter ein zu mildes Urteil ohne abschreckende Wirkung.

Nach einer zweiten, nie aufgeklärten Brandstiftung auf die Lübecker Carlebach-Synagoge – symbolträchtig am 50. Jahrestag des Kriegsendes – kommt es wenige Monate später zum nächsten Anschlag in der Stadt. Jetzt mit verheerenden Folgen. Zehn Asylbewerber sterben bei einem Brandanschlag auf ihre Unterkunft. Aufgeklärt wird auch diese Tat nie.

Anschläge von Lübeck haben sich tief ins kollektive Gedächtnis geschrieben

Die Anschläge von Lübeck haben sich tief ins kollektive Gedächtnis geschrieben, wenn heute die Synagoge wieder feierlich eröffnet wird, werden die Erinnerungen wieder präsent. „Wer Menschen diskriminiert, ausgrenzt und bedroht, greift unsere Gesellschaft an, uns alle. Wir setzen dagegen eine lebendige Form der Erinnerung – die uns zum Nachdenken bringt, die uns gleichzeitig Mut macht, Widerstand zu leisten und den Schwachen eine Stimme zu geben. Jüdischer Glaube muss gelebt werden können. Er braucht Orte, an denen er sichtbar wird. Die Carlebach-Synagoge kann und wird dazu beitragen.“

Das sagte Ministerpräsident Daniel Günther vorab. Und: „Jüdisch zu leben, das darf nie wieder etwas sein, das man verstecken muss. Deshalb hilft das Land, damit jüdisches Leben in Schleswig-Holstein sichtbar und erlebbar bleibt. Die Carlebach-Synagoge ist dafür ein wichtiger, unübersehbarer Beitrag“, so der CDU-Politiker.

Synagoge war baufällig geworden

Im Lauf der Jahre nach den beiden Brandanschlägen war die Synagoge baufällig geworden, Teile drohten einzustürzen. 2014 startete die Sanierung. 2016 gerieten die Arbeiten wegen Geldmangels vorübergehend ins Stocken. Beendet ist die Sanierung nach sechs Jahren Bauzeit bereits seit einem Jahr, Gottesdienste werden seither wieder gefeiert. Doch wegen der Corona-Pandemie musste die längst geplante Eröffnungsfeier verschoben werden. Auch der Einbau des Toraschreins und anderer Sa­kralmöbel hatte sich durch die Pandemie verzögert. Rund 8,4 Millionen Euro hat die Sanierung gekostet. Aufgebracht wurde das Geld vom Bund, vom Land Schleswig-Holstein und Stiftungen.

Herzstück des Gebäudes ist der Gebetssaal. Der wurde nahezu originalgetreu wiederhergestellt. Dabei wurden unter dem Fußboden des Toraschreins mehrere historische Toravorhänge gefunden, die jetzt im Vorraum der Synagoge zu sehen sind. „Unsere Synagoge ist nicht nur ein Gebetsraum, sondern auch ein Symbol für die Wiederkehr jüdischen Lebens nach Lübeck und ganz Deutschland“, sagte der Rabbiner der Gemeinde, Nathan Grinberg. Er wird heute an den Eingängen des Gotteshauses kleine Kapseln mit Schriftrollen anbringen, die sogenannten Mesuot, und damit die Synagoge vollständig einweihen.

Sakralmöbel wurden in einem israelischen Kibbuz gefertigt

Die Sakralmöbel wurden in einem israelischen Kibbuz gefertigt. Da die ursprünglich für den Aufbau vorgesehenen Tischler aus Israel wegen der Corona-Pandemie nicht anreisen durften, sprangen drei Handwerker aus England ein, die schon häufig mit dem auf Synagogenausstattungen spezialisierten Kibbuz zusammengearbeitet hatten. Neben der nahezu originalgetreuen Wiederherrichtung des Gebetssaals mit seinen Wand- und Deckenmalereien im Stil der 1880er- Jahre wurden auch Fußböden, Decken und die gesamte Haustechnik erneuert.

Außerdem entstanden Räume für Vorträge und Seminare. Zur Gemeinde gehören aktuell knapp 600 Menschen – die meisten von ihnen sind Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. „Für sie wird es ein großes Sommerfest zur Wiedereröffnung der Synagoge geben“, kündigte Verwaltungsleiterin Milena Tartakowski an.

Gebäude steht unter Denkmalschutz

Das 1878 nach dem Vorbild der Berliner Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße erbaute Gotteshaus ist das einzige in Schleswig-Holstein, das die Zeit des Nationalsozialismus überstanden hat und heute wieder als Synagoge genutzt wird. In der Pogromnacht von 1938 wurde die Synagoge nur „deshalb nicht in Brand gesetzt, weil sie zum einen unmittelbar an das ,germanisch-arische‘ St. Annen-Museum grenzte und zum anderen bereits für einen Verkauf an die Stadt Lübeck vorgesehen war. SA-Trupps verwüsteten aber die Inneneinrichtung; zuvor waren Wertgegenstände – wie Kultgerät und Silber – ,sichergestellt‘ und abtransportiert worden.

Ein an der Synagogen-Außenfront befestigter Davidstern wurde heruntergerissen und als ,Trophäe‘ mitgenommen; er wurde anschließend einer Altmetallsammlung zugeführt“, erinnert die Jüdische Gemeinde auf ihrer Internetseite. Auch haben die Nationalsozialisten die Kuppel der Synagoge abgerissen. Die ursprünglich maurische Fassade ersetzten die Nazis zudem durch eine Backsteinfront. Die alte Fassade wurde bei der Sanierung nicht wiederhergestellt – das Gebäude steht, wie es ist, unter Denkmalschutz.

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