Ministerpräsident

Daniel Günther glaubt an Erfolg durch Politik-Pausen

Daniel Günther (CDU) beim
Abendblatt-Gespräch, das
in der Bibliothek des Hotels
Grand Elysee geführt
wurde

Daniel Günther (CDU) beim Abendblatt-Gespräch, das in der Bibliothek des Hotels Grand Elysee geführt wurde

Foto: Roland Magunia / HA

Im Gespräch mit dem Abendblatt erklärt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident, wie wichtig Interessen neben der Politik sind.

Hamburg. Daniel Günther (CDU) ist bald ein Jahr Ministerpräsident und Vater einer zwei Jahre alten Tochter. Wie das geht – ein Gespräch.

In Hamburg haben mit Melanie Leonhard und An-dreas Dressel zwei Politiker auch wegen ihrer Familien auf das Amt des Bürgermeisters verzichtet. Können Sie das verstehen?

Daniel Günther: Ich respektiere selbstverständlich die Entscheidung, weil so ein Amt eine große Herausforderung ist und man nicht weiß, was auf einen zukommt. Genauso selbstverständlich sollte es aber werden, dass junge Väter und junge Mütter Spitzenpositionen in der Politik antreten und sich trotzdem Zeit und Freiräume für die Familie nehmen.

Wie war das bei Ihnen? Sie mussten sich vor mehr als einem Jahr schnell entscheiden, ob Sie Spitzenkandidat der CDU bei der Schleswig-Holstein-Wahl werden wollen. Da blieb wahrscheinlich kaum Zeit, das mit Ihrer Frau zu besprechen …

Günther: Ich habe das gar nicht mit ihr abstimmen können. In einer Sitzung unseres Landesvorstandes hatte mein Vorgänger überraschend erklärt, dass er auf die Kandidatur bei der nächsten Wahl verzichten wolle und mich als neuen Spitzenkandidaten vorgeschlagen. Da saß ich und musste innerhalb von Minuten entscheiden, ob ich das will oder nicht. Ich habe zugesagt. Dann habe ich so getan, als müsse ich zur Toilette gehen; von dort habe ich meine Frau angerufen, um ihr zu sagen, dass ich Spitzenkandidat werde – sie sollte es nicht aus dem Radio erfahren.

Und was hat sie gesagt?

Günther: Sie war erst einmal nicht sehr begeistert und hat gefragt, ob wir darüber nicht noch einmal in Ruhe reden können. Als ich dann gesagt habe, das gehe leider nicht, war das einerseits schon keine leichte Situation. Andererseits war uns beiden spätestens seit meiner Zeit als Fraktionsvorsitzender im Landtag klar, dass auch eine Spitzenkandidatur und das Amt des Ministerpräsidenten auf uns zukommen könnten. Trotzdem wünscht man sich natürlich, darüber noch einmal ausführlich sprechen zu können: Was bedeutet das, wie wollen wir das Familienleben organisieren? Aber das ging in meinem Fall blöderweise nicht.

Zum Zeitpunkt Ihrer Kandidatur konnten Sie und Ihre Frau nicht unbedingt damit rechnen, dass Sie Ministerpräsident werden. Aber je näher die Wahl rückte, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit. Haben sich damit auch die Diskussionen in der Familie verändert?

Günther: Als die Entscheidung gefallen war, wollten wir es dann beide. Wenn man sich als Politiker so engagiert, wenn alle darüber berichten und man rund um die Uhr um das Amt kämpft, dann will man als Partner ja nicht, dass der eigene Mann oder die eigene Frau am Ende als Verlierer dasteht. Wir haben beide gehofft und gezittert.

Sie wussten ja nicht, wie das Leben als Ministerpräsident ist. Jetzt können Sie es beurteilen, und vielleicht beurteilen Sie es zunächst einmal aus der Sicht eines Vaters.

Günther: Es ist erst einmal ein Unterschied, ob man ein Kind hat, das realisiert, dass der Vater Ministerpräsident ist. Meine Tochter kann damit noch nicht viel anfangen. Trotzdem ist es eine Herausforderung, sich so zu organisieren, dass man der Familie gerecht werden und eine Bindung zu seinem Kind aufbauen kann. Für mich wäre es aber keine Option, nur ab und zu mal zu Hause anzurufen, um zu fragen, wie es der Kleinen denn so geht. Das ist nicht meine Vorstellung von Familienleben. Ich achte sehr darauf, dass ich sowohl ein guter Ministerpräsident als auch ein guter Vater bin. Und dafür gibt es klare Regeln.

Die wie aussehen?

Günther: Meine Philosophie ist: Vor neun Uhr will den Ministerpräsidenten sowieso keiner sehen. Bis halb neun bin ich zu Hause, das Handy ist außer Reichweite. Erst dann fahre ich von Eckernförde zu meinen Terminen.

Wird das akzeptiert im Land?

Günther: Das wird akzeptiert. Aber es wäre mir auch egal, wenn das jemand nicht akzeptiert, weil es für mich keine andere Möglichkeit gibt, in der Woche Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Deswegen beharre ich auch so darauf.

Wann sind Sie abends in der Woche zu Hause?

Günther: Unter der Woche ist es selten so, dass ich abends keine Termine habe. Meistens bin ich zwischen 22 und 23 Uhr zu Hause.

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard hat sich Sorgen gemacht, dass ihre Tochter permanent von Leibwächtern umgeben wäre, wenn sie Bürgermeisterin würde. Wie lassen sich Sicherheitskräfte in den Alltag einer Familie integrieren?

Günther: Tatsächlich realisiert meine Tochter schon, dass da auf einmal weitere Menschen zu unserem Leben dazugehören. Sie kennt alle Namen von meinen Personenschützern. Irgendwann werde ich ihr dann erklären müssen, dass ich der Chef der Regierung von Schleswig-Holstein bin und deswegen besonders geschützt werden muss.

Wie radikal hat sich Ihr Leben als Ministerpräsident überhaupt geändert?

Günther: Die Veränderung liegt nicht so sehr in meiner zeitlichen Beanspruchung. Gearbeitet habe ich schon immer viel. Neu ist, dass ich vor allem im Auto arbeite, weil ich viel im Land unterwegs sein muss. In meinem Büro an meinem Schreibtisch bin ich vielleicht sechs Stunden in der Woche, mehr lassen die Termine nicht zu. Die größte Veränderung ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die ich als Ministerpräsident erfahre, dass ich überall erkannt werde. Ich dachte vorher schon, dass ich bedeutend bin, aber das war ich gar nicht (lacht). Selbst Leute, die man lange kennt, haben plötzlich eine ganz andere Art, mit einem zu sprechen. Daran musste ich mich gewöhnen. Es ist offenbar schwieriger für andere geworden, mit mir so locker wie bisher zu reden. Dabei ist mir genau das wichtig. Ich möchte nicht anders behandelt werden, weil ich Ministerpräsident bin.

Wenn Sie am Wochenende mit Ihrer Familie in Ihrem Heimatort Eckernförde am Strand spielen, reagieren die Leute wie?

Günther: Sehr höflich. Natürlich gibt es Menschen, die ein Autogramm wollen oder ein Selfie. Wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin, ist die Hemmschwelle höher, mich anzusprechen.

Wenn man sich anguckt, wer in Deutschland so regiert, stellt man fest: Viele haben entweder keine oder große Kinder. Kanzlerin und Vizekanzler sind kinderlos. Was sagt das über die Politik aus?

Günther: Es zeigt, dass Politiker an sich den Anspruch haben, sehr präsent in ihren Ämtern zu sein. Viele Politiker vergessen dabei, sich nebenbei noch um etwas anderes zu kümmern und dafür zu sorgen, dass das eigene Leben nicht nur aus Politik besteht. Das fängt damit an, dass man als Politiker häufig dazu neigt, zu viele Termine anzunehmen, das gilt auch für mich. Deswegen haben so viele auch Probleme, von der Politik loszulassen.

Und haben deshalb keine Zeit für Kinder?

Günther: Ich würde das nicht auf Kinder beschränken. Es ist im Leben von Politikern oft gar kein Platz für etwas anderes Wichtiges mehr, weil einem von allen Seiten suggeriert wird, dass das Wichtigste immer die Politik ist. Mir sagen Leute einerseits, wie toll sie es finden, dass ich mir Zeit für meine Familie nehme. Andererseits sagen sie aber auch: „Beim politischen Frühschoppen am Sonntagmorgen muss du aber dabei sein.“ Wenn man sich wie ich vorgenommen hat, immer einen Tag am Wochenende vollkommen frei für die Familie zu haben, muss man halt auch mal sagen: Ich komme nicht.

Wie kann man Politikern wie den oben genannten die Angst davor nehmen, dass sich wichtige Ämter und die Familie nicht vereinbaren lassen?

Günther: Wir brauchen einen entsprechenden Bewusstseinswandel in der Politik, von dem ich glaube, dass die Gesellschaft ihn auch akzeptiert.

Vielleicht wünschen die Wähler sich diesen Bewusstseinswandel sogar. Wenn viele Ihnen attestieren, dass Sie auch nach einem knappen Jahr als Ministerpräsident normal geblieben sind, hat das vielleicht auch mit Ihrem Familienleben zu tun.

Günther: Das stimmt. Ich denke, dass Politiker, die nicht etwas neben der Politik haben, das ihnen eine Freude bereitet, in der Regel weniger erfolgreich sind. Für mich kann ich sagen: Wenn ich nicht Pausen von der Politik habe, wenn ich zu wenig Zeit mit Familie und Freunden verbringen, werde ich schlechter und unkreativer. Ich kann nur jedem empfehlen, das auch so zu leben. Wobei es übrigens nicht Besseres gibt, um einen Ministerpräsidenten in den Alltag zurückzuholen, als eine kleine Tochter. Wenn ich zu Hause bin, dauert es nur wenige Minuten, dann ist das Amt vergessen.

Es gibt einzelne Bilder von Ihnen und Ihrer Frau, aber nicht viele. Bilder von der ganzen Familie gibt es nicht. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Günther: Erstens möchte ich das für mich nicht inszenieren. Zweitens ist es ein schönes Gefühl, wenn das Private privat bleibt. Und drittens kann meine Tochter ja noch nicht selbstständig entscheiden, ob sie das will oder nicht will.

Obwohl Sie ein gutes Jahr Ministerpräsident und junger Vater sind, wirken Sie nicht besonders erschöpft. Ist das Amt am Ende doch nicht so anstrengend, wie man denken könnte, wenn man es noch nie gemacht hat?

Günther: Ich bin tatsächlich nicht so erschöpft, weil ich es genauso mache, wie ich es mache. Weil Politik zwar ein großer Teil meines Lebens ist, aber eben nicht alles.

Was kostet Sie am meisten Kraft?

Günther: Dass ich, egal wo ich bin, immer im Mittelpunkt stehe. Dass ich mich selten entspannen und zurücklehnen kann auf Terminen, sondern fast immer eine Funktion habe. Es ist auch anstrengend, dass ich als Ministerpräsident immer darauf achten muss, was ich sage. Trotzdem versuche ich, mir auch dabei eine Lockerheit zu erhalten, ohne etwas zu formulieren, das gleich die Republik zusammenbrechen lässt.

Wie viele Kinder kann ein Ministerpräsident haben?

Günther: So viele wie jeder normale Bürger.

Ihre Rolle als Vater nimmt man Ihnen ab, Ihre Rolle als Landesvater eher nicht. Dafür sind Sie zu jung, oder?

Günther: Wenn die Leute Landesvater zu mir sagen, zucke ich zusammen. Neulich sind zwei ältere Leute an mir vorbeigegangen, beide so Anfang 80, und dann hat er sich zu ihr umgedreht und gesagt: „Das war doch unser Landesvater.“ Verrückt. Aber ich habe damit auch kein Problem. Zumal ich ja nur sehr kurz der jüngste Ministerpräsident in Deutschland war. Inzwischen bin ich der viertjüngste, wenn das in der Geschwindigkeit so weitergeht, bin ich bald der Dienstälteste.

Werden wir irgendwann eine junge Mutter oder einen jungen Vater als Kanzler erleben?

Günther: Ich tue mich schwer, so eine Frage zu beantworten, weil ich das Amt nicht einschätzen kann. Für den Posten des Ministerpräsidenten kann ich aber auf jeden Fall Entwarnung geben.