Reemtsma-Entführer

Die Akte Wolfgang Koszics wird geschlossen

Wolfgang Koszics war in Spanien gefasst worden und wird im Mai 1996 von spanischen Polizisten ins Gefängnis gebracht

Wolfgang Koszics war in Spanien gefasst worden und wird im Mai 1996 von spanischen Polizisten ins Gefängnis gebracht

Foto: dpa Picture-Alliance / epa efe / picture-alliance / dpa

Rechtsmediziner und Ermittler haben den Tod des Reemtsma-Entführers untersucht: keine Anzeichen für Fremdverschulden.

Hamburg/Portugal.  Der Landstrich hat schon etwas Geheimnisvolles und Mystisches. Dieser Ort an der portugiesischen Algarve, den manche auch als das Ende der Welt bezeichnen – wo die Küste bis zu 40 Meter steil ins Meer abfällt, wo der Wind tobt und das Wasser schäumt. Und wo schließlich das Leben eines der bekanntesten Verbrecher Deutschlands sein Ende gefunden hat. Hier starb Wolfgang Koszics, einer der Männer, die an der spektakulären Entführung des Hamburger Millionenerben Jan Philipp Reemtsma vor nahezu 20 Jahren beteiligt waren. War es ein Suizid – oder ein raffinierter Mord, bei dem der 72-Jährige die Klippen hinunter gestoßen wurde?

„Koszics hat sich ein schönes Fleckchen Erde für seine letzten Stunden ausgesucht, melancholisch, wild und romantisch“, sagt Christian Meinke von der Kriminalpolizei Hamburg. Der Ermittler ist jemand, der Koszics so gut kennt wie kaum ein anderer, der sich seit mehr als zehn Jahren in dessen Leben vertieft hat und ganz besonders in dessen letzte Tage, bevor der 72-Jährige zu Tode kam. Doch was genau an diesem 10. Februar vergangenen Jahres geschah, als Wolfgang Koszics von einer hohen Klippe vor der portugiesischen Stadt Sagres in den Atlantik stürzte und starb, ist heute trotz gründlichster Untersuchungen nicht mehr festzustellen. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat jetzt die Ermittlungen zum Tod des Mannes eingestellt, weil „Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden nicht festgestellt werden konnten“, sagte Oberstaatsanwältin Nana Frombach. Ob Koszics gestoßen wurde, könnten auch die besten Rechtsmediziner der Welt nicht mehr ermitteln. „Der Sachverhalt konnte nicht bis ins Letzte aufgeklärt werden.“

Koszics hatte 1996 zu der vierköpfigen Bande um Thomas Drach gehört, die Reemtsma in einem Verlies in Garlstedt bei Bremen festgehalten hatte. Nach 33 Tagen ließen die Täter den Sozialwissenschaftler für umgerechnet rund 15 Millionen Euro frei. Vom Großteil des Geldes fehlt bis heute jede Spur. Koszics war 1997 zu einer Haftstrafe von zehneinhalb Jahren verurteilt worden. Nach seiner Entlassung im Jahr 2011 fühlte er sich angeblich bedroht.

Christian Meinke vom LKA 44 leitete die Untersuchung, um die Umstände des Todes von Koszics möglichst genau zu ermitteln. „Wir haben dafür auch sein ganzes Leben gezielt durchleuchtet“, erzählt Meinke. Die Spurensuche im Fall des Reemtsma-Entführers hat ihn auch an die Algarve geführt, wo er gemeinsam mit dem Direktor des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin, Prof. Klaus Püschel, am Ort des Geschehens recherchierte. Dabei inspizierten sie auch genau die Stelle, wo der Verbrecher ins Meer gestürzt war, wo er zuvor seinen Mietwagen abgestellt hatte und den Ort wenige Hundert Meter weiter, wo die Leiche angespült wurde. „Am Tattag waren sechs bis sieben Windstärken, das Meer war aufgepeitscht“, erzählt Meinke. „Die Frage war: Passen die Umstände der Umgebung zu den Verletzungen? Wie war damals genau die Strömung? Kann es sein, dass es ein Suizid war?“ Tatsächlich spreche im Ergebnis nichts gegen eine Selbsttötung, meint Meinke, auch nicht die Tatsache, dass der Körper des Toten nur wenige Hundert Meter vom Ort des Sturzes entfernt in einer Bucht gefunden wurde. „Wir gehen davon aus, dass er ins offene Meer in den Atlantik treiben wollte. Aber er hat die Strömung falsch eingeschätzt und ist um eine Landzunge gedriftet.“

Auch die Ergebnisse einer zweiten Obduktion sowie von detaillierten Röntgenuntersuchungen, die Rechtsmediziner Püschel unternommen hat, sprechen nicht gegen einen Suizid. „Todesursache war Ertrinken in Kombination mit zahlreichen Knochenbrüchen und Organzerreißungen infolge des Sturzes aus großer Höhe“, erklärt Püschel. „Die Verletzungen sind alle durch den Sturz vom Felsen ins Wasser, durch das Treiben in den Fluten und das Anlanden am Strand erklärlich. Sonstige zusätzliche Verletzungsbefunde, die den Verdacht auf Gewalteinwirkung von fremder Hand hervorrufen, waren nicht festzustellen.“ Der Rechtsmediziner hat über Jahre etliche Körper untersucht, die aus großer Höhe gestürzt waren. „Da reicht schon ein Aufschlagen aufs Wasser, damit es zu schwersten Verletzungen kommt.“ Auch wenn eine Gewalteinwirkung nicht ausgeschlossen werden könne, spreche vieles für einen Suizid. „Und in die Psyche eines Selbstmörders zu schauen, ist unmöglich.“

Doch der Blick in den Körper gibt dafür umso mehr Hinweise. Und das, obwohl die Obduktion des Toten eher „eine unstrukturierte und anrüchige Angelegenheit war“, erinnern sich Meinke und Püschel. Koszics Körper war rund ein Jahr nicht tiefgefroren, sondern bei 4 Grad aufbewahrt worden. Und doch arbeitete der Rechtsmediziner mit der gewohnten Präzision und entnahm unter anderem Gewebeproben, um diese später in Hamburg mit Spezialmethoden aufs Genaueste zu untersuchen. Diese Proben in Formalin-gefüllten Gefäßen in die Hansestadt zu schaffen, gestaltete sich schwierig. „Am Ende hatten wir die Proben mit einer Sondergenehmigung der portugiesischen Polizei in einer Kühltasche direkt über unseren Köpfen im Handgepäck-Fach“, erzählt Ermittler Meinke.

Auch dass Koszics einen sehr hohen Blutalkoholwert hatte, obwohl er als jemand galt, der eher wenig trinkt, stehe nicht im Widerspruch zu einem Suizid, betont der Kripomann. „Der 72-Jährige war ein Genusstrinker“, so Meinke. Denkbar ist aber, dass Koszics sich vor Ort für einen Selbstmord Mut angetrunken hat. Möglicherweise ist für ihn dieser Schritt einfacher gewesen, als sein Leben fortzuführen. „Tatsache ist zwar, dass der 72-Jährige während seiner Haftzeit Morddrohungen bekommen und sich auch insgesamt bedroht gefühlt hat“, sagt Meinke. „Aber nach unserer Einschätzung hat er nach seiner Haftentlassung nie wieder richtig Fuß gefasst. Und mehrfach hatte er anderen gesagt, dass ein Leben ohne Geld nicht lebenswert sei.“

Und Geld hatte Koszics nach seiner Haftentlassung kaum. Dabei hatte er noch versucht, ein selbst verfasstes Drehbuch-Manuskript über sein Leben zu verkaufen. Teile davon liegen den Ermittlern vor. „Den Rest hätten wir gern“, sagt Meinke, „um noch letzte Details über die Entführung zu erfahren und besser die Beweggründe von Berufsverbrechern zu verstehen.“