Kiel

Der Barschel-Vertraute Reiner Pfeiffer ist tot

Reiner Pfeiffer auf dem Höhepunkt der
Affäre, umringt von Journalisten

Reiner Pfeiffer auf dem Höhepunkt der Affäre, umringt von Journalisten

Foto: Wulf Pfeiffer / dpa

Der „Mann fürs Grobe“, der die Affäre ins Rollen brachte, stirbt im Alter von 76 Jahren bei Bremen.

Kiel. Von Regeln hat er nichts gehalten. Nach Dienstantritt im Januar 1987 stellte der neue Medienreferent Reiner Pfeiffer seinen alten Mercedes mit Bremer Kennzeichen fast schon demonstrativ direkt vor das Kieler Landeshaus ins Parkverbot. Und drinnen im 1. Stock der Staatskanzlei des Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) inszenierte Pfeiffer die Rufmordkampagnen gegen den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm: Anonyme Steueranzeige, Bespitzelung durch Detektive, Verdacht einer Aids-Infektion.

Mit 76 Jahren ist Reiner Pfeiffer jetzt in der Samtgemeinde Hambergen bei Bremen gestorben. Bis zu seinem Tod hat er daran festgehalten, dass er alle widerlichen Aktivitäten mit Wissen und im Auftrag des damaligen Ministerpräsidenten Barschel in Szene gesetzt hat. Fast schon paradox: Pfeiffer hat mit seinen Kampagnen nicht nur die Barschel/Pfeiffer-Affäre in Szene gesetzt, sondern er war es auch, der mit eidesstattlichen Versicherungen für ihr Bekanntwerden sorgte. Die Titelzeile des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ vom Wahlsonntag 13. September 1987 über „Barschels schmutzige Tricks“ fußte weitgehend auf Pfeiffers freiwilligen Angaben.

Diese Titelzeile war zugleich der Anfang vom Ende der bis dahin so steilen Karriere von Barschel. Zwar versuchte der mit 43 Jahren jüngste Ministerpräsident Deutschlands auf der Ehrenwort-Pressekonferenz am 18. September noch, alle Schuld allein Pfeiffer anzulasten. Aber nur eine Woche später musste er auch unter dem Druck von Parteifreunden zurück­treten. Wenig später flog Barschel dann nach Mallorca und von dort nach Genf. Nach Angaben der Familie wollte er dort einen Mann treffen, der entlastendes Material angeboten haben soll.

Tatsächlich starb Barschel dann in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober, wurde am nächsten Morgen von einem „Stern“-Reporter tot in der Badewanne aufgefunden. Dessen Foto wurde zum Symbol für die vielleicht größte Polit­affäre in der Geschichte der Bundes­republik. Bis heute rätseln die Experten auch wegen der schlampigen Ermittlungen der Schweizer Justiz über die Frage nach Mord oder Selbstmord. Immer neue Bücher und Thesen heizen die Diskussion auch fast 28 Jahre später immer wieder an.

Ironie der Geschichte: Pfeiffer war dann auch mindestens der Ausgangspunkt für eine weitere große Politaffäre. 1993 gestand der damalige SPD-Landesvorsitzende und schleswig-holsteinische Sozialminister Günter Jansen, er habe daheim im Schreibtisch aus Mitleid immer wieder Geld gesammelt und Pfeiffer bei zwei Übergaben insgesamt über 40.000 D-Mark zukommen lassen: So begann die Schubladenaffäre. Jansen musste zurücktreten, ein Untersuchungsausschuss des Landtags wurde etabliert, der Pfeiffers und Barschels Rolle im Jahr 1987 erneut unter die Lupe nahm. Danach war die alte Feststellung, Barschel sei in alles eingeweiht und der Initiator gewesen, nicht mehr zu halten.

Wichtiger aber: Der damalige Ministerpräsident Björn Engholm, inzwischen zum SPD-Bundesvorsitzenden und Hoffnungsträger aufgestiegen, trat am 3. Mai 1993 von allen Ämtern zurück. Er hatte 1987 eigentlich ohne Not gelogen über den Zeitpunkt, zu dem er im Umfeld der Landtagswahl von Pfeiffers Aktivitäten erfahren hatte. Der danach auf den SPD-Schild gehobene Verlegenheitskandidat Rudolf Scharping brachte dann die CDU/FDP-Koalition unter Bundeskanzler Helmut Kohl an den Rand einer Niederlage. Nur Überhangmandate sicherten dem schwarz-gelben Bündnis eine knappe Mehrheit – der ungleich bekanntere und beliebtere Engholm hätte also alle Chancen gehabt, im Oktober 1994 die Ära Kohl zu beenden.

165.000 D-Mark hat der „Spiegel“ im Jahr 1987 an Pfeiffer gezahlt, deklariert als Ersatz für sein Einkommen, wenn er nicht geredet und eben auch nicht fristlos entlassen worden wäre. Als Journalist konnte Pfeiffer, der Ende 1986 vom Verlag Axel Springer an die Staatskanzlei quasi ausgeliehen worden war, nie wieder Fuß fassen. Er versuchte es mit einem Sonnenstudio und verlor dabei viel Geld. Nach einer Knieoperation unter Vollnarkose im Jahr 2008 konnte er am Ende nur mühsam mit Rollator gehen, wurde betreut und gepflegt von seiner letzten Lebensgefährtin, einer pensionierten Lehrerin.

Er bekomme eine kleine Rente, verriet er vor Jahren einem Reporter der „Kieler Nachrichten“, der den Eindruck hatte, Pfeiffer genieße es, zum 25. Jahrestag der Barschel/Pfeiffer-Affäre noch einmal im Rampenlicht zu stehen. Natürlich hielt Pfeiffer weiter an seiner Version fest, er habe nur im Auftrag Barschels gehandelt – auch bei zwei Anrufen bei Engholm unter dem falschen Namen Dr. Wagner, um dem Politiker einzureden, er habe möglicherweise Aids: „Das war mir peinlich.“ Anfangs hat Pfeiffer immer vermittelt, er glaube an einen Selbstmord Barschels, jetzt spann er mit an Verschwörungstheorien: „Ich halte es für wahrscheinlicher, dass er von Waffenlieferanten oder von Mittelsmännern der eigenen Partei umgebracht wurde.“ Das Todesermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Lübeck wurde im Juni 1998 eingestellt – gegen den Willen des leitenden Oberstaatsanwalts Heinrich Wille. Als Pensionär schrieb er trotzig ein Buch mit dem Titel „Der Mord, der keiner sein durfte“.