Lesen ohne Atomstrom vor AKW Krümmel

Nobelpreisträger Günter Grass kritisiert "käufliche" Regierung

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Nobelpreisträger Günter Grass kritisiert bei der Protestreihe "Lesen ohne Atomstrom" vor dem AKW Krümmel Lobbyisten und Politiker.

Geesthacht. Als Literatur-Nobelpreisträger wurde Günter Grass mit Standing Ovations begrüßt. Zum Abschied bekam er als frisch ernannter Ehrenbauer der „Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg“ einen Sack Kartoffeln geschenkt. Beides nahm er mit der gleichen landesväterlichen Gelassenheit entgegen.

Grass war gekommen, herabgestiegen aus dem Kultur-Olymp, um Lobbyisten, Politikern, bösen Medien und noch böseren Energiekonzernen vor Ort die Leviten zu lesen. Aus eigenen Werken, natürlich. Hunderte waren gekommen, um ihm dabei zuzuhören. Ausgerechnet hier, weitab vom literarischen Betriebsgenudel der großen Stadt, der gern für sich bleibt und theoretisch über Bücher und das Leben an sich sinniert. Grass, 83, gut beieinander und gelaunt, wollte hier voll hinein ins Wahre und Praktische. Damit ist er groß geworden und berühmt, so ist er alt geworden und bissig geblieben.

Geesthacht, Elbuferstraße, an einem sonnigen Sonntagmorgen. Das Leben vor den Toren Hamburgs könnte schön sein, ganz unbeschwert und gefahrenfrei. Neben dem Veranstaltungszelt auf einem Parkplatz am Elbufer gibt es Mettbrötchen, Saft und Kaffee. Auf der anderen Straßenseite, im Restdunst des Morgens, steht das abgeschaltete AKW Krümmel. Symbol für die Gefahr, die vom Wort „Restrisiko“ ausgeht.

Es ist Tag drei von „Lesen gegen Atomstrom“, einer von unten organisierten Protestreihe, die ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl drastisch Einspruch einlegt. Feridun Zaimoglu soll bei seiner Lesung im Schanzenviertel gesagt haben, er hasse Atomkraft. Am Vorabend war Nina Hagen hier gewesen. Zwei Stunden Programm, zwei Stunden Signieren. Mit Mutter Eva-Maria Hagen hat sie „Sag mir, wo die Blumen sind“ gesungen, ihre Meinung zum Krümmel-Betreiber Vattenfall: „Das sind alles Verbrecher.“ Der Frontverlauf ist sehr klar, und das Publikum ist wie aus dem Demo-Bilderbuch von „Deutschland 21“. Kleinfamilien neben Großeltern, viele in Ehren ergraut, die schon in früheren Jahrzehnten aktiv dagegen waren. „Atomkraft? Nein Danke!“-Anstecker scheinen Pflicht zu sein, Ältergediente oder Weitergereiste haben welche auf Französisch, Platt oder sogar Japanisch am Revers oder neben dem bunten Tuch.

Den symbolträchtigen Auftritt um fünf vor zwölf verpasst Grass, doch kurz nach zwölf Uhr betritt er die Bühne, über der ein Plakat der späteren Erdäpfel-Verschenker daran erinnert, dass Atommüll nicht nach Gorleben gehört. Grass – Cordhose Modell Dichterdenker, bequemes Sakko, Aktentasche für die Manuskripte – kennt seine Rolle, hat sie drauf und genießt sie auch, während er gestenreich und mit gut abrollendem „Rrr“ seine Meisterschaft als Rhetor auffächert. Doch bevor er beginnt, wird er einige Momente grundsätzlich. „In den Jahren nach den Atombombenabwürfen war es für mich und viele meiner Generation selbstverständlich, gegen die Atombombe zu sein“, beginnt seine kleine Rede. „Damals begann auch die Diskussion, ob es nicht eine friedliche Nutzung der Atomenergie geben könne. Und wie selbstverständlich war ich gegen die Bombe und für eine friedliche Nutzung, ohne mir vorstellen zu können, sträflicherweise, dass alles zusammenhängt. Erst im Verlauf der Jahre reifte bei mir das Misstrauen gegenüber dem Leben mit dieser Technologie.“

Grass liest den „1955“-Abschnitt aus „Mein Jahrhundert“, das fast kafkaeske Kapitelchen über einen Mann, der sich aus Angst vor dem Strahlentod einen Atombunker bauen will und dabei ganz ohne Strahlung umkommt. Anschließend aus dem Anfang seines jüngsten Buchs „Grimms Wörter“, in dem es um Widerstandskräfte in der Gesellschaft geht, oder eher die fatalen Folgen des Fehlens selbiger. Anschließend wiederholt er, was er an diesem Wochenende in einem exklusiven Abendblatt-Interview gefordert hatte: eine Bannmeile gegen Lobbyisten um den Bundestag.

„Der Naivste begreift mittlerweile, wie käuflich die Regierung geworden ist. In unserem Land ist Korruption weit verbreitet und sanktioniert. Wir können seit Jahren beobachten und nachweisen, dass das von uns gewählte Parlament auf verfassungswidrige Art und Weise von einer immer mächtiger werdenden Lobby beeinflusst wird, bis in die Ministerien hinein“, empört sich der bekennende Sozialdemokrat ohne Parteibuch. „Wir sind Gefangene geworden, in einer Demokratie, von einer Lobby, die durch nichts legitimiert ist, einen derartigen Einfluss auszuüben.“

Grass’ Gesprächspartner, der frühere Deutschlandfunk-Chefredakteur Rainer Burchardt, kommt kaum noch hinterher mit dem servilen Stichwortreichen, so weit oben ist Grass mittlerweile auf der Palme. Deutliche Worte en masse. Sollen doch andere kuscheln, also kuschen. Grass hat seine Betriebstemperatur erreicht, und damit auch das Ziel dieser Veranstaltung, die Literatur als Mittel zum Zweck einsetzt, nicht nur als Selbstzweck. Kurze Pause, Pfeifchen und einen Kaffee, danach eine lange Schlange vor dem Signiertisch, und zum Abschluss noch der Fototermin fürs Feindbild: Literatur-Nobelpreisträger mit Wendländer Kartoffelsack vor abgeschaltetem AKW. Wir leben in bewegten Zeiten.

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