Service-Organisation

Holger Knaack ist der erste deutsche Rotarier-Präsident

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Vanessa Seifert
Freunde in aller Welt: Holger Knaack (Mitte) wird in seiner Amtszeit coronabedingt jedoch weniger reisen als bisher.

Freunde in aller Welt: Holger Knaack (Mitte) wird in seiner Amtszeit coronabedingt jedoch weniger reisen als bisher.

Foto: Monika Lozinska / Rotary International

Der Ratzeburger übernimmt Vorsitz der Service-Organisation mit weltweit 1,2 Millionen Mitgliedern. Was ihn auszeichnet.

Ratzeburg.  Nun, welcher Präsident kann schon vom ersten Tag an behaupten, dass die eigene Amtszeit als „historisch“ in die Annalen eingehen wird? Holger Knaack kann das zu Recht von sich sagen – und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Der Ratzeburger ist nämlich nicht nur der erste Deutsche überhaupt, der in der 115-jährigen Geschichte der Rotarier den Vorsitz über die weltweit mehr als 1,2 Millionen Mitglieder aus rund 35.000 Clubs in mehr als 200 Ländern übernommen hat, der 68-Jährige wird auch der erste Präsident sein, der in seiner zwölfmonatigen Amtszeit die Welt vor allem virtuell bereist.

So war er gestern, am Tag der offiziellen Amtsübernahme, im US-Bundesstaat Alabama zu Gast. Also, per Facebook live. Dort, im amerikanischen Süden, lebt sein Vorgänger Mark Maloney, der dem Schleswig-Holsteiner das Ehrenamt noch einmal feierlich und freundschaftlich übergab. Auf großer Bühne hätte dies am 20. Juni auf Hawaii geschehen sollen, bei der 111. Rotary International Convention – dem jährlichen Treffen mit mehr als 28.000 Mitgliedern aus aller Welt, das unter anderem Holger Knaack im vergangenen Sommer nach Hamburg geholt hatte. Aus Hongkong wäre er heute gelandet, nach Lima wäre er in zwei Tagen aufgebrochen und während der einjährigen Amtszeit hätte Holger Knaack mit seiner Frau Susanne („meine beste Beraterin!“) statt im Haus am Ufer des Küchensees in der Nähe der Rotary-Zentrale in Evanston bei Chicago gewohnt. Hätte, wäre, wenn ... Corona nicht alle Pläne durchkreuzt hätte.

Aufgewachsen nahe der DDR-Grenze, schätzt er die Freiheit

Schon in Vorbereitung auf die Amtszeit habe er viel Zeit in seinem improvisierten „Sendestudio“ verbracht, sagt Knaack. „Und das Gute daran ist: Ich habe durch diese Videoschalten mehr Menschen gesehen und gesprochen, als es in so kurzer Zeit persönlich möglich gewesen wäre.“ Auch der größten Krise etwas abzugewinnen, nie den Optimismus zu verlieren – das, so sagen seine Freunde und langjährigen Wegbegleiter aus dem Rotary Club Herzogtum Lauenburg-Mölln, sei eine von Holger Knaacks herausragenden Eigenschaften. Dazu passt, dass der begeisterte Segler, Golfer und Ruderer, der letztere Sportart seit 2005 mit der von ihm gegründeten Karl-Adam-Stiftung unterstützt, das Motto „Rotary eröffnet Möglichkeiten“ zu seinem Credo gemacht hat.

Denn der Blick über den eigenen Tellerrand war dem studierten Betriebswirt, der seine Frau Susanne 1972 an der Fachhochschule in Kiel kennenlernte, immer schon wichtig. Aufgewachsen ist Holger Knaack in der Gemeinde Groß Grönau bei Lübeck, unmittelbar an der innerdeutschen Grenze. „Als 1989 die Mauer fiel, bin ich sofort rüber. Um zu sehen, was dort los ist, und auch, um mein eigenes Dorf mal aus einer ganz neuen Perspektive zu betrachten.“

Nach der Gymnasialzeit in Lübeck und vor dem Studium in Kiel machte Holger Knaack eine Bäckerlehre in Neumünster und jobbte in einer Brotfabrik in Stuttgart. Das Ziel: den Familienbetrieb, eine 1868 vom Urururgroßvater gegründete Bäckerei, vom Vater zu übernehmen. Ende der 1970er-Jahre stieg er ein, während seine Frau die damals 60 Jahre alte Wurstfabrik ihrer Familie übernahm. Traditionen bewahren, aber sich gleichzeitig für die Moderne öffnen – so hat das Ehepaar Unternehmertum verstanden und gelebt. Holger Knaack entwickelte schon ökologische Brötchensorten, als noch niemand das Wort „Bio“ kannte. Mit Optiker Günther Fielmann baute er eine eigene Mühle auf, in der bis heute Biogetreide verarbeitet wird. Den elterlichen Betrieb hat Holger Knaack mittlerweile verkauft. „Wir haben keine Kinder, da muss man sich eben überlegen, wie es am besten weiterläuft.“

1982 begann sein Engagement bei Round Table

So hat Holger Knaack aber umso mehr Zeit für seine Rotarier. 1982 begann sein Engagement bei Round Table, einem Service-Club, den man jedoch im Alter von 40 Jahren verlassen muss. „Mir war von Anfang an klar, dass ich danach bei den Rotariern weitermachen wollte. Dort wird nicht nur geredet, sondern gemacht. Wenn zum Beispiel irgendwo am Stammtisch rassistische Äußerungen fallen, dann ist es unsere Pflicht, das Wort zu erheben. Wir sind keine politische Organisation, wir wollen einfach nur die Welt ein Stück besser machen.“

Mit einem weltweiten Corona-Fonds zum Beispiel, aus dessen Geld vor allem die Pandemie in Indien und Afrika bekämpft werden soll. 450.000 Euro Überschuss waren bei dem Jahrestreffen im vergangenen Sommer in Hamburg zusammengekommen. Eigentlich hätte das ausgezahlt werden sollen, 9 Euro pro Mitglied. „Aber es war selbstverständlich, dass wirklich alle gefragt haben: Können wir mit dem Geld nicht was Sinnvolleres anstellen?“

Dass Holger Knaack in den nächsten zwölf Monaten sehr viel Sinnvolles anstellen wird, daran haben die Rotarier gar keinen Zweifel. Seine Amtszeit gilt ja jetzt schon als historisch.

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