Wirtschaft

Biomilch – wie Discounter den Preis drücken

Janosch Raymann
ist Geschäftsführer
der Biomeierei
Hamfelder Hof.
Seine Eltern hatten
1996 die Liefergemeinschaft
gegründet.
Heute wird die
Milch von 32 Mitgliedsbetrieben
verarbeitet –
60.000 Liter
am Tag.

Janosch Raymann ist Geschäftsführer der Biomeierei Hamfelder Hof. Seine Eltern hatten 1996 die Liefergemeinschaft gegründet. Heute wird die Milch von 32 Mitgliedsbetrieben verarbeitet – 60.000 Liter am Tag.

Foto: Andreas Laible / HA

Der Kampf gegen Lidl, Aldi und Co. wird für kleine Molkereien immer härter. Doch sie wollen nicht aufgeben.

Hamburg. Die Nähe macht den Unterschied. „150 Kilometer“, sagt Janosch Raymann, „weiter ist keiner unserer Milchbauernhöfe entfernt.“ Der Geschäftsführer der Meierei Hamfelder Hof steht in der großen Abfüllhalle. Es ist ziemlich warm. Über ein Rohrsystem wird die Milch durch die Produktion gepumpt. Von den Rohmilchtanks in den Milcherhitzer und in die Anlage, in der die Packungen abgefüllt werden. 60.000 Liter jeden Tag. Das hört sich viel an, ist aber nur ein Bruchteil der Mengen von großen Molkereien. Der Unterschied: Die 32 Biolandwirte, die ihre Milch in dem Betrieb in Mühlenrade (Kreis Herzogtum Lauenburg) verarbeiten lassen, sind zugleich Anteilseigener. Sie nennen es Bauerngemeinschaft. Ihre Kühe stehen in Schleswig-Holstein, dem nördlichen Niedersachsen und dem westlichen Mecklenburg auf der Weide. Andere Milch kommt hier nicht in die Tüte. „Wir produzieren ganz bewusst aus der Region für die Region“, sagt Raymann.

Milch vom Hamfelder Hof gibt es seit 1996, der Zusammenschluss gehört zu den Biomilch-Pionieren. Seither hat sich der Markt massiv verändert, das Angebot aus ökologischer Produktion wächst stetig. Trotz der extremen Dürre im Sommer 2018 lieferten die deutschen Erzeuger mehr als eine Milliarde Kilo Biomilch ab – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Geschäft ist lukrativ. Längst legen nicht mehr nur ernährungsbewusste Kunden mit höherem Einkommen Milchtüten mit dem Biosiegel in den Einkaufswagen. Nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) stammt knapp jeder fünfte privat gekaufte Liter Frischmilch aus ökologischer Produktion. Internationale Molkereikonzerne kämpfen mit harten Bandagen im Geschäft mit der Milch. Um den Platz im Kühlregal tobt ein heftiger Konkurrenzkampf – mit Auswirkungen auf die Preise.

Ohne Aldi, Lidl & Co geht inzwischen nichts mehr beim Absatz von Biomilch. „40 Prozent der gesamten Biokonsummilch in Deutschland werden im Discounter verkauft“, sagt Christine Rampold, AMI-Expertin für den Öko-Markt. Aktuell liegt der Einstiegspreis für Biovollmilch beim Discounter bei 1,05 Euro, fettreduzierte Biomilch ist schon für 95 Cent zu haben. Die großen Supermarkt- und Naturkostketten haben nachgezogen und bieten den Kunden die gleichen Konditionen.

Studien zeigen: Teurere Biomilch ist wirklich besser

Ähnlich wie bei konventioneller Milch haben die Verbraucher nicht nur die Wahl zwischen Vollmilch und fettarmer Milch. Es gibt länger haltbare – sogenannte ESL-Milch – , frische sowie nicht homogenisierte Varianten mit Öko-Siegel von unterschiedlichen Markenherstellern und Eigenmarken von Alnatura und Denn’s sowie von Edeka und Rewe. Für Verbraucher sind die Unterschiede kaum zu erkennen. Außer am Preis, der auch mal bei knapp zwei Euro pro Liter liegen kann. Konventionelle Vollmilch wird dagegen schon ab 70 Cent im Discounter angeboten.

Aber ist die teurere Biomilch auch wirklich besser? Kurz und knapp: Ja. Wissenschaftliche Tests, unter anderem vom Max-Rubner-Institut, das für den Bund Ernährungs- und Lebensmittelforschung betreibt, haben ergeben, dass die Zusammensetzung der Milch erheblich durch das Futter bestimmt wird. Das bedeutet vereinfacht: Wenn Kühe viel draußen auf der Weide sind und wenig Kraftfutter bekommen, hat das zur Folge, dass ihre Milch gesünder ist – zum Beispiel einen erhöhten Gehalt an Omega-3-Fettsäuren hat. Die Preisunterschiede bei Biomilch erklärt das allerdings noch nicht.

Die Milch vom Hamfelder Hof kostet meist zwischen 1,30 und 1,40 Euro und ist damit zwischen 25 und 35 Cent teurer als die günstigste Biomilch. Die Meierei am Ortsrand von Mühlenrade gilt als Vorzeigebetrieb. Als im August 2015 die eigenen Produktionsanlagen in Betrieb genommen wurden, feierte der Grünen-Politiker Robert Habeck mit, damals Landwirtschaftsminister im Norden. „Die unternehmerische Entscheidung, auf Menge zu verzichten und stattdessen auf Ökologie zu achten, ist sehr bemerkenswert und deshalb ein Leuchtturmprojekt für den ganzen Norden“, lobte er damals.

38 Biomolkereien in Deutschland

14 Millionen Euro Investitionen, darunter auch EU-Subventionen, stecken in dem Projekt, das im zweiten Bauabschnitt um einen Hofladen und ein Café erweitert wurde. „Wir sind ein kleiner Betrieb, der ausschließlich regional, sehr transparent und qualitätsorientiert produziert“, erklärt Geschäftsführer Raymann die höheren Preise seiner Produkte. Man könnte auch sagen: Er weiß bei jedem Liter, den das Unternehmen verlässt, woher er kommt.

Insgesamt gibt es in Deutschland 38 Biomolkereien, darunter vor allem in Süddeutschland auch solche, die große Mengen Biomilch für Discounter und Supermärkte günstig produzieren oder teilweise aus strategischen Gründen sogar ohne Gewinn weitergeben. Das ist ein Grund für die Preisdifferenzen. Mit ihren Abnahmemengen können die mächtigen Handelsketten die Preise zudem deutlich drücken – ob die Milch dafür quer durch die Republik gefahren wird, spielt dabei keine Rolle. Und bei Produkten der Eigenmarken fallen teure Marketingausgaben weg.

Ein weiterer Punkt: Bio ist nicht gleich bio. Das grüne EU-Biosiegel definiert nur Mindeststandards nach der EG-Öko-Verordnung wie artgerechte Haltung und die Verwendung von Biofutter. Die Siegel der deutschen Herstellerverbände wie Bioland oder Demeter sind deutlich strenger, unter anderem erlauben sie wesentlich weniger Tiere je Hektar als das EU-Siegel.

Inzwischen ist in diesem Punkt allerdings Bewegung in den Markt gekommen. Ende vergangenen Jahres hat Lidl eine Qualitätsoffensive unter dem Motto „Bioland für alle“ gestartet und bietet in Kooperation mit dem Anbau-Verband auch Molkereiprodukte der Lidl-Eigenmarke BioOrganic an, die den gleichen Produktionsregeln unterliegen wie die meisten Biomarkenanbieter, etwa der Hamfelder Hof – aber deutlich günstiger sind. Die Konkurrenz, etwa Aldi und Penny, hält mit groß angelegten Werbemaßnahmen und Sortimentserweiterungen dagegen. Erst mal gut für die Kunden. Wie sich der Preiskampf langfristig auswirkt, ist offen.

Hamfelder Meierei zahlt Bauern mehr Geld pro Liter

Klar ist: Für den Biomilch-Pionier Hamfelder Hof wächst der Konkurrenzdruck. „Uns geht es nicht nur um den Verkauf von Milch“, sagt Geschäftsführer Raymann. Das hat auch mit der Unternehmensgeschichte zu tun. Schon 1986 hatten die Eltern des heutigen Meierei-Chefs ihren Bauernhof in Hamfelde auf Öko-Landwirtschaft umgestellt, seit 1996 in einer Liefergemeinschaft mit anderen in der Region unter der Marke Hamfelder Hof Milch in einer kleiner Meierei in Trittau herstellen lassen. Als diese 2009 geschlossen wurde, entstand die Idee für die Bauerngemeinschaft.

„Wir wollen die ökologische Landwirtschaft weiterentwickeln und qualitativ besser machen. Jenseits der reinen Effizienzsteigerung in der Branche. Das ist unser Verständnis der Grundidee ökologischer Landwirtschaft, wofür eine bessere Erlössituation für die Höfe notwendig ist“, sagt der 32-jährige Wirtschaftsinformatiker. Stolz ist er darauf, dass die Bauerngemeinschaft während der Dürre gemeinsam über die Meierei den Kauf von Biofutter für die Höfe organisiert und umgesetzt hat, inklusive der Erarbeitung von Lösungen für die Finanzierung.

Die Entwicklung gibt ihm recht. 13 Millionen Liter Milch verarbeitet die Meierei in unterschiedlichen Verfahren zu drei Sorten Milch, jeweils in den Varianten mit naturbelassenem Fettgehalt von mindestens 3,8 Prozent und 1,5 Prozent, zudem Sauerrahmbutter und seit einem Jahr auch Naturjoghurt. Der Jahresumsatz liegt zwischen zwölf und 13 Millionen Euro. Wichtig ist der Biomeierei, dass sie ihren Bauern gute Preise zahlen kann. „Nach drei Jahren haben wir es geschafft, viele etablierte Molkereien zu überbieten“, sagt Raymann. Die Mitgliedsbetriebe erhalten im Jahresschnitt 49 Cent pro Liter – norddeutsche Konkurrenten zahlen zwei bis drei Cent weniger. Konventionelle Bauern erhalten etwa 35 Cent pro Liter. Mittelfristig setzt Raymann auf moderates Wachstum. Es gebe Anfragen von Bauern, die beitreten wollten. Wichtiger als die Größe sei aber die Idee hinter dem Projekt. „Wir wollen als die norddeutsche Biomeierei wahrgenommen werden und Vorreiter in Sachen ökologischer Landwirtschaft sein.“

1,05 Euro für einen Liter Biomilch – das ist zu billig

Die neue Marktmacht der Bioland-Lidl-Kooperation sieht Raymann als Verbandsmitglied kritisch. Während Bioland darauf setzt, dass mehr Menschen Bioprodukte kaufen, weil sie es sich leisten können, befürchtet er einen Imageverlust. „Auch die Hoffnung, dass die Meiereien den Bauern aufgrund der Zusammenarbeit mehr Milchgeld zahlen, wird sich nicht erfüllen“, glaubt Raymann. Auf dem Hamfelder Hof werde man sich die Entwicklung genau anschauen. „1,05 Euro sind zu billig für einen Liter Biomilch“, so der Landwirtssohn. Er spricht von „fehlender Wertschätzung für das Produkt“. Die Preise für die Milch vom Hamfelder Hof sollen auch deshalb nicht reduziert werden. „Den Preiskampf können wir nicht gewinnen.“ Sagt’s und blickt den braun-weißen Milchtüten nach, die auf langen Förderbändern in die Verpackungsabteilung transportiert werden. Am nächsten Tag werden sie verladen und in die Geschäfte transportiert – in einem Umkreis von 150 Kilometern.