Massenrausch

Heilpraktiker: Steckt Sekte hinter dem Drogenexperiment?

Eine verletzte Person wird am 04.09.2015 in Handeloh (Niedersachsen) von Sanitätern zu einem Rettungsfahrzeug gefahren. Nach einer Massenvergiftung mit 29 Verletzten hat die Polizei die Strafverfahren gegen die Beteiligten eingeleitet

Eine verletzte Person wird am 04.09.2015 in Handeloh (Niedersachsen) von Sanitätern zu einem Rettungsfahrzeug gefahren. Nach einer Massenvergiftung mit 29 Verletzten hat die Polizei die Strafverfahren gegen die Beteiligten eingeleitet

Foto: Christian Butt / dpa

Hinter dem mutmaßlichen Drogenexperiment während eines Heilpraktikertreffens könnte ein umstrittener Therapieansatz stehen.

Handeloh. Also doch: Es soll ein Drogenexperiment gewesen sein, das 29 Seminarteilnehmer Anfang September in Handeloh bei Hamburg in Lebensgefahr gebracht hat, möglicherweise sogar mit Sekten-Hintergrund. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur handelt es sich bei den beiden Organisatoren der Veranstaltung um eine Heilpraktikerin und einen Psychologen aus der Region Aachen, die sich auch mit der sogenannten Psycholyse befassen.

Dabei soll mit Hilfe von Drogen eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Wiederholt ist es dabei in den vergangenen Jahren zu schweren Zwischenfällen gekommen. So verlief im März 2009 eine solche Sitzung in Berlin für zwei Teilnehmer tödlich.

„Die Gruppe war schon früher bei uns und ist da in keinster Weise aufgefallen“, sagt Stefka Weiland, Geschäftsführerin des Tagungszentrums „Tanzheimat Inzmühlen“. Sie ist noch immer fassungslos. „Das waren Heilpraktiker, Ärzte, Homöopathen und Psychologen.“

Steckt die "Kirschblütengemeinde" hinter dem Experiment?

Ein Fachwerkhaus mit Reetdach, ein weitläufiges Grundstück mit großen Bäumen und frisch gemähtem Rasen – das Tagungszentrum strahlt Ruhe aus. Kaum vorstellbar, welche Szenen sich hier am 4. September abgespielt haben, als die Teilnehmer mit Wahnvorstellungen, Krämpfen, Luftnot und Herzrasen in Krankenhäuser gebracht wurden.

„Ich habe an dem Freitag im Garten Schreie gehört und bin runtergelaufen“, berichtet Weiland. „Da lagen zwei Menschen auf dem Rasen, eine weitere Person saß im Eingang und übergab sich. Eine Frau lag bereits an der Straße.“ Die übrigen Teilnehmer hätten im Tagungsraum gelegen, hätten gestöhnt und sich gewunden. „Auch die beiden Seminarleiter waren nicht ansprechbar“, sagt Weiland. Sie ruft den Notarzt, es wird ein Großeinsatz der Rettungskräfte, an der Straße stehen reihenweise Unfallwagen, auch ein Hubschrauber kommt.

In der vergangenen Woche berichtete bereits der Schweizer „Tages-Anzeiger“, dass der Organisator ein enger Vertrauter des Schweizer Therapeuten Samuel Widmer sei, auch deutsche Medien hatten über einen möglichen Psycholyse-Zusammenhang berichtet. Widmers „Kirschblütengemeinschaft“ wird von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als „problematisch“ eingestuft, Kritiker sprechen von einer Sekte. Die Sprecherin der Gruppe war kurzfristig nicht erreichbar.

Nahmen die Teilnehmer die Drogen freiwillig?

„Mit Psychotherapie und Medizin hat die sogenannte Psycholyse nichts zu tun“, betont Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Wenn jemand zu diesem Zweck illegale Drogen verabreicht, dann ist das eine Straftat. Außerdem wird dabei dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor geöffnet.“

Sie habe kein Verständnis für Drogen, auch nicht zur Bewusstseinserweiterung, sagt auch Stefka Weiland. „Das ist konträr zu unserer Arbeit“, betont sie. „Hier geht es um Ruhe in einer idyllischen Umgebung, um Bewegung und Tanz. Wir fühlen uns missbraucht.“ Der Veranstalter habe nur die Räume gemietet, für die Inhalte des Seminars sei sie nicht zuständig, sagt Weiland. „Mit Esoterik haben wir nichts zu tun“, sagt sie.

Ob die Teilnehmer die Droge bewusst und freiwillig nahmen, ist noch unklar. Die Polizei ermittelt gegen sie wegen des Verdachts auf Drogenmissbrauch. „Wir geben dazu derzeit keine Auskünfte zu dem laufenden Verfahren heraus“, sagt Lars Nickelsen, Sprecher der zuständigen Polizeiinspektion Harburg. Polizei und Staatsanwaltschaft wollten erst die Ergebnisse der laufenden Befragungen und der Blutproben abwarten.

Szenedroge verändert die Wahrnehmung von Farben und Geräuschen

Die Polizei vermutet weiter, dass die 24- bis 56-Jährigen kollektiv die Szenedroge „2C-E“ genommen haben. Das Psychedelikum ist in Szenekreisen auch als Aquarust bekannt und seit Ende 2014 in Deutschland verboten. Die Substanz zählt wie Amphetamin zu den Phenylathylaminen, verändert die Wahrnehmung von Farben und Geräuschen und ist ein starkes Halluzinogen.

„Zunächst war unklar, ob es sich möglicherweise um eine Erkrankung oder eine Vergiftung handelt“, sagt Weiland. „Der ganze Tagungsraum war verwüstet, nach dem Einsatz der Rettungskräfte lagen blutverschmierte Matten und Kissen herum.“ Die Rettungskräfte hätten die Betroffenen vor Ort am Tropf versorgt. „Wir werden den Veranstaltern eine Rechnung für die Schäden schicken“, kündigt Stefka Weiland an.

Auch drei Wochen nach dem Vorfall ist sie geschockt: „Ich habe seitdem noch keine Nacht durchgeschlafen, im Geiste sehe ich immer noch die Leute auf dem Rasen“, sagt sie. „Ich bin froh, dass alle überlebt haben.“