Abendblatt-Interview

Über 100 Windparks vor der Küste

BSH-Präsidentin Monika Breuch-Moritz spricht im Abendblatt-Interview über die Herausforderung, Strom in Nord- und Ostsee zu erzeugen.

Hamburg. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg beschäftigt rund 500 Mitarbeiter und ist damit die größte Bundesbehörde in der Stadt. In einem mächtigen Backsteinbau hoch über den Landungsbrücken arbeiten die BSH-Mitarbeiter an vielen verschiedenen Nahtstellen zwischen der maritimen Wirtschaft und staatlichen Genehmigungsverfahren. Dieses Jahr stand im Rahmen der Energiewende der Bundesrepublik vor allem der Ausbau der küstenfernen Windkraftanlagen auf See im Fokus der Arbeit. Ein Interview mit der Präsidentin Monika Breuch-Moritz zu Auswirkungen einer Technik, deren Entwicklung zum großen Teil auch von Hamburg ausgeht und hier auch neue Arbeitsplätze schafft.

Hamburger Abendblatt: Die Energiewende in Deutschland soll auch durch Offshore-Windparks erreicht werden, im Vergleich zu anderen Ländern wie Großbritannien ist die Zahl der geplanten Anlagen aber nicht gerade üppig. Erweist sich das Genehmigungsverfahren durch das BSH hier jetzt als Flaschenhals für die Nutzung der Windkraft auf hoher See?

Monika Breuch-Moritz: Nein, auf keinen Fall. Wir haben bereits jetzt 27 Windparks in Nord- und Ostsee mit insgesamt 1930 einzelnen Windenergieanlagen genehmigt; aber der Bau kommt nicht so schnell voran, es stehen erst ein paar Dutzend Anlagen. Weitere 80 Windparks mit mehr als 6000 Anlagen sind beim BSH beantragt. Das entspricht zehn bis 15 Prozent der Fläche innerhalb der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone, in der solche Anlagen möglich sind. Im übrigen Bereich dieser Zone müssen die Interessen von Schifffahrt, Fischerei, Kiesabbau oder auch Naturschutz beachtet werden.

Aber in Betrieb ist bisher nur ein Windpark in der Nordsee, nämlich "alpha ventus" - in Planung jedoch sehr viel mehr.

Offshore ist eben eine große technische Herausforderung, besonders für die Anlagen, die weit draußen in der See in viel tieferem Wasser als in der Küstennähe geplant werden. Die geplanten Windparks entstehen jenseits der Zwölfmeilenzone in der Nordsee, wo die Bedingungen besonders schwierig sind.

Warum so weit draußen?

Von Anfang an gab es von den Inselgemeinden die klare Forderung, dass man die Windparks auf See von den Stränden aus nicht sehen darf. Andere Länder sind da nicht so streng und bauen deutlich dichter zum Land im flachen Wasser. Und man darf nicht vergessen, wir haben in der Nordsee in Küstennähe ein einzigartiges Wattenmeer, das geschützt werden muss. Das gibt es nur in der deutschen Bucht. Die Welt schaut daher jetzt auf die deutschen Ingenieure, wie sie die Probleme draußen auf See lösen - als Vorbild für andere.

Und sind sie lösbar?

Ich meine ja. Es geht jetzt darum, die Kinderkrankheiten dieser Technik zu beseitigen. Das ist wohl eine größere Herausforderung, als man sich zunächst vorgestellt hatte.

Aber es gibt auch harte Genehmigungsanforderungen hinsichtlich des Naturschutzes. Etwa zum Schutz von Schweinswalen.

Sicher: Beim Rammen der Windparkfundamente müssen bestimmte Werte eingehalten werden, die die Schweinswale nicht schädigen. Das gelingt nicht immer. Daher wird jetzt überlegt, wie man den Rammschall mithilfe technischer Lösungen vermindert. Diese entwickelt die Industrie im Rahmen unserer Anforderungen in entsprechenden Projekten.

Kann es da noch Probleme geben - etwa mit Protesten der Bürger oder Einsprüchen von Naturschützern?

Diese Phase haben wir eigentlich durch Diskussionen in den Genehmigungsverfahren und die verpflichtenden Vorgaben in den Genehmigungsbescheiden erledigt. Auch der Raumordnungsplan trägt zur Konfliktlösung bei. Im Übrigen deutet sich gerade an, dass die Windparks auf See auch ein Gewinn für die Natur sein können, dass etwa Fische dort vermehrt angetroffen werden, ebenso die bereits zurückkehrenden Schweinswale. Wie sich solche Anlagen langfristig auf die Umwelt auswirken, müssen jetzt weitere begleitende Untersuchungen zeigen, an denen sich das BSH beteiligt.

Ist die Offshore-Technik mittlerweile eine der größten Aufgaben ihrer Behörde?

Offshore-Windparks stehen zurzeit zwar stark im Brennpunkt des Interesses, tatsächlich ist dieser Bereich aber ein relativ kleiner Teil unserer Arbeit, auch wenn jetzt die Planung des Offshore-Stromnetzes hinzukommt. Er hat aber eine große wirtschaftliche Bedeutung, die sich auch auf die Werften auswirken kann, und gehört sicher zu unseren spannendsten Themen. Das BSH ist in Hamburg mit hier rund 500 Mitarbeitern immerhin die größte Bundesbehörde vor Ort, wir beschäftigen uns unter anderem mit der Seevermessung, Wracksuche, Erstellung von Seekarten, Zeugnissen für Seeleute, Zertifizierungen zu Sicherheit und zu Umweltschutz auf Seeschiffen, Wasserstandvorhersagen, Sturmflutwarnungen, untersuchen den Umweltzustand von Nord- und Ostsee. Wir verstehen uns da als Dienstleister der maritimen Wirtschaft.

Eine Branche, deren Bedeutung gelegentlich unterschätzt wird?

Vom Binnenland wird die Bedeutung möglicherweise unterschätzt: Man muss sich nur einmal vor Augen führen, dass der deutsche Export hauptsächlich durch die Schifffahrt abgewickelt wird - und jetzt durch die Offshore-Technik eine neues Zukunftsfeld hinzukommt. Die Seevermessung, neue dreidimensionale Darstellungen des Meeresgrundes, elektronische Seekarten, die Untersuchung von Wracks, deren Position sich ja auch verändern kann, die Messung von Strömungen und anderer Parameter im Meer - all dass, was das BSH seit Langem macht, liefert dazu Basiswissen. Wenn man in 40, 50 Meter Tiefe Fundamente für die Windkraft-Pylone errichten will, muss man wissen, was im Meer passiert, wie es dort am und im Boden aussieht. Nur ein Beispiel: In der Nordsee etwa gibt es eiszeitliche Rinnen, die mit Schlick verfüllt sind. Für die Schifffahrt ist es egal, wie der geologische Untergrund ab 20 Meter Tiefe aussieht - aber wenn man dort Fundamente bauen oder Stromkabel verlegen will, dann sieht das schon anders aus, dann werden Kenntnisse des Untergrundes enorm wichtig.

Würden Sie dann sagen, dass das BSH für Hamburgs Wirtschaft die wichtigste Bundesbehörde ist?

Na, da gibt es auch andere. Vielleicht mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung zusammen. Für die maritime Wirtschaft und damit für das Land übernehmen wir aber auch Aufgaben, die nicht so öffentlichkeitswirksam sind, die aber für den Standort schon extrem wichtig sein können.

Zum Beispiel?

Das BSH prüft und zahlt beispielsweise im Rahmen des maritimen Bündnisses den Ausgleich, den Reedereien für deutsche Seeleute bekommen, um Kostenunterschiede zu ausländischen Flaggen auszugleichen. Das ist auch für den Erhalt der Ausbildung in Deutschland wichtig. Häfen wie Hamburg sind darauf angewiesen, dass angehende Nautiker ihre geforderten Fahrtzeiten und ihren Platz an Bord bekommen. Erfahrene deutsche Seeleute werden nicht nur an Bord gebraucht, sie werden auch in den Behörden oder in Funktionen an Land benötigt, bei Landesbehörden, für unsere Vermessungsschiffe, für die Wasserschutzpolizei, den Zoll, zur Kontrolle der Einhaltung von Sicherheitsstandards, eben Leute, die den Bordbetrieb und die Schifffahrt kennen und verstehen. Und das gilt in Zukunft auch für die Offshore-Technik.