Hilfsaktion

20.000 Pullover für Pinguine gestrickt

Unzählige stricken für die Tiere, um sie vor Öl zu schützen. Jetzt beendet die 64-jährige Angelika Regenstein aus Glinde die Hilfsaktion.

Glinde. Behutsam drapiert Angelika Regenstein eine weitere Handvoll bunter Minipullover auf dem Berg im Schaufenster ihres Reisebüros. Sie versucht, jede falsche Bewegung zu vermeiden, denn sonst könnte eine Lawine ausgelöst werden, die die 64-Jährige aus Glinde (Kreis Stormarn) unter sich begräbt. Das ist schon häufiger vorgekommen. Denn was als kleine Hilfsaktion gedacht war, hat ungeahnte Ausmaße angenommen: 20 000 Pullover für Pinguine in sämtlichen Farben und Mustern stapeln sich im Schaufenster von Angelika Regensteins Reisebüro an der Horner Landstraße in Hamburg. Licht kommt nur oben durch einen schmalen Streifen herein. Im Keller des Geschäfts stehen weitere Umzugskartons, gefüllt mit Minipullovern.

Rückblende: Im April wandte sich die 64-Jährige erstmals an das Abendblatt, um Mitstreiter für ihr Projekt zu finden. Um Zwergpinguine, die auf der australischen Insel Phillip Island leben, bei Ölkatastrophen zu schützen, strickte Angelika Regenstein Minipullover. Aktivisten des dortigen Naturparks fangen die Tiere bei ihrer abendlichen Parade vom Meer zu ihren Höhlen auf dem Festland ein, säubern sie und stülpen Pullover über das Gefieder. Ist die Ölpest vorüber, werden die verschmierten Pullover ausgezogen und weggeworfen. "Ich habe Stricklieseln gesucht, die mitmachen", sagt Regenstein.

Jetzt jedoch braucht die Reisebüroleiterin erneut Hilfe, denn ihr Aufruf ist außer Kontrolle geraten: "Ich weiß nicht mehr, wohin mit den Pullovern", sagt sie verzweifelt. Nachdem die Abendblatt-Regionalausgabe Stormarn berichtet hatte, griffen bundesweit Zeitungen, Radio- und Fernsehsender das Thema auf.

Aus ganz Europa gingen Pakete von hilfsbereiten Menschen in Angelika Regensteins Geschäft ein. "Ich habe Pullover aus Island, Belgien, Luxemburg, Liechtenstein, Österreich, der Schweiz, Italien, Spanien, Tunesien und der Türkei bekommen", zählt sie auf. Mit dem Paketboten ist die 64-Jährige mittlerweile per Du. Eine E-Mail erreichte Regenstein sogar aus Atlanta in den USA. "Eine Tageszeitung hat über mich berichtet, und ein Mann, der sich ebenfalls für den Umweltschutz einsetzt, hat mir den Artikel zugeschickt."

+++ Glinderin strickt Pullis für Zwergpinguine +++

Doch jetzt muss Schluss sein mit der Pulloverflut im Reisebüro. "Kunden haben mich schon gefragt, ob ich mein Unternehmen aufgegeben habe, weil sie dachten, das sei jetzt ein Strickgeschäft", sagt Regenstein. So gehe es nicht mehr weiter. Nur noch bis zum kommenden Montag, 10. September, will sie Pinguinpullover annehmen. Dann sollen die rund 100 Umzugskartons, in die sie die Kleidungsstücke bis dahin verpackt haben will, nach Melbourne verschifft werden. "Eine Spedition nimmt die Kartons kostenlos mit", sagt Angelika Regenstein.

Danach will sich die 64-Jährige wieder ihrem Reisebüro widmen. "Ich habe schließlich auch noch einen Beruf", sagt sie. Dazu, diesen auszuüben, kam sie seit dem ersten Zeitungsbericht im April jedoch kaum noch. Etwa 30 Pullover strickte die Glinderin. Dann fand sie dazu nicht mehr die Zeit. "Ich musste Tausende E-Mails beantworten, Pakete auspacken und die Pullis in Umzugskartons umschichten. 30 bis 60 Stunden pro Woche habe ich für die Pinguine gearbeitet", sagt Regenstein. Beschäftigt "ohne Ende" sei sie gewesen. Die meiste Arbeit im Reisebüro lastete während dieser Zeit auf den Schultern ihrer Mitarbeiterinnen.

Doch das Problem ist nicht nur, dass es Regenstein an Zeit und Platz mangelt, um die Aktion fortzuführen. Auch der Phillip Island Nature Park hat inzwischen Einhalt geboten. "Wir sollen aufhören zu stricken, weil es auf der kleinen Insel sonst nicht genug Lagermöglichkeiten gibt."

Heute Abend fährt die Glinderin nach Berlin, um den Geschäftsführer des Nature Parks kennenzulernen und ihm offiziell von den 20 000 Rettungspullovern zu berichten, die sie gesammelt hat.

Im kommenden Jahr will Angelika Regenstein selbst die Insel besuchen. Sie hofft, ihre Pullover dann nicht an echten Pinguinen zu sehen. "Am schönsten wäre es doch, wenn die Tiere gar nicht erst in Gefahr gerieten", sagt sie. Obwohl sicher für jeden Pinguin das passende Kleidungsstück dabei wäre. Pullover mit Norwegermuster, mit Lurexstreifen, mit Rüschen und mit aufgestickten Fliegen hat Angelika Regenstein bekommen. "Während der Fußball-WM war Schwarz-Rot-Gold ein Renner", sagt die Reisebüroleiterin.

Zurzeit tragen Angelika Regensteins diverse Plüschpinguine die Pullover im Reisebüro zur Schau. Für ein besonders schönes Modell hat die 64-Jährige extra ihren Mann Peter "losgeschickt", um einen dazu passenden Pinguin zu kaufen. Das besagte Stück - ein mit Rüschen verzierter, türkisfarbener Pullover - kleidet jetzt Claudia, die neben Karl-Heinz und Claus mit C die Auslage des Geschäfts schmückt. Vor kurzer Zeit hat sich Robert zu ihnen gesellt, ein Pinguin, den eine eifrige Helferin aus Brandenburg selbst gestrickt hat. Als Angelika Regenstein das Stricktier in der Post fand, hatte sie Tränen der Rührung in den Augen. "Diese großartige Hilfsbereitschaft hat mich einfach umgehauen."