Bankräuber

Nach Schließfach-Coup: Wer haftet für die Schäden?

Tatorte waren Sparkassen in Hannover (o.) und Buchholz.

Tatorte waren Sparkassen in Hannover (o.) und Buchholz.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Bande knackte Schließfächer in Buchholz und Hannover und erbeutete mehrere Millionen Euro. Nun bangen die Kunden um ihr Geld.

Buchholz/Hannover. Sie zählen zu den modernsten Sparkassen-Filialen in Deutschland – doch ausgerechnet die Sparkasse Harburg-Buxtehude (Landkreis Harburg) und zwei Sparkassen-Filialen in Hannover wurden Ziele spektakulärer Bankeinbrüche. Als Kunden getarnte Bankräuber hatten das voll automatisierte Schließfachsystem überlistet – und am Freitagabend und am Sonnabend vor zwei Wochen in aller Ruhe in Buchholz 82 und in Hannover 50 Bankfächer geplündert. Die Bankräuber erbeuteten Schmuck, Geld, Silber und Gold im Wert von mehreren Millionen Euro. Allein in Hannover rechnet die Polizei mit Schäden von bis zu fünf Millionen Euro, mindestens eine Million Euro kommt in Buchholz hinzu.

Die Verunsicherung und Verärgerung von Sparkassen-Kunden und Bankmitarbeitern ist groß. Denn neben dem Verlust unwiederbringlicher Schmuck- und persönlicher Wertgegenstände könnten Opfer des massenhaften Diebstahls leer ausgehen. Der Grund: Längst nicht alle Schließfächer waren versichert – Kunden bangen um ihr Geld.

Die Polizei in Buchholz geht davon aus, dass in Hannover und in Buchholz eine professionelle Bande am Werk war, die den Diebstahl im großen Stil akribisch vorbereitet und sich für ihre Raubzüge an drei Tatorten personell aufgeteilt hat. „Darauf deutet die Methode und Art und Weise hin, mit der die Täter vorgegangen sind“, sagte Polizeihauptkommissar Jan Krüger dem Abendblatt.

Täter spähten Zugangsdaten aus

In allen drei Fällen spähten die Täter die Zugangsdaten von Kunden aus. Die stellen sich nunmehr die Frage, ob Wertgegenstände in Bankfächern mit automatisierten Schließsystemen überhaupt noch sicher aufgehoben sind. Bei den meisten Banken wird traditionell mit dem Zwei-Schlüssel-Prinzip gearbeitet: Ein Bank-Mitarbeiter hat einen Schlüssel, der Kunde den zweiten. Nur gemeinsam – und nur zu den Öffnungszeiten – lässt sich damit das Bankfach öffnen. Bei automatisierten Anlagen ist es anders: Die Kunden gehen allein mit ihrer Bankkarte in das Bank
haus – und gelangen dort in einen abgeschlossenen Raum. Dort fordern sie ihre Wertkassette mit einer PIN-Nummer und Karte an. Auf einem Förderband wird die Kassette vom Tresorraum direkt zum Kunden transportiert, der diese mit einem einfachen Schlüssel öffnen kann.

Eigentlich sollte das dreifach gesicherte System mehr Sicherheit und Kunden mehr Flexibilität beim Zugriff auf ihr Schließfach verschaffen: Weil kein Mitarbeiter mehr den Kunden begleiten muss, konnten Schließfachbesitzer in Buchholz von 5 Uhr früh bis 23 Uhr auf ihre Kassette zugreifen – was wiederum umstritten ist und sich die Täter zunutze machten. Denn auch bei automatisierten Anlagen gibt es Sicherheitslücken. Das ist nicht erst seit den Vorfällen in Buchholz und in Hannover bekannt: Schon vor zwei Jahren war es Einbrechern in einer Sparkassenfiliale in Halle gelungen, 24 Wertkassetten auszuräumen. Dort spähten die Täter mithilfe eines manipulierten Kartenlesegerätes Kundendaten aus, mithilfe dieser forderten sie die Wertkassetten an.

Polizei geht Zeugenhinweisen nach

Im Fachjargon nennt man diese Art des Datendiebstahls „Skimming“. Kenner der Sicherheitsbranche, mit denen das Abendblatt sprach, gehen davon aus, dass die Täter auch in Buchholz eine solche Skimming-Tat verübten. „Bei den Dieben muss es sich um Experten gehandelt haben“, sagt Bernd Schupke, Tresortechniker der Hartmann-Tresore-AG. „Vermutlich kannten die Täter die Schwachstelle der Anlage sehr genau. Wahrscheinlich hatten sie Routine.“

Ob es eine Verbindung zwischen der aktuellen Einbruchserie und den Tätern in Halle gibt, ist unklar. „Wir schauen uns gleich gelagerte Fälle im gesamten Bundesgebiet an“, sagt Kommissar Krüger. Es gebe Zeugenhinweise, denen gehe die Polizei nach. Kunden bewegt indes die Frage, wer für die Schäden haftet.„Es wundert mich, dass die Sparkasse modernisiert wurde und sowas passieren kann“, sagt Manfred Hermanns. Sein Bankfach in Buchholz blieb zum Glück verschont. Er findet, die Sparkasse müsse dennoch etwas ändern. Kunde Jochen König teilt die Meinung: Ein „guter Freund“ habe sein Erspartes für den Traum vom eigenen Boot im Schließfach gelagert – und verloren. „Alle Leute, die geschädigt sind, sollten entschädigt werden.“

In Hannover werden Bankfächer im Beisein von Polizisten geöffnet

Rechtsanwalt Michael Oehlrich aus Tostedt vertritt Geschädigte des Einbruchs in Buchholz. „Dass Diebe die Filiale über zwei Tage hinweg viele Male unbemerkt betreten haben, ist schon bemerkenswert“, sagt er. Ähnliche Einbrüche hätten schon einmal stattgefunden, die Schwachstellen seien also bekannt – was Sicherheitsexperten aus der Tresor-Branche dem Abendblatt bestätigten. „Da muss man sich schon die Frage stellen, ob seitens der Banken zu wenig getan wurde, um die Mängel zu beheben“, so der Rechtsanwalt. Hat die Sparkasse gegen ihre Sorgfaltspflicht verstoßen? „Ob der Schließfachhersteller oder die Sparkasse verantwortlich für die Sicherheitslücke ist, muss geklärt werden.“

In Hannover und in Buchholz ist man nach den Vorfällen dazu übergangen, Kunden nur zu den Öffnungszeiten und nach Identitätsüberprüfung durch einen Mitarbeiter bis zur Wertkassette zu begleiten. In Hannover werden Bankfächer von Kunden im Beisein von Polizeibeamten geöffnet. „Um zu überprüfen, ob es noch mehr Geschädigte gibt“, sagt Polizeisprecherin Antje Heilmann. „Einzelzutritt wird nicht mehr gewährt“, ergänzt Stefan Becker, Sprecher der Sparkasse Hannover. Über weitere Konsequenzen werde nachgedacht.