Energiewende

Neustart bei der Stromtrassenplanung

Die von vielen Bürgern abgelehnten Überlandleitungen könnten bald zum Ausnahmefall werden – viele Kabel sollen unter der Erde verlegt werden

Die von vielen Bürgern abgelehnten Überlandleitungen könnten bald zum Ausnahmefall werden – viele Kabel sollen unter der Erde verlegt werden

Foto: dpa Picture-Alliance / McPHOTO / picture alliance / blickwinkel/M

Der Kompromiss zur Energiewende könnte dazu führen, dass die meisten Stromleitungen unterirdisch verlegt werden.

Hannover/Kiel. Dem Netzbetreiber Tennet bleibt nichts anderes übrig als zu warten: Erst wenn der Bundestag das entsprechende Gesetz verabschiedet hat, weiß der niederländische Staatskonzern, was Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) unter dem Wort „Vorrang“ versteht. Klar ist aber seit der Einigung von CDU, CSU und SPD auf Bundesebene in der Nacht zum Donnerstag: Die Stromkunden in Deutschland werden den Preis dafür zahlen, dass künftig im Streit- und Zweifelsfall die dringend benötigten neuen Stromtrassen von Nord nach Süd verbuddelt werden.

Diese Erdverkabelung haben die in einem eigenen Bundesverband zusammengeschlossenen Bürgerinitiativen immer wieder gebetsmühlenartig gefordert. Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGU) lautet ihre Zauberformel dafür, die Landschaft nicht mit immer mehr und immer größeren Hochspannungsleitungen zu verschandeln. Folgerichtig jubelte der Hamelner Landrat Tjark Bartels, Sprecher eines Bündnisses von über 20 Landkreisen, über einen „phänomenalen Erfolg“ und glaubt an einen Durchbruch: „Wir haben einen Paradigmenwechsel eingefordert und jetzt genauso bekommen.“

Vielleicht noch wichtiger für das Gelingen der Energiewende, also den Transport von Strom aus dem windreichen Norden in die industriellen Zentren von Bayern und Baden-Württemberg nach Abschaltung der Atommeiler: Landrat Bartels versicherte am Mittwoch auch, man werde jetzt wie versprochen auch die Erdverkabelung mittragen. Schließlich fordert auch die Erdverkabelung schwerwiegende Eingriffe in die Natur und führt zu einem Flächenverbrauch von mehreren tausend Hektar im 800 Kilometer langen Planungskorridor.

Am Mittwoch wurde bereits intensiv spekuliert, ob jetzt die Hälfte oder sogar ein noch größerer Teil der beiden Leitungen unter die Erde kommt und was das für die Zeitachse der Energiewende bedeutet. Thomas Wagner, Sprecher von Tennet, geht von Verzögerungen aus, aber deren Umfang könne das Unternehmen erst einschätzen, wenn ein konkretes Gesetz vorliegt: „Wir müssen gucken, was dann da konkret drinsteht.“ Und er wehrt sich gegen den Vorwurf, das Unternehmen wolle unbedingt mit Strommasten planen: „Wir freuen uns, dass die Erdverkabelung ausgeweitet wird.“ Damit sinke auch die Zahl der Streitfälle über den Mindestabstand der riesigen Masten von der Wohnbebauung.

Grund zur Freude ist die Einigung der Bundesregierung auf die neuen Standards für den Bau der Stromtrassen aber auch für die norddeutschen Flächenländer. Eine beharrliche weitere Verweigerung des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs Horst Seehofer hätte langfristig die hochfliegenden Pläne für den weiteren Ausbau sowohl der Windparks an Land wie in Nord- und Ostsee gefährdet. Daran aber hängt inzwischen ein ganzer Industriezweig – vom Bau der Windräder bis hin zur ständigen und besonders aufwendigen Wartung der Riesenwindmühlen im Meer.

Das niedersächsische Bündnis gegen die Freileitungen fordert jetzt eine völlig neue Planung, was auch zu neuen Korridoren führen könnte und auf alle Fälle viel Zeit fordern würde. Mit einem neuen Antrag von Tennet rechnet das Bündnis erst im kommenden Jahr.

Für Schleswig-Holstein kommt das großkoalitionäre Votum für mehr Erdkabel zumindest teilweise zu spät. Die Westküstenstromtrasse, die von der dänischen Grenze bis nach Brunsbüttel führen soll, ist planerisch nahezu fertig. Für einen Abschnitt der 150 Kilometer langen Leitung gibt es bereits einen Planfeststellungsbeschluss. Eine Neuplanung der Freileitung als Erdkabel würde viel Zeit kosten.

Anders sieht es bei der nur rund 80 Kilometer langen Ostküstentrasse aus. Sie soll den Norden von Ostholstein mit dem Kreis Bad Segeberg verbinden und wird auf ihrem Weg auch die Hansestadt Lübeck berühren. In dicht besiedelten Regionen wie eben Lübeck käme eine Erdverlegung durchaus in Frage. Der Bundesrat hat sich unlängst für ein solches Erdkabel-Pilotprojekt im Verlauf der Ostküstentrasse ausgesprochen. Planerisch ist hier noch vieles offen. Derzeit wird die Bevölkerung in sogenannten Dialogverfahren über das Bauprojekt informiert. Spätestens 2022 soll die neue 380-Kilovolt-Leitung fertig sein.

Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) steht einem Pilotprojekt aufgeschlossen gegenüber. „Technische Optionen, die helfen, die Belastungen zu senken, muss man mit einbeziehen“, sagte er. „Insofern ist es richtig, Erdverkabelung bei Gleichstromtrassen stärker zu ermöglichen – das fordern wir schon länger. Man muss aber auch wissen, dass es teurer wird für Stromkunden.“ Die Ostküstenleitung sei als Pilotprojekt „ideal“. Habeck fordert: „Hier muss der Bundestag schnell entscheiden und es gesetzlich mit aufnehmen. Die CDU muss ihren Widerstand dagegen endlich aufgeben.“