Bremerhaven

MS „Aquarius“: Seenotretter für das Mittelmeer

Die „Aquarius“ war lange als Fischereischutzboot
im Nordatlantik unterwegs

Die „Aquarius“ war lange als Fischereischutzboot im Nordatlantik unterwegs

Foto: SOS Mediterranee

Der Verein „SOS Méditerranée“ finanziert den Einsatz der „Aquarius“, die bis zu 500 Schiffbrüchige aufnehmen kann.

Bremerhaven.  In seinem früheren Arbeitsleben befasste sich Klaus Vogel intensiv mit dem späten Mittelalter. „Humanismus und früher Buchdruck“, lautet eine der vielen Veröffentlichungen, die der promovierte Historiker in den 90er-Jahren herausgegeben hat. Später schlug der gebürtige Hamburger einen völlig anderen Kurs ein. Zum zweiten Mal. Vor seinem Geschichtsstudium war er schon zur See gefahren, hatte sogar ein Patent gemacht. 2000 knüpfte er dran an, fuhr als Offizier wieder auf Handelsschiffen, seit 2007 sogar als Kapitän auf Containerschiffen der Hapag-Lloyd-Reederei.

Doch das Thema Humanismus, wie man ihn heute versteht, ist für den 59-Jährigen deshalb keine vergessene Theorie. Der Nautiker mit Wohnsitz Berlin ist Gründer von „SOS Méditerranée“, einer Organisation, die in wenigen Tagen mit einem größeren zivilen Rettungsschiff von Bremerhaven aus ins Mittelmeer aufbrechen wird, um vor den Küsten von Libyen und Italien zu kreuzen. „Die tödlichste Fluchtroute der Welt“, wie er sagt.

Mehr als 3500 Menschen sind bei ihrer Flucht nach Europa nach offiziellen Angaben dort 2015 ertrunken, die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Auch im Winter wagen sich Flüchtlinge in offenen Booten hinaus aufs gefährliche Meer. Trotz Kälte und häufig unberechenbarem Wetter. Jetzt sind die Preise der Schlepper niedrig, sagt Vogel. Im Mai 2015 hatte er den „SOS Méditerranée“ auf den Weg gebracht und schnell etliche Mitstreiter gefunden. Auch in Frankreich und Italien. Im Herbst hatte der Verein seine erste erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne gestartet. Vor wenigen Tagen konnte SOS Méditerranée daher samt Crew die MS „Aquarius“ chartern, die lange als Fischereischutzboot im Nordatlantik unterwegs war.

Bis zu 500 Menschen können unter Deck aufgenommen werden, die Partnerorganisation „Ärzte der Welt“ kann dort in einem kleinen Hospital Verletzte versorgen. Am Sonnabend wird die Aquarius in Sassnitz auf Rügen ablegen und über Kiel nach Bremerhaven fahren. Dort soll sie am 4. Februar offiziell verabschiedet werden und dann Ende des Monats von Lampedusa aus zu ihrer ersten Rettungsfahrt auslaufen. Bisher reicht die Finanzierung für eine Charter von drei Monaten. Doch die Vision des Kapitäns reicht weiter. Aus SOS Méditerranée soll langfristig eine europäische zivile Seenotrettung im gesamten Mittelmeer werden. Nach dem Vorbild der deutschen Seenotretter, die sich ebenfalls völlig aus Spenden finanzieren.

Im Mittelmeer gibt es so eine Organisation nicht, obwohl sie hier zur Zeit wohl bitter nötig wäre, wie Vogel sagt. Das wurde ihm 2014 schlagartig klar, als die staatliche italienische Rettungsaktion „Mare Nostrum“ eingestellt wurde und sich die EU nicht auf eine Fortführung einigen konnte. „Das war für mich ein Schockerlebnis“, sagt Vogel heute. Humanitär sei die Situation einfach nicht akzeptabel, fand er. „Man kann die Menschen nicht einfach ertrinken lassen.“

Als Seemann ließ ihm das keine Ruhe. Und Seemann war er eigentlich immer. Auch in seiner Zeit als Historiker hielt er immer den Kontakt und fuhr im Urlaub auf den großen Traditionsseglern des Harburger Vereins Clipper. Ende der Neunzigerjahre beschloss der vierfache Vater dann wieder den Einstieg ins professionelle Seefahrerleben. Einfach, weil auch der Job beständiger war, als der in der Geisteswissenschaft, wo man sich oft von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln muss.

Nun, inzwischen Großvater, wagt er sich wieder in Ungewisse. „Es wird eine langfristige Aufgabe“, sagt er. Gestern hat er mit der Stammcrew der „Aquarius“ länger zusammengesessen. Er wird dort als eine Art Rettungskoordinator mitfahren. Jeder aus der Mannschaft sei zuvor gefragt worden, ob er für einen solchen Einsatz bereit sei. „Mich hat beeindruckt, wie die gesamte Mannschaft dahinter steht“, sagt Vogel, der nun auf weitere Spenden hofft, um länger als drei Monate auf dem Mittelmeer im Einsatz sein zu können. Moralische Unterstützung aus seiner Branche hat er dazu: „Das Projekt SOS Méditerranée übernimmt eine sehr wichtige Aufgabe, vor der wir als Seeleute den allergrößten Respekt haben“, sagt etwa Hapag-Lloyd-Manager Richard von Berlepsch.

Dass der offizielle Abschied der europäischen Seenotretter an der Weser erfolgt, hat im Übrigen einen – natürlich – historischen Grund. Vor 150 Jahren wurde dort die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gegründet. Anlass war seinerzeit der tragische Untergang der „Johanne“. An Bord: Auswanderer aus Deutschland, die auf eine Zukunft in Amerika hofften.

Näheres im Internet: http://sosmediterranee.org