Nordsee

Abendblatt-Serie: In 36 Stunden auf Pellworm entschleunigen

Pellworm Foto: Elisabeth Jessen

Pellworm Foto: Elisabeth Jessen

Foto: Elisabeth Jessen

Dritter Teil: Raus aus der Großstadt und die Region entdecken. Die beschauliche nordfriesische Insel Pellworm mit dem Rad entdeckt.

Pellworm ist die etwas unscheinbare Außenseiterin unter den nordfriesischen Inseln. Nicht so mondän wie Sylt, sie hat auch keinen bombastischen Sandstrand wie Amrum und ist nicht so vielfältig wie Föhr. Aber Pellworm bietet etwas ganz Eigenes – die Entdeckung der Langsamkeit in unserer unsteten Welt. Slow Motion in Nordfriesland.

Hamburg, 8 Uhr

Frühstück wird auf später vertagt. Und weil wenig los auf ist der A 23, ist nach zwei Stunden Nordstrand erreicht. Im Hafen mit dem wohlklingenden Namen Strucklahnungshörn soll die Fähre nach Pellworm um 10.40 Uhr ablegen.

Nordstrand, 10.10 Uhr.

Genug Zeit also, um bei „Neptun Snack“, einem kleinen Fischimbiss-Kiosk am Hafen, ein Krabbenbrötchen zu bestellen. Das Auto kann für fünf Euro auf dem öffentlichen Parkplatz hinter dem Deich stehen, statt es für etwa 85 Euro mit auf die Insel zu nehmen.

Bis zum 17. Jahrhundert war Pellworm der westliche Teil von „Strand“, aber eine schwere Sturmflut 1634 zerschlug die große Insel, übrig blieben Pellworm, das jetzt nur noch 37 Quadratkilometer misst, sowie Nordstrand und die Hallig Nordstrandischmoor. Die Wege sollten mit dem Fahrrad zu schaffen sein und das Gepäck ist überschaubar: ein kleiner Rucksack mit Klamotten und Waschzeug muss reichen.

Fährfahrt, 10.40 Uhr

11 Euro kostet die Hin- und Rückfahrt. Mit einem lauten Tuten setzt sich die Autofähre „Pellworm 1“ pünktlich in Bewegung. Die Sonne blinzelt durch die Wolken und es macht sich ein Gefühl der Freiheit breit. Und das großzügig belegte Krabbenbrötchen schmeckt an der Seeluft himmlisch. Der Kurzurlaub kann beginnen.

Pünktlich nach 40 Minuten erreicht die Fähre den Tiefwasseranleger der drittgrößten nordfriesischen Insel. Und wenig später ist der Inselbus da, der die Gäste kostenlos (!) nach Tammensiel bringt, in den Hauptort.

Tammensiel, 11.30 Uhr

An der zweiten Busstation beim Kurzentrum vetreibt Momme von Holdt seinen Radverleih. Er hatte gelacht, als ich anrief, um ein Fahrrad zu reservieren (13 Euro für zwei Tage). Jetzt ist klar, wieso. Dutzende Räder stehen herum und Hunderte hat er in einer Halle gelagert. Als ich nach einem Schloss frage, sagt Momme, der sein Geschäft vor 25 Jahren mit fünf Rädern vom Sperrmüll gegründet hat: „Das braucht man hier nicht.“

Auf der Edenswarf, einem Biobauernhof, der seine Ferienwohnungen auch an Kurzzeitgäste vermietet, melde ich mich nur kurz an, dann geht es los zum alten Hafen in Tammensiel. Der Ort ist sehr klein. Supermarkt, Bäcker mit Café, ein paar Restaurants und Läden mit Andenken und Mode, die Sparkasse und Post und schon hat man das Ortsende erreicht. Aber auf der gesamten Insel gibt es ja auch nur 1880 Gästebetten und 1200 Menschen wohnen dauerhaft hier. Im Hafen dümpeln ein paar Fischkutter – nett fürs Auge, aber seit es den gezeitenunabhängigen Tiefwasserhafen gibt, ist es hier deutlich ruhiger.

Für einen Einkehrschwung reicht die Zeit noch, ehe eine Wattwanderung ansteht. Über den Ort Tilli führt der Weg zum rot-weißen, 41,5 Meter hohen Leuchtturm von 1907. In der gleichen Bauweise wurden das Seefeuer Hörnum und das Leuchtfeuer Westerheversand errichtet, heißt es auf dem Infoschild. Der Turm ist äußerst beliebt für Hochzeiten und kann auch besichtigt werden (die Termine muss man beim Tourismusservice erfragen). Heute ist jedenfalls geschlossen. Macht aber nichts, denn die Nordseeluft macht hungrig und im Landhaus Leuchtfeuer ein paar Meter weiter lockt ein großer Garten mit Strandkörben. Auf die Schnelle darf es eine Krabbensuppe mit Sahnehäubchen (8,50 Euro) und eine Deichlimo (3 Euro) sein. Die Mittagspause fällt kurz aus, denn für 14.15 Uhr bin ich zur Wattwanderung angemeldet, die die Schutzstation Wattenmeer anbietet. Als Nachtisch gibt es den Duft der Heckenrosen, der auf Pellworm allgegenwärtig ist.

Wattwanderung,

Abgangsstelle Süderoog 14.15 Uhr

Elias Engel wartet schon. Der 20-Jährige leistet seinen Bundesfreiwilligendienst bei der Schutzstation Wattenmeer und leitet den „Spaziergang über den Meeresgrund“. „Kurze Hosen oder Hosen hochkrempeln“, rät er allen Teilnehmern, denn erst einmal müssen wir zwei Priele überqueren. Der Wattführer ist unverkennbar – er ist der einzige mit braunen Beinen, während die Waden der anderen weiß blitzen. Als wir die Priele hinter uns gelassen haben, deutet er auf den Boden. Der Bäumchenröhrenwurm baut kleine Bäume aus Sand und Muschelresten. Daran bleiben Nährstoffe hängen, die er dann frisst. Wir treten unvermeidlich viele Bäumchen kaputt. Immer wieder gibt es gleichmäßige große Kuhlen im Sand. Unser Wattführer erklärt, wie diese entstehen: „Silbermöven trippeln auf der Stelle, dadurch kommen die Herzmuscheln an die Oberfläche.“ Das besiegelt ihr Schicksal – darauf warten die Möven nur.

In der Ferne sieht man den Leuchtturm Westerheversand und die Hallig Süderoog. Auf Pellworm werden auch Fahrten zu den Halligen, den anderen Inseln und den Seehundbänken angeboten, aber wozu schon wieder wegfahren aus der Idylle? Bloß keine Hektik!

Nach gut einer Stunde Fußmarsch durch das schlickige Watt erreichen wir die Heverkante – dahinter verläuft das Fahrwasser zwischen Pellworm und dem Festland, wie Elias erklärt. Inzwischen hat sich das Wasser zurückgezogen, auf dem Rückweg sind die Priele ganz seicht. Danach ist Zeit für eine Pause. Seeluft macht so müüüüüüüde.

Fischrestaurant Nordseeblick,

Tammensiel 20.15 Uhr

Warme Küche bis 21.30 Uhr. Aber später kommt hier sowieso keiner mehr. Dörte Koch betreibt das „Fischrestaurant Nordseeblick“ seit 22 Jahren und bedient ihre Gäste selbst. „Es gibt hier keine Massen“, beschreibt sie die Besonderheit Pellworms: „Du kannst Dir hier den Sonnenuntergang allein ansehen und nicht mit 3000 Menschen.“

Die Fischkarte enthält alles, worauf man Appetit haben könnte. Frische Heringe mit Bratkartoffeln kosten 9,80 Euro, der Beilagensalat für 3,50 Euro ist ebenfalls köstlich.

Wie gut, dass das Abendprogramm auf der Insel absolut überschaubar ist. Außer der Landjugenddisco gibt es an diesem Abend kein Angebot, also kann man direkt ins Bett gehen – in der Gewissheit, nichts, aber auch gar nichts zu verpassen. Außer dem Blöken eines Schafs in den Morgenstunden ist die Nacht auf Pellworm völlig still.

Café Cornielsen, Sonntag, 9.30 Uhr

Nach einer schnellen Bäckerbrotzeit (4,80 Euro) im Café Cornielsen in Tammensiel mache ich mich auf zur Inselrundfahrt. Erst mal zum Solarfeld. Auf die regenerative Energie und das Hybridkraftwerk sind sie stolz hier. Mittwochs um 14 Uhr gäbe es Führungen, aber auch die Schautafeln im Infozentrum bieten einen Einblick in die moderne Technologie. Aber nach zehn Minuten steige ich wieder auf das Rad.

Eine der ungewöhnlichsten Ferienwohnungen ist wohl die in der Nordermühle in Waldhusen– mit Blick auf die Nordsee. Mir bleibt nur, durch das Gatter hoch zum Deich zu radeln und weiter zu den allgegenwärtigen Schafen, von denen es auf der Insel mehr als Bewohner zu geben scheint, zum Fähranleger der Hooger Fähre. Am Imbiss gehen schon Fischbrötchen, Burger und Pommes über den Tresen, aber Deichbrause zur Erfrischung tut es auch.

Alte Kirche, 13 Uhr

Die Alte Kirche in Klostermitteldeich, deren Anfänge ins 11./12. Jahrhundert zurückreichen, zählt zum Muss eines Pellworm-Besuchs. Die Turmruine ist weithin sichtbar, im Inneren steht eine Arp-Schnitger-Orgel von 1711, die leider gerade schweigt. Den Sommer über gibt es aber zahlreiche Orgelkonzerte.

Auch der Kirchspielkrug, seit 140 Jahren in Familienbesitz, hat viel Tradition zu bieten. Zeit für Mittagessen mit Blick auf die Kirche. Die Kutterscholle wird mit knusprigen Bratkartoffeln serviert (12,90 Euro) und schmeckt hervorragend.

15.30 Uhr Neue Kirche

Wo es eine Alte Kirche gibt, muss ja es auch eine neue geben. Bei St. Crucis in Tilli führt der Name etwas in die Irre. Auch dieses Backstein-Gotteshaus stammt von 1621 und kann mit einem spätgotischen Schnitzaltar in Rot, Blau und Gold aufwarten, aber die Orgel ist weniger berühmt.

Nach dem Kirchenbesuch bleibt noch Zeit für ein Eis, ehe ich das Rad bei Momme zurückgebe (es war die ganze Zeit nicht abgeschlossen und keiner hat es geklaut), denn um 17.16 Uhr kommt der Zubringerbus zum Hafen. Und natürlich startet auch die Fähre pünktlich um 17.35 Uhr. Sogar die Autobahnfahrt nach Hamburg ist gemächlich – es hat angefangen zu regnen, das entschleunigt auch.