Nordsee

Rätsel um Pottwale: Sonnenstürme schuld am Tod

| Lesedauer: 4 Minuten
Genevieve Wood
Im Wattenmeer vor Ditmarschen sind im vergangenen Jahr acht Pottwale gestrandet und verendet

Im Wattenmeer vor Ditmarschen sind im vergangenen Jahr acht Pottwale gestrandet und verendet

Foto: dpa Picture-Alliance / Alexander Stein / picture alliance / JOKER

Anfang 2016 waren 30 Tiere in der Nordsee gestrandet. Büsumer Physiker: Ein Naturphänomen brachte die Wale vom Kurs ab.

Büsum/Tönning.  Das Rätsel um die tödliche Strandung von Pottwalen Anfang 2016 scheint gelöst: Demnach können Sonnenstürme dafür verantwortlich sein, dass die 13 Meeressäuger in Schleswig-Holstein von ihrem ursprünglichen Kurs abgekommen und gestrandet waren.

„Sonnenstürme können zur Strandung geführt haben“, sagt Klaus Heinrich Vanselow. Im kürzlich erschienenen Beitrag im „International Journal of Astrobiology“ hat der Physiker vom Forschungs- und Technologiezentrum (FTZ) Westküste der Christian-Albrechts-Universität Kiel seine Theorie veröffentlicht.

Geomagnetische Stürme beeinflussen Navigation der Wale

Demnach können Sonnenstürme, das sind gewaltige Explosionen auf der Sonne, zu geomagnetischen Stürmen und Störungen führen. Wie das mit der Navigation von Walen zusammenhängt? „Die Sonne schleudert dabei elektrisch geladene Teilchen heraus. Diese können das Erdmagnetfeld verbiegen. Diese Verbiegung kann dazu führen, dass sich das Magnetfeld um bis zu 400 Kilometer in Nord-Südrichtung in seiner Intensität verschiebt.“ Wale, die sich am Magnetfeld orientieren, kommen dann von ihrem Kurs ab.

So wie die 30 jungen Pottwale, die in der südlichen Nordsee gestrandet und verendet waren, darunter allein 13 an der schleswig-holsteinischen Küste. Aber auch in Niedersachsen, den Niederlanden, in Großbritannien und in Frankreich. Aufgrund der geringen Wassertiefe der Nordsee waren sie völlig orientierungslos. Dann haben sie keine Chance, dort wieder herauszukommen.

Neu ist das Phänomen nicht

Vanselows Erkenntnisse sind eine Theorie, die sich allerdings schwer beweisen lässt. Der Physiker war ihr ohne offiziellen Auftrag aus persönlichem Interesse nachgegangen und hat beobachtet, dass es wenige Wochen vor der Strandung einen kräftigen Solarsturm am 20./21. Dezember 2015 gab – diese Sonnenstürme werden jährlich veröffentlicht. Vom 31. Dezember auf den 1. Januar 2016 gab es einen weiteren, und zehn Tage später fingen die ersten Wale an zu stranden.

„Es müssen keine kräftigen Stürme sein“, sagt Vanselow. Sonnenstürme können sogar zum Zusammenbruch von Stromversorgungsnetzen und Ausfällen in der Funkkommunikation auf der Erde führen. Zu sehen sind sie für den Menschen als Polarlichter.

Die Tiere fressen bis zu 1,5 Tonnen – pro Tag

Neu sei dieses Phänomen nicht. Sowohl für Sonnenaktivitäten als auch für Pottwalstrandungen in der Nordsee gibt es sehr lange Zahlenreihen und Aufzeichnungen. So strandeten 21 Pottwale am 3. Dezember 1723 bei Neuwerk und Scharhörn, mindestens 20 Tiere strandeten im Januar/Februar 1762 vor Deutschland, Belgien, den Niederlanden und England.

Noch eine andere Theorie für den Tod der Wale

Neben Vanselows Theorie gibt es noch andere: Es wurde spekuliert, ob die Verschmutzung der Meere mit Plastiktüten und Treibnetzen eine Ursache war. Große Mengen Müll waren in den Mägen der Tiere gefunden worden. Auch die starken Wasserschallimpulse von U-Booten, der Lärm von Schiffen und Bohrinseln werden bei der Strandung von Walen immer wieder als Ursache genannt sowie die Magnetfelder von Kabeltrassen. Im Gespräch sind auch heftige Stürme im Nordostatlantik, die Wassermassen und damit wohl auch Kalmare, die Beute der Wale, in die Nordsee getrieben haben, hatte der Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung berichtet.

Fest steht: Die Pottwale waren gesund, hatten keine Infektionskrankheiten und genug Futter. Auch das zur Orientierung wichtige Gehör war unverletzt. 13 der 30 Tiere waren von Professor Ursula Siebert von der Tiermedizinischen Hochschule Hannover untersucht worden. Die Todesursache war nicht der viele Plastikmüll, der in den Mägen der Tiere gefunden worden war. Sie sind an Herz- Kreislaufversagen gestorben, verursacht durch den Schock, das hohe Gewicht der Tiere hat auf die Organe gedrückt. „Ansonsten waren die Tiere gesund“, so Professor Siebert.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Region