Radioaktivität

Wohin mit dem Atom-Bauschutt in Norddeutschland?

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Matthias Popien
Das Atomkraftwerk Krümmel an der Elbe.

Das Atomkraftwerk Krümmel an der Elbe.

Foto: picture alliance

Im Norden werden drei Kraftwerke abgerissen. Nur eine Gemeinde ist bereit, strahlungsarme Reste aufzunehmen.

Kiel/Wiershop.  Das war‘s dann mit der Atomenergie. Ende 2022 wird das letzte deutsche Kernkraftwerk abgeschaltet. Danach folgt der Abriss. Die Brennstäbe werden ausgebaut und in ein Endlager gebracht. Aber was geschieht mit den Gebäuden, dem Beton, den Abwasserrohren, dem Metall, den vielen anderen Materialien, die in einem Kraftwerk verbaut sind? In Schleswig-Holstein wird gerade klar: Die Debatten um die Atomkraft sind noch lange nicht zu Ende.

Drei Kernkraftwerke gibt es im Norden. Krümmel und Brunsbüttel sind schon vom Netz, Brokdorf macht spätestens Ende kommenden Jahres dicht. Dann folgt der Abriss. Rund 35.000 Tonnen Bauschutt, der sehr schwach radioaktiv ist, muss auf Deponien gelagert werden. Aber wo? Nach jahrelangen Debatten hat sich nun die Gemeinde Wiershop bei Geesthacht als erste schleswig-holsteinische Gemeinde bereit erklärt, einen Teil des Schutts aufzunehmen.

700 Tonnen dürfen auf der örtlichen Deponie gelagert werden

700 Tonnen dürfen auf der örtlichen Deponie gelagert werden, der größten im Land. Aber es darf ausschließlich Mineralwolle sein, und sie darf ausschließlich aus dem wenige Kilometer entfernten Kraftwerk Krümmel stammen. „Ob die aus einem Kraftwerk stammt oder aus einem Abriss eines Hauses in Hamburg, ist ziemlich egal. Die ist freigemessen“, sagt Wiershops Bürgermeister Hans-Ulrich Jahn. Der Landesumweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) jubelt: „Das ist ein positives Signal.“ Es zeige, dass Akzeptanz für die Deponierung der Rückbauabfälle „vorhanden und erreichbar“ sei.

700 Tonnen von 35.000 Tonnen – für fünf Jahre Deponiesuche ist dennoch ein recht klägliches Ergebnis. 2015 war der damalige Landesumweltminister und jetzige Bundesvorsitzende Robert Habeck (Grüne) voller Euphorie ans Werk gegangen. 2011 war der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Die Umsetzung sollte nun kein Problem mehr sein, mag Habeck gedacht haben. Aber es kam anders.

Entschiedener Widerstand

Habecks Versuch, freiwillige Entsorgungsvereinbarungen mit den Deponiekommunen abzuschließen, stieß auf entschiedenen Widerstand. 2016 konstatierte er in einem Rundschreiben an die Grünen-Mitglieder im Land: „Ich muss zugeben, dass ich überrascht bin, dass das gerade an dieser Stelle passiert, weil ich dachte, dass es etwas Unstrittigeres, als den Atom-ausstieg umzusetzen, kaum geben kann.“ Er werbe doch sehr dafür, nicht mit einer „Nicht vor meiner Haustür“-Politik anzufangen.

Doch genau diese Politik setzte sich dann durch. Bis zu Habecks Wechsel an die Bundesspitze der Grüne hatte sich keine Deponie gefunden, die den Schutt aufnehmen wollte. Immerhin war den Bürgern jahrelang gerade auch von Grünen erzählt worden, wie gefährlich die Atomkraft ist. Und nun das Zeug in der Nachbarschaft einlagern? Henning Pries (CDU) ist Bürgermeister der Gemeinde Gremersdorf bei Heiligenhafen.

Bürgerinitiative will Schuttablagerung verhindern

Dort betreibt die Firma Gollan Recycling eine Deponie. Aus Sicht des Landes kann sie den Abriss-Schutt aufnehmen. Pries sieht das anders. „Der gesunde Menschenverstand sagt zwar, dass das alles ungefährlich ist“, gibt er zu. „Aber das reicht eben nicht. Das Land muss Akzeptanz erzeugen.“ Auf dem Campingplatz der Gemeinde, dem „Blank Eck“, bekomme man von Gästen schon zu hören: „Zu euch kann man nicht mehr kommen, da wird man verstrahlt.“

Die Leute, mit denen Habeck gegen Atomkraft gefochten hat, sind jetzt die größten Bedenkenträger.

Henning Pries (CDU), Bürgermeister der Gemeinde Gremersdorf

Die Sorge gibt es auch anderswo. In Harrislee – auch dort existiert eine geeignete Deponie – hat sich bereits eine Bürgerinitiative gebildet, die die Schuttablagerung verhindern will. Die Lübecker Bürgerschaft – hier käme die Deponie Niemark infrage – hat die Lagerung bereits abgelehnt. Überall stößt man sich daran, dass der Schutt nicht komplett strahlungsfrei ist, sondern eben doch noch eine winzige Reststrahlung aufweist. Weniger als zehn Mikrosievert im Jahr sind es, nur dann bekommt der Schutt das Prädikat „freigemessen“.

Wert liegt deutlich unterhalb der natürlichen Strahlung

Der BUND lehnt diese Zehn-Mikrosievert-Grenze kategorisch ab. Die Naturschützer sind der Meinung, dass „eine zusätzliche künstliche radioaktive Strahlung, auch unterhalb des Zehn-Mikrosievert-Grenzwerts, unzulässig“ sei. Bürgermeister Pries wundert sich: „Die Leute, mit denen Habeck damals gegen Atomkraft gefochten hat, sind jetzt die größten Bedenkenträger.“

Nach Ansicht der Strahlenschutzkommission und des Landes sind zehn Mi­krosievert unbedenklich. Deshalb kann der Müll auf einer normalen Deponie gelagert werden. „Dieser Wert liegt weit unterhalb der natürlich in der Umgebung vorkommenden Strahlung und selbst unter der Schwankungsbreite der natürlichen Strahlung innerhalb Schleswig-Holsteins“, sagt der Habeck-Nachfolger Jan Philipp Albrecht.

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Im Umweltministerium verweist man darauf, dass jeder Mensch mit etwa 300 Mikrosievert im Jahr selbst strahle aufgrund der Radioaktivität, die er etwa durch den Verzehr von Nahrungsmitteln in sich trage. Wer täglich zwei Paranüsse esse, steigere seinen „Jahreswert“ an körpereigener Strahlung nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz um bis zu 160 Mikrosievert. Die gesamte natürliche Strahlenbelastung betrage in Deutschland im Mittel 2100 Mikrosievert pro Jahr.

Die Politiker in den Deponiegemeinden sehen das naturgemäß anders. Ihre Aufgabe ist es, Schaden von den Bürgern abzuwenden – und sei der Schaden noch so gering. Und so beschloss etwa die Lübecker Bürgerschaft im vergangenen November mit großer Mehrheit, aber gegen die Stimmen der Grünen: „Der Lübecker Bürgermeister wird beauftragt, sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten dafür einzusetzen, dass eine solche Deponierung verhindert wird.“ Viel sinnvoller sei es doch, den Schutt dort zu lagern, wo die Atommeiler stünden. Der Lübecker Beschluss – er war nichts anderes als ein Prachtbeispiel für „Nicht vor meiner Haustür“-Politik.

Am Ende könnte es eine Zuweisung des Mülls geben

Deshalb muss das Land am Ende vielleicht doch das nutzen, was etwas verschämt „Rückfallvariante“ genannt wird. Die Koalitionsfraktionen CDU, Grüne und FDP haben dies soeben mit einem Antrag bekräftigt. Wenn sich keine Deponie findet, die den Müll aufnimmt, geben Atomgesetz und Kreislaufwirtschaftsgesetz die Möglichkeit her, eine Deponie zur Aufnahme zu verpflichten.

Dagegen allerdings könntendie Deponiebetreiber und die Deponiegemeinde klagen. Der Kampf gegen das Atom geht weiter – auch dann noch, wenn alle Meiler längst abgeschaltet sind.

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