Entführung

Jan Philipp Reemtsma – 33 Tage Todesangst

Ein Lebenszeichen: Das von der Polizei geblendete Polaroid-Foto zeigt Reemtsma mit einem Entführer und einer „Bild“

Ein Lebenszeichen: Das von der Polizei geblendete Polaroid-Foto zeigt Reemtsma mit einem Entführer und einer „Bild“

Foto: dpa Picture-Alliance / DB / picture-alliance / dpa

Vor 20 Jahren wurde Millionen-Erbe Jan Philipp Reemtsma entführt und gequält. Rekonstruktion des Verbrechens und der Aufdeckung.

Ständig ist da diese überwältigende Angst. Die Sorge, zurückgelassen zu werden in diesem stickigen Keller, angekettet, hilflos – und nur noch auf den langsamen Tod warten zu können. Die Verbrecher, die einen Mann auf brutale Weise in ihre Gewalt gebracht haben und damit eine Rekord-Lösegeldsumme erpressen wollen, haben dieses Schreckensszenario mehrfach angedroht. Und gleichzeitig, man fasst es kaum, von einer „De-luxe-Entführung“ gesprochen.

20 Jahre ist es her, dass der Literaturwissenschaftler, Mäzen und Multimillionär Jan Philipp Reemtsma gekidnappt wurde und 33 Tage in einem Verlies ohne Tageslicht verbringen musste, bis seine Peiniger ihn nach Erhalt von umgerechnet rund 15 Millionen Euro endlich freiließen. Es ist ein Verbrechen, das als einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der Geschichte der Bundesrepublik gilt. Niemals zuvor wurde so viel Lösegeld gezahlt, und selten war ein Opfer so lange in der Gewalt seiner Entführer. „Ich bin’s. Ich bin frei“, meldete sich Reemtsma, nach wochenlangem quälenden Warten in einem Keller, bei seiner Familie.

Das Grauen beginnt irgendwann vor Mitternacht am 25. März 1996. Reemtsma ist auf dem Weg vom Haus seiner Frau zu seiner nur eine kurze Wegstrecke entfernten Villa, als er plötzlich überfallen, in einem Handgemenge an Stirn und Nase verletzt und verschleppt wird. Die Entführer lassen ein mit einer funktionsfähigen Handgranate beschwertes Schreiben zurück, das die Ehefrau Reemtsmas wenig später findet. „Wir haben Herrn Reemtsma entführt“, heißt es in dem Brief.

Die Täter drohten Reemtsma, ihn gefesselt sterben zu lassen

Die Verbrecher fordern 20 Millionen Mark Lösegeld, zu zahlen je zur Hälfte in D-Mark und Schweizer Franken. Später erhöhen sie sogar auf 30 Millionen. Das Opfer werde 48 Stunden nach Zahlung der Summe freigelassen, kündigen die Täter an. „Das Einschalten von Polizei und Presse bedeutet den Tod von Herrn Reemtsma.“

Später geht per Post ein zweiter Brief ein, der neben einem neuen Erpresserbrief ein Lebenszeichen des Opfers enthält. Das Polaroidfoto zeigt Reemtsma auf einem Campingstuhl mit einer aktuellen Ausgabe der „Bild“-Zeitung in der Hand. Sein Gesicht ist von Wunden gezeichnet. Die Täter verlangen, dass in der „Morgenpost“ getarnte Botschaften veröffentlicht werden. Nach drei Tagen wird die Angst, die die Familie des Opfers umtreibt, in den Anzeigen ganz deutlich. „Ich brauche ein Zeichen“, schreibt Reemtsmas Frau da. „Ich bin fertig, ich schaffe es nicht.“ Und: „Das Warten wird unerträglich.“

Vor allem für das Opfer, das im Keller eines von den Verbrechern angemieteten Hauses in Garlstedt bei Bremen angekettet ist. Wenn seine Entführer das Verlies betreten wollen, klopfen sie an – für den 43-Jährigen das Zeichen, dass er sein Gesicht in die Ma­tratze drücken muss, um seine Peiniger später nicht identifizieren zu können. Sie drohen, ihm einen Finger abzuschneiden. Doch am entsetzlichsten ist die Todesangst, die Reemtsma durchleidet, weil die Geiselnehmer angekündigt haben, ihn gefesselt zurückzulassen. Schon in den ersten Tagen der Entführung schreibt das Opfer im matten Schein einer Campinglampe einen Abschiedsbrief an seine Familie.

„Das eigentliche Verbrechen dabei“, sagt Reemtsma später im Prozess gegen den Haupttäter, „ist aber nicht die Angst vor dem Tod. Darauf kann man sich vorbereiten. Es ist die Frage, wann, wo und wie der Tod eintreten kann.“ Und diese Frage habe ihn bis zum Schluss gequält. Bis er am letzten Tag hörte, wie in den Räumen über ihm geschäftig hantiert wurde. In diesem Moment habe er befürchtet, so Reemtsma, die Entführer könnten ihre Drohung wahrmachen und ihn seinem sicheren Tod überlassen.

Einer der Täter wurde trotz Verzerrers anhand seiner Stimme identifiziert

Tatsächlich beseitigen die Entführer zu dieser Zeit die Spuren ihres Verbrechens und bereiten ihre Flucht vor. Nachdem zwei Versuche, das Lösegeld zu übergeben, unter anderem an den unpräzisen Angaben der Täter gescheitert waren, hat der dritte Termin geklappt. Exakt einen Monat nach der Entführung, am 25. April, haben zwei Vertraute aus dem Umfeld der Familie Reemtsmas die 30 Millionen übergeben. Es beginnt die Zeit des bangen Wartens; die 48-Stunden-Frist, die die Verbrecher bis zur Freilassung ihrer Geisel gesetzt haben, läuft. Am Ende des nächsten Tages ist klar: Reemtsma hat das Drama überlebt. Die Öffentlichkeit erfährt erst jetzt von der Entführung. Die Medien haben sich an die Nachrichtensperre gehalten.

Auf die Spur der Entführer kommen die Ermittler auch durch eine Panne bei den Geiselnehmern. Der Stimmenverzerrer, den ein Täter bei den Erpresseranrufen benutzt hat, funktionierte einmal nicht, sodass der Mann identifiziert wird. Er und ein zweiter Verbrecher werden einen Monat nach der Entführung gefasst. Haupttäter Thomas Drach wird 1998 von Zielfahndern in Argentinien aufgespürt, nachdem seine Telefonate mit einem Freund in Deutschland abgehört wurden. Ein Spezialkommando der Polizei überwältigt ihn in einem Hotelzimmer. In einer Linienmaschine wird er in Begleitung von deutschen Polizisten von Buenos Aires nach Frankfurt gebracht, von dort aus schwer bewacht mit einem Bundesgrenzschutz-Helikopter nach Hamburg geflogen.

„Ich möchte denen gerne ins Auge sehen“, hat Reemtsma nach seiner Geiselnahme über seine Entführer gesagt. Im Prozess gegen die Täter tut er es. „Alles verliert seine Selbstverständlichkeit“, schildert er dort die Folgen des Verbrechens für sich und seine Familie. „Ständig ist da die Sorge, dass die Welt auch an jeder anderen Ecke wieder einbrechen könnte.“