Norddeutschland

Kulturkiller Corona – Landpartie in Zeiten der Pandemie

Ein Schild an der Landesgrenze von Schleswig-Holstein zu Mecklenburg-Vorpommern bei Zarrentin weist auf die "Einreisesperre" hin.

Ein Schild an der Landesgrenze von Schleswig-Holstein zu Mecklenburg-Vorpommern bei Zarrentin weist auf die "Einreisesperre" hin.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Leere Straßen, geschlossene Geschäfte und Cafés, neue Grenzkontrollen: wie das Virus ganze Landschaften verändert.

Hamburg. Nein, Schleswig-Holstein ist noch kein Polizeistaat. Wer dieser Tage die öffentliche Debatte verfolgt, wähnt hinter jedem Baum, an jeder grünen Grenze, auf jedem Strandabschnitt einen Wachtmeister, der bevorzugt Hamburger nach Hause schickt. Es ist viel Porzellan zerschlagen worden, aber die Straßen sind an diesem sonnigen Frühlingstag kurz vor Ostern frei. In normalen Zeiten würden nun auf der A7 Stoßstange an Stoßstange stehen. Aber wir leben nicht in normalen Zeiten, sondern im Jahr von Covid-19.

So leer war die Trasse unter dem neuen Deckel noch nie, die A7 galt vielen als ein Synonym für Stau, heute sind nur ein paar Lkw unterwegs, die meisten als Helden der Nahversorgung: An Bord haben sie Bier der Flensburger Brauerei, Obst aus Vierlande, Milch aus der Region. Die Kennzeichen sind alte Bekannte, von weit her reist niemand mehr.

In Bad Bramstedt verlassen wir die Autobahn, die Dorfstraße liegt still da wie an einem frühen Sonntagmorgen. Die Geschäfte seit Wochen geschlossen und mit jedem weiteren Tag der Zwangspause wird das Öffnen schwieriger. Das Virus wird unser Land verändern, vor allem das Dorf: Es ist der Sterbehelfer für die kleinen Läden und Traditionsgeschäfte, er wird die Innenstädte veröden lassen. Die Gewinner sind die großen Internetkonzerrne – es macht Multis noch reicher und zerstört die Kleinen. Wenn die Digitalsteuer nach Corona nicht kommt, wann dann?

Coronakrise: leere Straßen, geschlossene Geschäfte

Auf dem Weg nach Bad Segeberg passieren wir eine Unfallstelle – fast ein Kunststück zusammenzustoßen, wo die Straßen so leer sind. Die Polizei ist noch nicht vor Ort. Am Wochenende konnte man die Hamburger Landesgrenze kaum nach Norden passieren, ohne dass die Polizei dem Grenzgänger auf die Füße trat; hier fehlt sie.

In Bad Segeberg sind die Karl-May-Festspiele unübersehbar. Seit 1952 reitet Winnetou am Kalkberg entlang. Am 27. Juni soll der Ölprinz Premiere feiern, der Kartenvorverkauf hat begonnen. Bad Segeberg ohne Winnetou ist unvorstellbar – aber Corona hat die Grenzen des Vorstellbaren längst gesprengt.

Nach Travemünde gelangen wir ohne Probleme. In den geschlossenen Geschäften funktioniert nicht einmal mehr das Ausverkauf: "Halber Preis auf alles", verspricht ein Taschenladen. Geschlossen ist er trotzdem. Auch das Kaffeehaus "Lichtblick" muss in diesen dunklen Tagen zumachen. Dafür gibt es massenhaft leere Parkplätze: 873 am Strand, 506 am Kurpark. Es ist schwerer, ein Auto zu finden als einen Parkplatz.

Corona hat das Zeug zum Kulturkiller

Nur wenige Fahrzeuge nutzen die Fähre zum Priwall, auch hier ein touristischer Hotspot ohne Touristen. Eine gespenstische Welt: Nur der geöffnete Edeka verströmt einen Hauch von Normalität. Die schmucken ostdeutschen Dörfer, die im Gegensatz zu ihren westdeutschen Pendants vom Kahlschlag des Wirtschaftswunders verschont wurden, wirken noch verwaister als sonst.

Kaum ein Bürger ist in Schönberg (Mecklenburg) auf den Straßen. Die malerischen Alleen sind nicht nur menschenleer, sondern auch befreit von Autos. Auf den Spargelfeldern rings umher wächst der Spargel, den keiner sticht. Malerische Landgasthöfe sind verwaist – wie würde das Land veröden, wenn sie nie wieder öffnen? Corona hat das Zeug zum Kulturkiller.

Nur noch Helgoland ist frei von Corona

Mehrfach passieren wir die Grenze zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Kurz vor Zarrentin erinnert ein Schild an die Grenze, die Europa bis 1989 teilte und feiert deren Überwindung. Keine zwanzig Meter dahinter warnt ein Schild: "Für touristische Verkehre im Land gesperrt". Und kurz dahinter winkt uns eine freundliche Beamte heraus. Wohin wir wollten, fragt ihr Kollege. Was der Zweck unserer Reise ist. Handwerker mit schriftlichen Auftragsbestätigungen können passieren, Mecklenburger auch; die anderen müssen draußen bleiben.

"Ein Großteil der Menschen ist kooperativ", sagt der Oberkommissar. "Aber manche wollen es auch nicht nachvollziehen." Immerhin sei man bislang ohne Bußgeld ausgekommen. Trotzdem ist das Virus längst da. In den Landkreisen Nordwestmecklenburg und Ludwigslust Parchim sind jeweils rund 60 Menschen an Covid-19 erkrankt. Wirklich frei von Corona ist nur noch Helgoland.

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