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Massenrausch: Droht den Heilpraktikern Berufsverbot?

Heilpraktikern könnte nach massenhaftem Missbrauch die Zulassung entzogen werden. Blut der Männer und Frauen wird untersucht.

Hamburg/Handeloh.  Das Tagungshotel „Tanzheimat Inzmühlen“ liegt auf einem malerischen Fleckchen Erde, inmitten eines Waldstücks, umgeben von Wiesen, Blumen und Bäumen. „Kraftplatz“, so nennt das Hotel das Terrain. Gern gesehene und häufig wiederkehrende Gäste sind vor allem alternative (Heil-)Therapeuten, die bevorzugt den mit „Schwingfußboden“ ausgestatteten Seminarraum nutzen.

Doch das Postkarten-Idyll mit Hippie-Attitüde hat Schrammen bekommen, seit am vergangenen Freitag 29 Seminarteilnehmer, darunter Heilpraktiker und Homöopathen, nach einem mutmaßlichen Drogenexperiment total berauscht in mehrere Krankenhäuser eingeliefert wurden. Jeweils fünf Patienten mussten in Harburg, Altona, Walsrode, Winsen und Buchholz intensivmedizinisch behandelt werden. Bereits am Sonnabendmittag konnte ein Teil der Verletzten die Klinik verlassen, inzwischen sind alle Betroffenen entlassen worden.

Die meisten Patienten schweigen

Über das, was vorgefallen war, schwiegen die meisten Patienten gegenüber ihren Ärzten – selbst als sie wieder bei „klarem Verstand“ waren. Bis auf mehrere berauschte Teilnehmer, die ins Winsener Krankenhaus eingeliefert worden waren. Wie das Abendblatt aus Klinikkreisen erfuhr, hätten sich die Männer und Frauen zunächst an „rein gar nichts“ erinnern können, bei einigen seien dann aber „Flashbacks“ aufgetaucht. Etwa, dass sie ein Präparat während einer gemeinsamen „Entspannungsübung“ eingenommen hatten, um einen meditativen Zustand „tiefster Entspannung“ zu erreichen. Woher sie die Substanz hatten? Was sie glaubten, zu konsumieren? Daran wiederum hätten sich die Patienten nicht erinnern können,

Für ihr Schweigen haben die Betroffenen einen guten Grund, zumal die Polizei wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen alle 29 Seminarteilnehmer ermittelt. Von der Polizei angeordnete Urin- und Blutproben werden im rechtsmedizinischen Institut des UKE untersucht. Bisher geht die Polizei davon aus, dass die Gruppe mit einem Psychedelikum namens 2C-E herumhantiert hat, in Szenenkreisen als „Aquarust“ bekannt. „Mit einem Ergebnis rechnen wir in den kommenden Tagen“, sagte Lars
Nickelsen, Sprecher der Polizeiinspektion Harburg, Die Beschuldigten könnten sich nun bei der Polizei zum Geschehensablauf äußern.

Sollte sich der Verdacht erhärten, werden die Heilpraktiker nicht nur strafrechtlich belangt und möglicherweise für den kostspieligen Rettungseinsatz in Regress genommen. Auch ihre berufliche Zukunft dürfte gefährdet sein. So hat das Oberverwaltungsgericht Saarbrücken einem Heilpraktiker, der Cannabis konsumiert hatte, die Zulassung entzogen (Az: 3 A 271/10). Ärzte, die sich möglicherweise unter den berauschten Teilnehmern befanden, träfe es strafrechtlich wohl noch härter: „Studierte Ärzte wissen genau, auf was sie sich einlassen und wie gefährlich solche Substanzen sind“, sagte Kai Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, dem Abendblatt.

Die Seminarteilnehmer kamen aus ganz Deutschland

Die 29 Männer und Frauen, die an dem Seminar in der „Tanzheimat“ teilgenommen hatten, waren aus ganz Deutschland angereist; fünf von ihnen kamen aus Hamburg. Das Tagungshotel gilt als Treffpunkt von Anhängern der alternativen Therapeuten-Szene. Mal gibt es dort Workshops zum Thema „Tanztherapie“, mal geht es um Meditation, spirituelle Selbsterfahrung, Yoga, ganzheitliche Ansätze und dergleichen. Nach Angaben einer leitenden Mitarbeiterin der „Tanzheimat“ sei die Seminarleiterin bereits mehr als dreimal mit wechselnden Gruppen in dem Zentrum zu Gast gewesen. Bisher habe es nie Probleme gegeben.

Als die Sanitäter am Freitagnachmittag in Handeloh eintrafen, bot sich ihnen, vorsichtig formuliert, ein kurioses Bild: Auf dem Rasen vor dem hübschen, historischen Fachwerkgebäude lagen Menschen, einige krampften und zuckten, als hätte man ihnen Stromschläge versetzt. Andere „torkelten orientierungslos durch den Garten“, berichtete ein Augenzeuge dem Abendblatt. Die 160 Einsatzkräfte, darunter Feuerwehrleute und Rettungsassistenten, hatten alle Hände voll zu tun.

Patienten mussten fixiert werden

Selbst erfahrene Mediziner waren verblüfft von der Heftigkeit der Symptome: Krampfanfälle, Halluzinationen, Herzrasen, Schwindel, Übelkeit und Schmerzen. Ärzte gehen davon aus, dass die vergifteten Männer und Frauen eine Substanz zu sich genommen haben, die zu einer Aufgekratztheit führt, wie sie für Amphetamine üblich ist, aber gleichzeitig ähnlich halluzinogen wirkt wie LSD. Nach Abendblatt-Informationen zeigten die fünf ins AK Altona eingelieferten Patienten besonders extreme Ausfallerscheinungen: Die Bandbreite reichte vom Verlust der Kontrolle über die Ausscheidungsorgane und unkontrollierbare Aggressivität bis hin zu totaler Apathie bei einer älteren Dame. Zwei der Patienten, die durch die Notaufnahme tobten und randalierten, mussten sogar fixiert werden. Und eine junge Frau, die auf einer Trage lag, habe unentwegt gebrüllt: „Jetzt habe ich es verstanden, jetzt habe ich es verstanden!“