Erneuerbare Energie

Wie die Energiewende vor Ort gelingen kann

Energieminister Robert Habeck

Energieminister Robert Habeck

Foto: Carsten Rehder / dpa

Im Kampf gegen den drohenden Klimawandel setzen engagierte Bürger in Flensburg auf regionale Speicherlösungen.

Flensburg. Axel Wiese und seine Mitstreiter haben eine Vision. „CO2-frei bis 2030!“ Der Vorsitzende des Vereins für „Erneuerbare Energie & Speicher“ in Flensburg sprüht selbst vor Energie. „Diese Region wird sich in 15 Jahren zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie aus der Region versorgen – und zwar im Bereich Elektrizität, Wärmeversorgung und Mobilität“, sagte Axel Wiese zu Beginn einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zur Energiewende in Flensburg. Einzige Voraussetzung: Genügend Speichermöglichkeiten für den überschüssigen Strom aus Wind und Sonne. Und da müsse die Politik helfen.

Die Politik aber, an diesem Abend durch Schleswig-Holsteins grünen Umweltminister Robert Habeck vertreten, setzt erst einmal nicht auf regionale Speicher – sondern auf lange Leitungen. Nämlich auf den milliardenteuren Bau einer gigantischen Stromtrasse von Nord nach Süd durch die Republik. Ein Irrweg? „Nein“, sagt Robert Habeck. Der Ausbau der erneuerbaren Energien durch Wind und Sonne im nördlichsten Bundesland werde in zehn Jahren eine Größenordnung erreichen, „die nicht sinnvoll allein durch Speicher aufgefangen werden kann“. Daher habe der Netzausbau „oberste Priorität“. Speicher seien aber mittelfristig eine zusätzliche Option, auch zur Stabilisierung der Netze.

Für Volker Quaschning ist das der falsche Weg. Bei den zukünftigen enormen Energie-Überschüssen könnten die geplanten Überlandleitungen nur sehr begrenzt helfen. Die Politik müsse umsteuern. „Der wesentliche Baustein für eine künftige sichere Energieversorgung sind dezentrale regenerative Speicheranlagen“, sagte der Professor für das Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Beifall aus dem Publikum – und Unterstützung von Simone Lange. „Wer Energiepolitik für die Menschen machen will, muss dezentrale Strukturen schaffen und kommunale Lösungen unterstützen“, so die SPD-Landtagsabgeordnete.

Wiese: „Wasserstoff ist Energieträger, Speicher und Rohstoff der Zukunft“

Diese Lösungen sind in Flensburg bereits vorhanden. Elektrolyse heißt das Zauberwort. Dadurch wird Wind- und Sonnenenergie in Wasserstoff umgewandelt. „Power to Gas“, heißt das Projekt von Ulrich Jochimsen. „Bisher werden Windkraftwerke abgeschaltet, wenn das Netz den Strom nicht aufnehmen kann“, sagt er. „Die Energie geht verloren.“ Sein Plan: Der nicht benötigte Strom wird mit einer Elektrolyse-Anlage in Gas umgewandelt und in das bestehende Ferngasnetz eingespeist.

„Wasserstoff ist Energieträger, Speicher und Rohstoff der Zukunft“, sagt Wiese. Und zwar für die Wärmeversorgung, die Stromerzeugung, die industrielle Nutzung und die Mobilität.

Ove Petersen arbeitet mit der Produktion von Elektrolyse-Anlagen bereits an dezentralen Speicherlösungen. Reinhard Christiansen vom Bundesverband Windenergie (BWE) spricht von der „Stromveredelung“. Der Leitungsausbau sei zwar notwendig, aber gleichzeitig müsse die Politik dringend die Errichtung von regionalen Speichersystemen unterstützen.

Dass die dezentrale Energiewende mit grünem Wasserstoff möglich ist, beweist sein Fahrzeug. Christiansens abgasfreier Hyundai hat einen Wasserstofftank und eine Reichweite von 600 Kilometern. „Die Betankung dauert drei Minuten.“ Anders als bei Elektro-Autos muss das Fahrzeug nicht stundenlang an die Steckdose. Noch kostet das Gefährt mehr als 50.000 Euro. Aber Christiansen hat bereits rund 30 Interessenten. „Dann kann ich neu über den Preis verhandeln.“ Noch gibt es kaum Tankstellen. Für Christiansen kein Problem: „Wir bauen eine eigene Tankstelle beim Umspannwerk in Niebüll.“ Dass die Bürger bei der Rettung des Planeten die Initiative ergreifen, ist ganz im Sinne von Robert Habeck: „Der Markt ist viel kreativer als staatliche Förderprogramme.“