Lüchow

Rundlingsdörfer im Wendland wollen Welterbe werden

Kreisförmig sind die
Bauernhöfe im
Rundlingsdorf bis
heute um einen
zentralen Platz
angeordnet

Kreisförmig sind die Bauernhöfe im Rundlingsdorf bis heute um einen zentralen Platz angeordnet

Foto: ullstein bild

Einzigartige Siedlungen im Wendland unternehmen neuen Anlauf. Ausstellung zeigt 150 Jahre alte Fotos von bäuerlichem Leben.

Lüchow.  Runde Tische gibt es heute überall, nicht nur in der Politik. Auch in Unternehmen wird an den runden Tisch geladen, sobald Strittiges zu klären oder Wichtiges zu entscheiden ist. Was viele nicht wissen: Schon unsere Vorfahren bedienten sich dieser Methode – allerdings in viel größerem Maßstab. Im Wendland ist das noch heute zu sehen. In den Rundlingsdörfern, beispielsweise Jameln und Lübeln, sind die Häuser um einen runden Platz angeordnet. Eine einzigartige Siedlungsform, die zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt werden sollte. So wünschen es sich jedenfalls die Samtgemeinde Lüchow und der Rundlingsverein. Eine Ausstellung mit bemerkenswerten, 150 Jahre alten Fotos soll dieser Bewerbung jetzt neuen Schub verleihen. Die Schätze aus den Anfangsjahren der Fotografie gehören dem Hannoveraner Königshaus und sind so noch nie der Öffentlichkeit präsentiert worden. Die 42 Fotos sind ab sofort im Rundlingsmuseum in Lübeln zu sehen.

Die Geschichte dieser Fotos führt zurück in eine Zeit, in der Obrigkeitsbegeisterung eine Selbstverständlichkeit war. Und die wendländischen Bauern ließen sich diese Obrigkeitsbegeisterung auch einiges kosten. „Die Fotografie steckte damals in den Kinderschuhen“, sagt Ilka Burkhardt-Liebig, Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Wendlanddorfes Lübeln und der Rundlinge. „Die Technik war teuer, die Fotos müssen viel Geld gekostet haben.“ Den Bauern war es offenbar egal. Sie wollten ihrem König Georg V. ein Weihnachtsgeschenk machen. Und deshalb haben die winzigen Rundlingsdörfer im Wendland nun etwas, das viele weitaus größere Orte nicht besitzen: Fotos, die das Leben vor 150 Jahren zeigen.

Das Fotoalbum der Wendlandbauern hat natürlich eine Vorgeschichte. Einen Streit zwischen den Bauern und dem Eigentümer der Wassermühle in Lüchow hatte der König im Februar 1865 zugunsten der Bauern entschieden. Die Wendländer wollten ihre Dankbarkeit zeigen und luden Georg V. ein, ihre Dörfer zu besuchen. Der sagte zu. Im Juli 1865 machte er sich auf die neuntägige Reise von der Marienburg bei Hannover ins Wendland. Überall wurden Ehrenpforten aufgestellt. Der König telegrafierte seiner zu Hause gebliebenen Frau Marie: „Empfang überall unendlich herzlich. Wohltuendes Gefühl, an der Stätte zu sein, wo so lange die Vorfahren froh und heiter verweilt.“

Dorfentwicklungsprogramm gestartet

Der königliche Besuch blieb nicht folgenlos. Denn die Bauern hielten eine weitere Dankbarkeitsbezeugung für unbedingt erforderlich. Gleich nach der Visite wurde ein Komitee gebildet, das nach einem geeigneten Weihnachtsgeschenk für den König suchen sollte: Runder Tisch im Rundlingsdorf, könnte man formulieren. Warum man sich dort gerade für ein Fotoalbum entschied, ist unklar. Bekannt dürfte immerhin gewesen sein, dass der König seit dem 13. Lebensjahr blind war. Die Bauern hielt das nicht ab. 42 kleinformatige Fotos (13,6 mal 17,7 Zentimeter) entstanden, einige existierten vielleicht auch schon vorher.

Das Anfertigen der Fotos war damals ein recht abenteuerliches Unterfangen – zumal dann, wenn unter freiem Himmel geknipst wurde. Die Wendlandbilder mussten noch auf dem Dorfplatz fixiert und entwickelt werden. Zudem brauchten sie eine relativ lange Belichtung: je nach Helligkeit zehn, 20 oder 30 Sekunden. Konnten die Bauern, konnten die Kinder, konnte das Vieh so lange ruhig stehen? Nein, es gelang nicht immer. Das Weihnachtsgeschenk für Georg V., am 25. Dezember 1866 auf der Marienburg überreicht, hat unscharfe Stellen.

Egal. Es sind so oder so Aufnahmen, die dörf­liches Leben vor 150 Jahren zeigen und damit eine absolute Seltenheit sind. Sie machen auch deutlich, dass sich die Rundlingsdörfer seit dieser Zeit kaum verändert haben. Die meisten Häuser sind erhalten geblieben, viele werden von ihren Bewohnern zumindest in der äußeren Gestalt im Originalzustand erhalten.

Und nun, 150 Jahre noch dem Fotoabenteuer auf dem Dorfplatz, soll das Weihnachtspräsent den Rundlingsdörfern zur Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe verhelfen. 2014 hatten sie es schon einmal versucht – damals ohne Fotos. Die Kultusministerkonferenz schmetterte den Antrag ab. „Kritisiert wurde, dass es Eingriffe in den Gebäudebestand gegeben habe und dass wir die Einzigartigkeit der Siedlungsform nicht belegt hätten“, sagt Hubert Schwedland, Bürgermeister der Samtgemeinde Lüchow, zu der die Dörfer gehören.

Für eine zweite Bewerbungsrunde, deren Zeitpunkt noch offen ist, will man nun besser vorbereitet sein. Die Samtgemeinde hat das „Institut for Heritage Management“ der Brandenburgischen Technischen Universität mit einer Analyse beauftragt. Ende September soll das Ergebnis vorliegen. Schwedland hofft, dass die Gutachter die weltweite Einzigartigkeit dieser Siedlungsform beweisen können. Außerdem wurde ein Dorfentwicklungsprogramm gestartet, das den Erhalt erleichtern soll. „Und mit den Fotos können wir jetzt dokumentieren, dass die Dorfstrukturen seit 150 Jahren nahezu unverändert sind“, frohlockt Schwedland. Das Wendland könnte bald weltweit von sich reden machen.

Das Fotoalbum der Wendlandbauern und viele ergänzende Dokumente sind im Rundlingsmuseum Wendlandhof zu sehen. Dort gibt es auch ein begleitendes Buch zu erwerben.

Rundlingsmuseum Wendlandhof Lübeln, Lübeln 2, 29482 Küsten. Die Ausstellung ist von Di bis So (auch an den Feiertagen) von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 4 Euro Eintritt, Kinder 2 Euro. Kinder unter sechs Jahren frei. www.rundlingsmuseum.de