Nach Beinahe-Katastrophe

Busfahrerin enthüllt Details über Crash auf Bahnübergang

Die Frau stand am Unfalltag unter Schock. Jetzt spricht sie erstmalig über die Ereignisse. Ein Schüler sah das Unglück kommen.

Buxtehude. Nach dem Zusammenstoß eines Regionalzugs mit einem liegen gebliebenen Schulbus bei Buxtehude hat das Busunternehmen KVG erste Gespräche mit der Busfahrerin zum Unfallhergang geführt.

Demnach hatte sich das Fahrzeug durch Aktivierung der Gelenksperre festgefahren. Die 23 Jahre alte Busfahrerin habe umgehend telefonisch Kontakt zur KVG-Leitstelle in Buxtehude aufgenommen. "Die Fahrerin befand sich während des Telefonats im Bus. Die Leitstelle der KVG in Buxtehude war mit zwei Personen besetzt, die sofort und parallel die Betriebsleitstellen der S-Bahn und des Eisenbahnuntrnehmens Metronom informiert haben", teilte die KVG am Donnerstagnachmittag mit.

Der S-Bahn-Verkehr konnte aufgehalten werden. Für die Unterrichtung des Metronom war es zu spät, da der Zug sich zu diesem Zeitpunkt bereits dem Unfallort näherte. Ein Schüler aus dem hinteren Bereich des Busses habe durch lautes Rufen darauf aufmerksam. Daraufhin habe die Fahrerin alle Türen des Busses geöffnet, damit die Schüler aussteigen konnten.

Der verunglückte Bus befindet sich inzwischen in Hamburg, wo der Unfalldatenspeicher ausgelesen wird und anschließend die Daten der Polizei zur Verfügung gestellt werden.

Die Verkehrsführung der Umleitungsstrecke sei in Absprache und Genehmigung der Stadt Buxtehude und der örtlichen Polizei erfolgt. "Warum die Gelenksperre aktiviert wurde, konnte nach Befragen der Mitarbeiterin nicht abschließend geklärt werden. Wir erhoffen uns dazu Erkenntnisse aus der Auswertung des Unfalldatenspeichers", teilt die KVG mit.

In letzter Minute hatten sich am Mittwoch 60 Kinder aus dem Gelenkbus retten können, der manövrierunfähig auf einem Bahnübergang festsaß. Trotz einer Notbremsung rammte der Zug den hinteren Teil des Busses. Ein Fahrgast im Metronom wurde leicht verletzt.

Nur noch Schrott lag am Mittwochvormittag auf den Gleisen an einem Bahnübergang in Buxtehude. Der hintere Teil des Gelenkbusses war abgeknickt und vollkommen zerstört. Wären die 60 Schulkinder bei dem Zusammenstoß noch in dem Bus der Stader Kraftverkehr GmbH (KVG) gewesen, als der Metronom das auf einem Bahnübergang liegen gebliebene Fahrzeug rammte – man hätte sich die Konsequenzen nicht ausmalen wollen. Die Polizei geht bisher davon aus, dass die schnelle und umsichtige Reaktion der 23 Jahre alten Busfahrerin eine Kata­strophe verhindert hat.

Am Mittwoch, gegen acht Uhr, ist der aus Jork kommende Bus der Linie 2103 auf dem Weg zum Buxtehuder Schulzentrum Süd. Weil die B 73 gerade gesperrt ist, nutzt er eine Umleitungsstrecke und passiert in Buxtehude-Neukloster einen Bahnübergang. Dort will der Bus nach rechts in Richtung Buxtehude auf eine schmale Straße einbiegen. In diesem Moment passiert es: Die Steuerung blockiert, der Motor stellt sich ab – während das Heck des Busses noch auf den Gleisen steht. Die Kinder verlassen den Bus. Kaum sind die Schüler draußen, kracht der Metronom aus Hamburg in Richtung Cuxhaven in den Gelenkbus.

Blockierte Schutzmechanismus den Bus ?

Die Kinder kommen mit einem Riesenschrecken davon, die 200 Fahrgäste im Metronom auch, nur ein Passagier wird leicht verletzt. Weil Feuerwehr und Polizei zunächst vom Schlimmsten ausgehen, von vielen Verletzten und Toten, rücken mehr als 30 Rettungswagen und zahlreiche Notärzte zur Unfallstelle aus. Wenig später kommen auch die Eltern, um ihre Kinder abzuholen. Für den Zugverkehr bleibt die Strecke über Stunden gesperrt, ein Schienenersatzverkehr wird eingerichtet. Gegen 16 Uhr hievt ein Bergungskran das Buswrack von den Gleisen. Der nicht allzu stark beschädigte Metronom kann die Fahrt aus eigener Kraft fortsetzen. Kurz danach sind die Züge auf der Strecke wieder planmäßig unterwegs.

Ursache der Beinahekatastrophe ist wohl ein technischer Defekt. „Nach bisherigen Ermittlungen knickte der Gelenkbus aufgrund der schmalen Straße derart ein, dass durch eine technische Vorrichtung das ganze Fahrzeug blockierte und der Motor sich abschaltete“, sagte der Sprecher der Polizei­inspektion Stade, Rainer Bohmbach.

Gemeint ist offenbar der Knickschutz, eine Vorrichtung, die verhindert, dass der Bus so übersteuert wird, dass sich die Gelenke verkanten. Allerdings werde diese Funktion nur beim Rückwärtsfahren aktiviert, sagte eine Sprecherin der Omnibus-Sparte von Daimler-Benz dem Abendblatt. „Bei einem Winkel von 52 Grad gibt es eine optische Warnung, bei 54 Grad ist Schluss, dann geht nichts mehr“, so die Sprecherin. Ob ein Fahrfehler der jungen Frau den technischen Defekt ausgelöst hat, ist unklar. „Wenn nun nach der Ursache gesucht wird, wird sicherlich auch das Verhalten der Busfahrerin eine Rolle in den Ermittlungen spielen“, sagte Polizeisprecher Bohmbach.

Schaden von mindestens 500.000 Euro

Die junge Frau habe aber vorbildlich reagiert, indem sie sofort die Türen öffnete, als sich der Bus nicht mehr von den Gleisen bewegen ließ. Wie knapp es gewesen ist, dokumentiert das im Internet kursierende Handy-Video eines Schülers. Darauf sind auch die entsetzten Schreie und auch die Kommentare der Kinder zu hören: "Alter! Da saß ich eben noch", ruft ein Junge, während der Zug in den leeren Bus rast. Auch die Stimme des Schülers, der den Crash filmte, ertönt: "Oh Mann, Alder! Ich hab das auf Video!"

Noch während die Kinder vom Unfallort flüchten, schießt der Zug mit einem ohrenbetäubenden Warnsignal an ihnen vorbei. Er wird zwar durch die Zwangsbremsung langsamer, doch das reicht nicht. Als der Metronom den Bus mit voller Wucht rammt, ist ein dumpfer Knall zu hören. Eine Sekunde später kommt auch der Zug zum Stehen. „Sie hat einen großen Anteil daran, dass hier nichts Schlimmeres passiert ist“, sagte Bohmbach über die Busfahrerin, die einen Schock erlitten hatte und nicht vernehmungsfähig gewesen ist.

Den Schaden schätzt die KVG Stade auf „mindestens 500.000 Euro“, Geld spiele aktuell aber die geringste Rolle. „Wir danken dem lieben Gott, dass keines der Kinder verletzt worden ist“, sagte KVG-Sprecher Michael Fastert dem Abendblatt. Von Donnerstag an fahren zunächst keine Gelenkbusse mehr auf der Umleitungsstrecke. In den nächsten Tagen wird die Staatsanwaltschaft Stade das Wrack untersuchen lassen. „Wir wollen natürlich ganz genau wissen, wodurch der Defekt ausgelöst wurde.“

Auch den Schülern bleibt die Umleitungsstrecke erspart, so Fastert. Von morgen an werden sie über Apensen nach Buxtehude gebracht.