Futtermittel-Skandal

Dioxin auch in Hamburg: Schweinefutter sichergestellt

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abendblatt.de

Das verseuchte Fett soll auch von Harles und Jentzsch in Uetersen stammen. Belieferte Mastbetriebe wurden bereits informiert.

Hamburg/Hannover/Kiel. Die Hamburger Gesundheits- und Verbraucherschutzbehörde hat bei einem Futtermittelhersteller in Hamburg dioxinhaltiges Schweinefutter sichergestellt. „Die Chargen waren für Schweine bestimmt“, sagte Behördensprecher Rico Schmidt. Das mit Dioxin verseuchte Fett soll ebenfalls von dem Uetersener Unternehmen Harles und Jentzsch stammen. Schweinemastbetriebe, die bereits Lieferungen aus Hamburg bekommen hatten, wurden laut Schmidt informiert. Der Anteil des verseuchten Fetts war mit vier Prozent am Futtermittel laut Behörde nur gering. Die Grenzwerte für Dioxin seien weit unterschritten worden, so der Sprecher

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Möglicherweise mit Dioxin belastete Eier kann man am Erzeugercode erkennen. Bei Eiern mit den Codes 2-DE-0350121 und 2-DE-0350372 liege der Dioxinwert über dem zugelassenen Grenzwert, sagte Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Expertin verwies dabei auf Erkenntnisse des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen aus Bonn. Die Eier stammen nach dessen Angaben von zwei Betrieben in Niedersachsen. Wahrscheinlich würden in Kürze weitere betroffene Höfe und deren Erzeugercodes bekannt, sagte Schwartau. Die Codes auf den Eiern sind der einzige Hinweis auf eine Verseuchung mit Dioxid, denn das Gift lässt sich nur im Labor und nicht zu Hause nachweisen.

Wer ein mit Dioxin verseuchtes Ei gegessen habe, müsse sich aber deshalb keine Sorgen machen, sagte ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung. Die bislang ermittelten Dioxingehalte seien "natürlich nicht gut", stellten aber „keine akute Gesundheitsgefahr für Verbraucher“ dar. Selbst ein Kind mit einem Körpergewicht von 15 Kilogramm könne das bislang am stärksten belastete Ei verzehren, ohne die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegte tägliche duldbare Dioxinmenge zu erreichen.

Das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat ein Bürgertelefon eingerichtet. Drei Mitarbeiter beantworten täglich von 8 bis17 Uhr die Fragen der Anrufer unter der Nummer 0441 – 570 26 333.

Offenbar wurde das Mischfett aus der Biodieselherstellung schon seit mehreren Jahren zu Viehfutter verarbeitet, obwohl es eigentlich klar für den technischen Gebrauch gekennzeichnet war, etwa für die Herstellung von Schmiermitteln. Dioxin komme aber üblicherweise bei der Produktion von Biodiesel nicht vor, sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover, Gert Hahne.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) geht beim neuen Futtermittelskandal von einem bewussten Missbrauch der Fettreste aus. „Die Erklärungsversuche von Seiten der Verursacher sind aus meiner Sicht wenig glaubwürdig“, sagte sie der "Bild"-Zeitung (Mittwochsausgabe). Angeblich will die Futtermittelfirma nicht gewusst haben, dass die im Viehfutter verwendeten Fette technische Schmierfette waren. „Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel aus Palm-, Soja- und Rapsöl anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet ist,“ sagte Siegfried Sievert, der Geschäftsführer von Harles und Jentzsch, dem „Westfalen-Blatt“.

„Wir brauchen jetzt schnell Klarheit“, sagte Aigner. „Das ist ein Fall für die Justiz. Ich begrüße es, dass sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat.“ Die Staatsanwaltschaften von Niedersachsen und Schleswig-Holstein ermitteln, die Staatsanwaltschaft in Itzehoe sogar direkt gegen den Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch.

Die Futtermittelfirma Harles und Jentzsch aus Uetersen hat Mischfettsäure bei einem holländischen Händler geordert, der diese von einer Biodieselanlage der Firma Petrotec im niedersächsischen Emden kaufte. Von dort ging die Säure direkt an einen Betrieb in Bösel (Niedersachsen). Dort wurde aus der Säure und anderen Stoffen eine Fettmischung produziert. 527 Tonnen dieser Mischung verkaufte die Firma aus Uetersen als Grundstoff an sieben Tierfutterhersteller in Niedersachsen, drei in Nordrhein-Westfalen und jeweils einen Hersteller in Hamburg und Sachsen-Anhalt. Von diesen Herstellern ging die verseuchte Ware kreuz und quer durch Deutschland und wurde bundesweit an Legehennen, Puten, Schweine und Ferkel verfüttert.

Die Biodieselfirma Petrotec ist bestürzt, dass Reste aus ihrer Ölherstellung zu Futtermitteln verarbeitet worden sind. „Wir haben in sämtlichen Verträgen, Lieferscheinen und Rechnungen stets darauf hingewiesen, dass die Mischfettsäure aus Altspeisefett nicht für die Lebens- und Futtermittelindustrie, sondern ausschließlich zur technischen Verwendung bestimmt ist“, sagte ein Unternehmenssprecher. Petrotec leiste durch die Produktion von Biodiesel aus Altspeisefetten einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz: „Daher sind wir sehr betroffen, dass nun offensichtlich durch ein anderes Unternehmen unser Produkt missbräuchlich verwendet wurde.“Der Geschäftsführer der Futtermittelfirma Siegfried Sievert hatte die Biodiesel-Anlage von Petrotec als Quelle des Dioxins genannt. Die Petrotec AG erklärte, sie prüfe, ob sie rechtlich dagegen vorgehen werde.

Niedersachsen sperrte gestern vorsorglich 1000 Bauernhöfe. In Sachsen-Anhalt erhielten vier Betriebe ein Verkaufsverbot, in Nordrhein-Westfalen wurden 8000 Legehennen getötet. Allein von diesem Hof sollen mehr als 100.000 Eier im Handel sein. „Das ist schon ein Skandal, und hier muss es jetzt auch die Diskussion über politische Konsequenzen geben“, sagte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) im ARD-Morgenmagazin. Die Schließung weiterer Betriebe sei möglich. Zu den Risiken für die Verbraucher sagte Remmel: „Wir haben, glaube ich, keine akute Gefährdung, aber Dioxin gehört einfach nicht in die Nahrung. Es gibt ja auch nicht umsonst die Grenzwerte. Dioxin ist gesundheitsgefährdend und kann Krebs auslösen.“ Wie viele dioxinbelastete Eier oder Hähnchen bundesweit schon verzehrt wurden, ist unklar.

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Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium werde versuchen, bereits ausgelieferte Produkte aus dem Handel wie aus der Lebensmittelindustrie zurückzuholen, sagte Sprecher Gert Hahne: "Mindestens der größte Teil der Verzehreier ist aber inzwischen weg." In Niedersachsen geht es nach bisherigem Stand um eine tägliche Eierproduktion von 400.000 Stück. Bislang habe man landesweit bei 34 Proben in 18 Fällen Dioxin gefunden, so Hahne. Der Grenzwert für Dioxin sei dabei in einem Fall überschritten worden. Die Sperrung diene dem Verbraucherschutz: "Wir vermuten keine elementare Gefährdung der Bevölkerung, aber wir können sie auch nicht ausschließen." Eine öffentliche Nennung der 1000 Betriebe lehnte Hahne unter Hinweis auf den Datenschutz ab: "Durch unsere Maßnahmen ist aber gewährleistet, dass aus diesen Betrieben nichts rauskommt, was vorher nicht gründlich untersucht worden ist."

Für Schleswig-Holstein gab das Umweltministerium vorerst Entwarnung. "Nach jetzigem Kenntnisstand sind keine Futtermittelhersteller oder landwirtschaftlichen Betriebe in Schleswig-Holstein mit belasteter Ware beliefert worden."

Die Agrarminister der Länder verständigten sich gestern in einer Telefonkonferenz darauf, die genauen Vertriebswege des Dioxin-Futters aufzuklären. Erschwert wird dies durch eine späte Information aus Kiel. Die Futtermittelfirma Harles und Jentzsch hatte bereits am 23. Dezember bei einer Routinekontrolle die Belastung festgestellt und noch am selben Tag das Kieler Umweltministerium alarmiert. Über die Weihnachtstage passierte allerdings nichts. Erst am 27. Dezember gab das Ministerium das Dioxin-Ergebnis als "Schnellwarnung" an die anderen Bundesländer weiter. Danach schauten die Futtermittelkontrolleure sich in Uetersen um. In dem Futtermittelbetrieb wurden etwa 100 Proben gezogen. Die Ergebnisse sollen in den nächsten Tagen vorliegen.

Das Umweltministerium in Hannover hat die Oldenburger Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Man prüfe auch die Frage, ob es um wirtschaftliche Vorteile gegangen sein könne beim Verkauf von solchen Abfallprodukten. Hintergrund: Pflanzliche Mischfettsäuren, die zu Tierfutter verarbeitet werden, sind teurer als Industriefette. In Deutschland werden jährlich fünf Millionen Tonnen Mischfutter an Legehennen und vor allem Mastgeflügel verfüttert. Das Spezialfutter hat einen Fettanteil von 15 bis 20 Prozent und wird eingesetzt, damit Hühner und Puten schneller wachsen. Getreide hat einen Fettanteil von nur drei bis vier Prozent.

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