Harz

Ab in den Süden – Ulrike Krages baut Öko-Camp

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Die Designerin Ulrike Krages investiert rund 1,5 Millionen Euro in die Umgestaltung des Campingplatzes zu einem Resort.

Die Designerin Ulrike Krages investiert rund 1,5 Millionen Euro in die Umgestaltung des Campingplatzes zu einem Resort.

Foto: M

Im Harz plant die Hamburger Designerin ein Natur-Resort auf einem alten Campingplatz. Worauf sich Besucher freuen können.

Lerbach/Hamburg.  Der Harz gilt vielen Zeitgenossen als Gebirge von vorvorgestern: Auch wenn sie seit Jahrzehnten nicht mehr dort waren, riechen sie bei dem Wort mit den vier Buchstaben den Muff der 50er-Jahre, schmecken Hausmannskost in brauner Soße oder sehen brutale Betonklötze vor ihrem inneren Auge. Das alles gibt es zwar, wird aber dem nördlichsten Mittelgebirge nicht gerecht. Im Gegenteil entdecken immer mehr Städte den Charme der Wälder, der Seen, Berge und Schluchten.

Ein spektakulärer Neuzugang im Lager der Harz-Fans kommt aus Hamburg – die Designerin Ulrike Krages. „Für mich ist der Harz das schönste Mittelgebirge Deutschlands“, sagt sie. „Ich bin eine Märchentante. Die Geschichten vom mystischen Blocksberg haben mein Interesse geweckt. Auch Hänsel und Gretel spielen hier.“ Der Harz sei fest verwurzelt in der deutschen Literatur. „Dichter wie Goethe und Heine haben ihn bereist und wurden inspiriert.“

Zeltplätze, Baum- und Minihäuser

Krages begab sich vor Längerem auf eine ganz persönliche Harzreise – auf der Suche nach einem besonderen Ort. Fündig wurde die bekannte Expertin in Sachen Architektur, Häuser, Lifestyle „mitten im Wald, mitten in Bergen“: In Lerbach, einem Dorf gelegen zwischen Osterode und Clausthal-Zellerfeld, hat sie sich in einen alten, in die Jahre gekommenen Campingplatz verliebt und plant hier ein großes Investment. Zuzüglich zum Kaufpreis kalkuliert sie mit Kosten von rund 1,5 Millionen Euro.

Auf einem 35.000 Meter großen Waldgrundstück sollen bis zum kommenden Frühjahr Zeltplätze, Baum- und Minihäuser – sogenannte Tiny Houses – entstehen. Vier Feuerstellen, zwei Bäche und ein Fischteich machen den Platz, der von einem Naturschutzgebiet eingefasst ist, zu einem Stück Wildnis. Wanderer dürften den Platz lieben, liegt er doch direkt am Harzer Hexenstieg und unweit des Harzer Wasserregals – immerhin Unesco-Weltkulturerbe. Krages sieht auf dem Campingplatz in Lerbach eine Fülle der Möglichkeiten: Angeln, Kochen, Bogenschießen, Saunieren - oder Yoga im Wald. „Der Platz gibt die Ideen vor“, sagt sie. Der bestehende Skilift soll so umgebaut werden, dass er bald auch Mountainbikes auf den Berg bringen kann.

Luxusfreie Zone

Das Wirtshaus am Platz soll zu einem modernen Gasthaus mit Lounge und Außengastronomie umgebaut werden - hier sollen bis zu 100 Gäste arbeiten und genießen können. Auch einen Namen hat Krages schon: Besenkammer. „Hier wollen wir originelle und junge Harzer Küche anbieten – mit Fleisch und Kräutern aus der Region“, sagt die Unternehmerin. Im ersten Jahr wird ihr Sohn sie bei dem Projekt unterstützen.

„Für mich ist das Neuland“, sagt Krages. „Ich befasse mich seit Jahren mit Luxus. Durch Corona kommen wir in eine Zeit, die uns auf das Wesentliche reduziert. Jetzt plane ich eine luxusfreie Zone“ Das Bedürfnis nach Natur wachse. „Schon Kinder müssen Erde in die Hand nehmen“, sagt die zweifache Mutter, die es stets nach draußen gezogen hat. Der Trend „Zurück zur Natur“ erfasst ihrer Ansicht nach nun alle Gesellschaftsbereiche. „Auch die 8000 neuen ITler von VW aus Wolfsburg wollen mal eine Auszeit in der Natur machen.“

Im Harz freut man sich über das Investment der Hamburgerin

Nach einer Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen wollen 57 Prozent aller Reisenden in Deutschland ihren Urlaub umweltfreundlich und sozial verträglich gestalten. „Naturnahes Camping, ohne vom Nachbarn beobachtet zu werden wie auf anderen Campingplätzen, ist unser Credo auf unserem Waldgrundstück“ Der Platz, der ursprünglich 200 Stellplätze bot, wird großzügig umgestaltet. Es bleiben nach dem Umbau 40 Zeltplätze und 47 Stellplätze und damit mehr Rückzugsräume für alle. Eine Eventfläche in der Mitte bietet Platz für besondere Veranstaltungen, etwa einen Wald-Weihnachtsmarkt.

Im Harz freut man sich über das Investment der Hamburgerin: Am Montag war Krages in der Ortsversammlung Osterode zu Gast, am Sonntag traf sie den Bürgermeister von Lerbach. Frank Koch, der dem Ort seit 35 Jahren vorsteht, reagiert begeistert: „Als mich Frau Krages anrief, fielen für mich Ostern und Weihnachten auf einen Tag. Der Campingplatz und die Gaststätte liegen seit Jahren in Argen.“ Die Pläne könnten Lerbach einen Schub verleihen. „Ich verspreche mir viel davon. Wenn diese Anlage wieder funktioniert, wäre das positiv für den ganzen Ort.“

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Auch Krages ist von dem Engagement der Lerbacher begeistert: „Das ist Pionierarbeit. Auf Sylt oder in Kitzbühel ist keiner dankbar, wenn man sich engagiert. Hier fragen die Leute, wie sie helfen können.“ Auch da hat die Hamburger Designerin schon manche Ideen. „Unsere Besenkammer soll Gasthaus für den ganzen Ort werden und ein Platz des Austausches werden – vielleicht haben ja ein paar Einheimische Lust, beispielsweise Kuchen zu backen.“

Wenn Krages von ihrem Zauberwald in Lerbach erzählt, spürt man Feuer und Flamme für das Projekt. „Ich gehe nicht auf den Golfplatz. Das ist mein Hobby“, sagt sie. „Ich arbeite gern und bringe Menschen zusammen. Wenn das funktioniert, habe ich alles erreicht.“ Die Frage nach der Rendite beantwortet sie unkonventionell: „Meine Rendite ist Glück.“ Zweifel an dem Erfolg beschleichen sie kaum: „Dieser Platz funktioniert – er hat alles, was er braucht“, sagt Krages. Zugleich sei er einzigartig. „Jeder muss für sich selbst entscheiden: Folge ich dem Trend oder kreiere ich ihn selbst?“ Das norddeutsche Mittelgebirge habe alle Chancen: „Wenn ich höre, nur weil Harz draufsteht, könne daraus kein Trend werden, sage ich: Vielleicht müssen wir uns mal ganz frei machen von Trends – und neue Wege wagen.“

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