Ammersbek

Bauern im Norden kämpfen um mehr Anerkennung

Jens Timmermann-Ann
mästet in Ammersbek junge Sauen. Die meisten von ihnen kommen im Alter von sechs Monaten zu einem Ferkelzüchter

Foto: Andreas Laible / HA

Jens Timmermann-Ann mästet in Ammersbek junge Sauen. Die meisten von ihnen kommen im Alter von sechs Monaten zu einem Ferkelzüchter

Landwirte aus Schleswig-Holstein wehren sich dagegen, als Teil einer rücksichtslosen Agrarindustrie verunglimpft zu werden.

Ammersbek.  "Die Leute wollen immer einen Bilderbuch-Bauernhof. Aber ich führe ein Unternehmen und lebe im 21. Jahrhundert." Jens Timmermann-Ann hält vor den Toren Hamburgs, in Ammersbek, gut 2000 Schweine. Und er wehrt sich dagegen, dass Landwirte als Teil einer rücksichtslosen Agrarindustrie verunglimpft werden. Er ist einer von rund 70 Bauern aus den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg, die am Sonnabend zur Grünen Woche nach Berlin fahren, um zu demonstrieren. Es geht ihnen nicht um höhere Preise und Einkommen: Sie fordern mehr Sachlichkeit in der Diskussion um die moderne Nahrungsmittelproduktion.

Das Motto der Schleswig-Holsteiner "Wir machen Euch satt" hebt ab auf die Protestbewegung "Wir haben es satt", die seit einigen Jahren eine "neue Landwirtschaftspolitik" in Deutschland fordert, die mehr Tierwohl und Umweltschutz durchsetzen und "bäuerliche Betriebe" fördern will. Vertreter dieser Bewegung zeichneten mit vielen unwahren Behauptungen ein Zerrbild der modernen Landwirtschaft, sagt Peter Koll, Geschäftsführer der Kreisbauernverbände Stormarn und Herzogtum Lauenburg. Es werde so getan, als ob jeder Bauer massenhaft Gift spritze und jeder Tierhalter unbegrenzt Antibiotika einsetze. Das sei schon aus Kostengründen blanker Unsinn, so Koll. "Die Landwirte können es schwer ertragen, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt werden."

Jens Timmermann-Ann hält zwar rund 2000 Schweine und damit mehr als der Durchschnitt in Schleswig-Holstein (gut 1000 Tiere pro Betrieb), aber er sei noch immer ein bäuerlicher Betrieb, dem das Wohl seiner Tiere sehr wichtig sei, betont der Schweinemäster. "Das ist keine Frage der Betriebsgröße. Uns macht Probleme, dass ein Teil der Bürger behauptet, dass wir dem Tier nicht gerecht werden", sagt Timmermann-Ann. Peter Koll ergänzt: "Das nagt am Selbstverständnis der Landwirte fast mehr als die gesunkenen Preise. Dabei haben wir in Bezug auf Vielfalt und Qualität noch nie so gute Nahrungsmittel gehabt wie heute."

Die Tatsache, dass ein Großteil der Verbraucher zu Billigangeboten in Supermärkten und Discountern greife, führe dazu, dass die Landwirtschaft von den allgemeinen Einkommenssteigerungen in Deutschland kaum profitiere, bedauert Koll. Gleichzeitig würden den Tierhaltern immer höhere Auflagen zum Tierwohl zugemutet, die zusätzliche Kosten verursachten. Freiwillige Tierwohl-Programme zahlten sich dagegen kaum aus. Timmermann-Ann: "Vor rund 20 Jahren zahlte Edeka in seinem Gutfleisch-Programm pro Schwein fast 15 D-Mark obendrauf. Der Aufschlag wurde immer geringer, inzwischen ist er für mich unattraktiv."

Die Schweinehaltung unterteilt sich in verschiedene Betriebszweige. Jens Timmermann-Ann zieht junge Sauen auf. Er setze dabei kaum Arzneimittel ein, betont er: "Die Tiere kommen in einem guten Zustand auf den Hof und haben hier genügend Platz. Es gibt kaum Behandlungsbedarf."

Im Alter von sechs Monaten werden die Jungsauen selektiert: Rund drei Viertel haben Körpermerkmale, die sie besonders geeignet für die Ferkelproduktion machen und werden an Sauenhalter vermarktet. Das letzte Viertel landet im Schlachthof. Das Vieh lebt in langen Backsteingebäuden. Nur Timmermann-Ann betritt sie, um die Gesundheit seiner Schützlinge nicht zu gefährden. "Wenn der Tierarzt mal kommt, merken die Schweine sofort, dass ein Fremder eintritt, und werden unruhig."

Timmermann-Ann verkauft im Jahr rund 5500 Tiere und kommt wirtschaftlich zurecht, kann sich momentan aber keine Investitionen leisten. Er füttert seine Sauen zu 80 Prozent mit eigenen Erzeugnissen, mit Raps und Weizen. Zudem baut er Gerste und die Futterpflanze Triticale (Kreuzung aus Roggen und Weizen) an, die er vermarktet. Natürlich gehöre dazu der Pflanzenschutz, er spritze zum Beispiel sein Getreide gegen Pilzbefall, sagt der 54-jährige Ammersbeker. "Das tue ich nur, wenn es nötig ist, und nicht vorsorglich. Ich zerstöre meine Böden nicht – das wird Landwirten ja oft vorgeworfen. Im Gegenteil: Meine Böden sind so fruchtbar wie noch nie." Seit 400 Jahren bewirtschafte die Familie das Land, derzeit gut 300 Hektar. "Ich will die Böden irgendwann in bestem Zustand an meinen Sohn übergeben können." Sohn Jan ist 17 Jahre alt, macht gerade Abitur und möchte später den Hof übernehmen.

Neben Niedrigpreisen in Supermärkten und Discountern setzen Absatzprobleme beim Export den Schweinehaltern zu. Während deutsche Fleischesser die edlen Teile Filet, Koteletts und Schinken nachfragen, haben unter anderem Russland und China die Nebenprodukte in großen Mengen abgenommen – vom Bauchfleisch bis zu Schwänzen und Pfoten. Doch für Russland gilt ein Wirtschaftsembargo, und in China drückt die Wirtschaftskrise die Nachfrage nach ausländischen Fleischwaren. Gleichzeitig produzieren die USA so viel Schweinefleisch wie noch nie, und auch in Europa legt die Produktion weiter zu.

Nach Schätzungen der EU-Behörde Eurostat ist in der Landwirtschaft das Realeinkommen je Arbeitskraft im Jahr 2015 um 4,3 Prozent gesunken. Das größte Minus von 37,6 Prozent gab es demnach in Deutschland. Tierische Erzeugnisse sind stärker betroffen als pflanzliche, durch die Entwicklungen bei Milch und Schweinefleisch.

Am 22. Mai plant der Bauernverband einen Tag des offenen Hofes

Besonders schwer haben es die Sauenhalter. Sie erzeugen Ferkel, die an Mastbetriebe verkauft werden. "Derzeit machen die Landwirte mit jedem verkauften Ferkel rund 20 Euro Verlust. Sie bekommen für das Tier 32 Euro, haben aber 50 bis 55 Euro Kosten", sagt Peter Koll. Die Milchbauern durchschreiten ebenfalls eine Talsohle. Auch sie können bei einem Abnahmepreis von nicht einmal 30 Cent pro Liter nicht kostendeckend produzieren.

Jens Timmermann-Ann und Peter Koll wollen aber nicht über Preise lamentieren, ihnen liegt das Image der Landwirte mehr am Herzen. Koll: "Wir fordern die Bürger auf: Sprecht mit uns – und nicht über uns!" Angebote zum Kontakteknüpfen gebe es inzwischen reichlich, versichert Koll. Viele Höfe bieten Führungen an, und am 22. Mai plane der Bauernverband Schleswig-Holstein einen Tag des offenen Hofes, an dem 35 bis 40 Betriebe teilnehmen. Transparenz und Informationen böten auch Plattformen wie bauernwiki.de und fragdenlandwirt.de.

"Wenn ich zur Pflanzenkontrolle unterwegs bin, spreche ich gern Spaziergänger und Golfer an, rede mit ihnen über meine Arbeit als Landwirt. Mehr Öffentlichkeitsarbeit kann ich aufgrund der knappen Zeit nicht leisten", sagt Timmermann-Ann. Am Sonnabend investiert er einen ganzen Arbeitstag. Der ist es ihm wert, um in Berlin für einen fairen Umgang mit den deutschen Bauern zu demonstrieren.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.