Ostseebad

Heiligenhafen schüttelt die 70er-Jahre ab

Das Beach Motel
Heiligenhafen mit
dem neuen Strand
am Binnensee

Das Beach Motel Heiligenhafen mit dem neuen Strand am Binnensee

Foto: Marlies Fischer / HA

Den Norden neu entdecken, Teil 2: Seit die Seebrücke steht, wird das Ostseebad immer schicker. Doch es gibt auch Kehrseiten.

Heiligenhafen.  Die Hamptons in Heiligenhafen? Haben sich die Strandhäuser vom amerikanischen New England am Atlantik an die Ostseeküste von Schleswig-Holstein verirrt? Fast hat man den Eindruck bei einem flüchtigen Blick auf die Kleinstadt in Ostholstein. Heiligenhafen rüstet auf, baut um, orientiert sich neu. Nach Jahren zurückgehender Übernachtungszahlen und aus der Zeit gefallener touristischer Angebote betrachtet der Ort sich jetzt als Synonym für die Zukunft im Tourismus.

Hinkommen, schlafen, essen

„Die Stadt war in den 70er- und 80er-Jahren schon mal gut im Geschäft mit den Butterfahrten“, sagt Manfred Wohnrade, Geschäftsführer vom Tourismus-Service Heiligenhafen. Aber das ist lange vorbei. Die Vermietungsbetriebe waren irgendwann nicht mehr zeitgemäß, Fischbrötchen und Labskaus nicht gerade die lukullischen Highlights eines Urlaubs, Strand und Hafen keine ausreichenden Anziehungspunkte. Also beschloss die Gemeinde einen Masterplan zur Erneuerung. „Das Hallenbad wurde durch das ,Aktiv-Hus‘ mit Kinderspielwelt und Saunen ersetzt, am Yacht- und Fischereihafen eine Promenade gebaut“, so Wohnrade.

Neue Hingucker

Vor fünf Jahren dann der erste neue Hingucker: 435 Meter weit führt die teilweise zweigeschossige Seebrücke mit Spielplätzen und Sonnendeck ihre Besucher aufs Meer hinaus. Wie ein Blitz sieht das Bauwerk aus. Und so schlug die Attraktion auch in Heiligenhafen ein. Besucher genießen den Sonnenuntergang in der Lounge oder den Blick auf Fehmarn von einem der Holz-Liegestühle aus.

Und seitdem geht es in dem Ostseebad Schlag auf Schlag. Die Fischerei-Genossenschaft investierte elf Millionen Euro und baute am Hafen das Vier-Sterne-Hotel Meereszeiten mit 86 Zimmern und Suiten. „Fischerei und Tourismus passen gut zusammen“, sagt Geschäftsführer Ulrich Elsner. Die Genossenschaft betreibt auch das Selbstbedienungs-Bistro Fischhalle. Ihr neuestes Vorhaben: ein Restaurant im denkmalgeschützten Alten Rettungsschuppen mit bis zu 90 Plätzen. Allerdings wird der Umbau wohl bis zum Herbst dauern.

Gehobene Gastronomie

„Wir brauchen neue Lokale“, sagt Manfred Wohnrade. „Unsere Gäste möchten essen gehen.“ Natürlich gibt es bodenständige Gastronomie, aber ein etwas gehobeneres Niveau bietet bisher nur ein Restaurant. In Gesprächen ist man übrigens auch mit dem „Fisch-Papst“ Jürgen Gosch, ob der eine Filiale in Heiligenhafen eröffnen möchte. Dafür könnte man eine Plattform an die Seebrücke andocken und das Lokal dort errichten.

Im vergangenen Jahr verzeichnete Heiligenhafen 650.000 Übernachtungen, Tendenz steigend. Ein Auslöser ist das neue Feriendorf Strand Resort am Yachthafen mit 100 Wohneinheiten in Apartments und reetgedeckten Häusern. Auch National-Torhüter Manuel Neuer soll hier investiert haben. Allerdings wird der Fußballer dort wohl keinen Urlaub machen, die meisten Käufer vermieten die Einheiten und nutzen sie nicht selbst. Moderne Ferienwohnungen entstehen auch in der Innenstadt.

Brandneue Hotels

Und der andere Grund sind die beiden brandneuen Hotels mit viel Holz und maritimen Touch am Seebrückenplatz: Bretterbude und Beach Motel. „Ohne die Brücke hätten wir diese Betriebe jetzt nicht in Heiligenhafen“, sagt der Tourismus-Experte. Mit beiden Häusern hat Hotelier Jens Sroka schon seinen Heimatort St. Peter-Ording aufgemischt. Die Bretterbude richtet sich mit Drei-Sterne-Niveau an Skater, Kiter und Surfer, hat ein Selbstbedienungs-Restaurant und eine urige Kneipe. Meerblick inclusive. Wie auch gegenüber im Vier-Sterne-Haus Beach Motel, wo alles schicker und teurer ist und aussieht wie an der amerikanischen Ostküste.

Der neue künstlich aufgeschüttete Strand am Binnensee mit Promenade, Spielplätzen und vielen Sitzgelegenheiten ist eine weitere Attraktion, die Wohnrade als Plus seiner Stadt sieht. Diese Meinung teilen viele Segler im Yachthafen allerdings nicht. Bei Wind aus West und Südwest – die vorherrschenden Richtungen in dem Ostseebad – kommt es zu starken Verwehungen. Die Boote vor allem an den Stegen 5 bis 8 sowie die Autos auf dem Segler-Parkplatz werden sandgestrahlt. Einige Liegeplatz-Inhaber haben schon mögliche Schadensersatz-Ansprüche angekündigt. „Wir nehmen das ernst“, sagt Wohnrade, „wollen mit Bepflanzungen und Versiegelungen Abhilfe schaffen.“

Viele schicke Geschäfte

Nicht das einzige Problem: Im Hafen- und Seebrückenbereich haben zwar viele schicke Geschäfte und Betriebe eröffnet, die auf junges und kauffreudiges Publikum zielen. Die Innenstadt aber droht zu veröden. In vielen Seitenstraßen gibt es Leerstand, der Bummel durch das quirlige Kaufhaus am Markt mit einem Riesen-Angebot an Wetterjacken ist eher ein amüsantes Abenteuer als ein zufriedenstellendes Shopping-Erlebnis. „Bei allen Neuerungen darf man die Bedürfnisse und Meinungen der Einheimischen nicht aus den Augen verlieren“, sagt Wohnrade.

Und er muss sich auch mit dem Ferienpark am Ende des Binnensees beschäftigen. Der Hochhausgigant mit 1700 Apartments überwiegend in Privatbesitz ist ein Tiefpunkt der 70er-Jahre-Beton-Architektur. Die Fassade soll jetzt modernisiert werden, damit der Koloss Heiligenhafens Zukunft nicht zu sehr stört. Wohnrades Ziel: „Eine Million Übernachtungen pro Jahr bis 2025 – als attraktives Reiseziel zu jeder Jahreszeit.“