Ostseeküste: Hamburger Forscher haben rekonstruiert, warum 1872 ganze Landstriche verwüstet wurden

Das Rätsel einer Jahrtausendflut - nach 136 Jahren gelöst

271 Menschen starben, Zehntausende Tiere ertranken, zahllose Schiffe versanken. Mit Computerhilfe wurden jetzt die Daten von 175 Messstationen ausgewertet. Ergebnis: Es handelte sich um ein einzigartiges Wetterphänomen.

"Die von der Sturmflut an den Küsten Neuvorpommerns, Mecklenburgs, Schleswig-Holsteins, in den lübeckischen und oldenburgischen Strandortschaften angerichteten Verwüstungen sind ungeheuer und in ihrem Umfang noch gar nicht zu ermessen. Viele Menschenleben gingen verloren." (Leipziger "Illustrierte Zeitung", 14. Dezember 1872)

Die Rede ist von einem Ereignis, das Jahrhunderte zuvor und bis heute einzigartig ist: die Ostseesturmflut vom 13. November 1872. Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) haben die stürmischen Tage, die zu der Jahrtausendflut führten, im Computermodell rekonstruiert. "Wir wollen besser verstehen, wie stark die einzelnen Faktoren dazu beitrugen, dass der Hochwasserpegel damals fast doppelt so hoch war wie die nächsthöheren Fluten", sagt Gudrun Rosenhagen, die das DWD-Projekt leitet. Sie stellt die Ergebnisse am Mittwoch auf einer Fachtagung in Rostock erstmals vor. Im nächsten Schritt können die Winddaten in Meeresmodelle einfließen. Rosenhagen: "Dann lässt sich abschätzen, was wäre, wenn so ein Sturmflutereignis heute passiert."

Die Menschen an der Ostseeküste würde eine solche Flut heute wohl ähnlich hart treffen wie die Vorfahren anno 1872. Denn der Küstenschutz war und ist bis heute nicht vergleichbar mit den hohen Deichen, Sperrwerken und Wellenbrechern an der sturmerprobten Nordsee.

"Bei Lübeck schwoll die sonst ruhig dahinfließende Trave schon am 12. so an, daß die Wellen das Bollwerk überfluteten, noch in der darauffolgenden Nacht überschwemmte das Wasser die zum Fluß hinabführenden Straßen und stieg am 13. höher und höher. Das ganze Flußbett vom Eingang des Hafens bis zur Holstenbrücke war mit schwimmenden Fässern, Ballen, Waaren aller Art bedeckt. (...) Von einem traurigen Geschick wurden meist die in den Kampf der tosenden Elemente hineingerissenen Schiffe ereilt. ("Illustrierte Zeitung", 14. Dezember 1872)

Die Ostseeflut von 1872 gilt als ein so einzigartiges Ereignis, dass die Kosten eines Küstenschutzes, der sich an einer solchen Flut orientiert, angesichts der geringen Eintrittswahrscheinlichkeit unangemessen hoch wären.

Schließlich ist die Ostsee von Natur aus eher ein sanftes Meer - und war es auch bis unmittelbar vor der großen Flut: "Die Erhebungen des Wasserspiegels, welche durch Stürme hervorgebracht zu werden pflegen, beliefen sich bisher durchgängig nur auf einige Fuß. Durch diese im Verlauf von Jahrhunderten eingehaltene Regel sicher gemacht, hat sich die Küstenbevölkerung vertrauensselig dem Meere genähert", schreibt die "Illustrierte Zeitung" - die Hochwasserkatastrophe traf die Küstenbewohner völlig unerwartet.

Ihr Vertrauen zur Ostsee wurde bitter gerächt: Nach Überlieferungen verloren 271 Menschen ihr Leben, mehr als 15 000 wurden obdachlos, Zehntausende Nutztiere ertranken, unzählige Schiffe kenterten, und es gab großflächige Landverluste. Die Sturmflut kam zudem in der Nacht, auch deshalb forderte sie relativ viele Opfer. In manchen Ostseeorten erinnern Flutmarken noch heute an das grauenvolle Ereignis.

"Traurig sieht es in dem kleinen Ostseebad Niendorf aus. (...) Zwölf Wohnhäuser des Dorfs sind völlig vom Erdboden verschwunden, nicht ein Pfahl, nicht ein Ziegelstein kennzeichnet mehr ihren Standort. Eine Anzahl anderer Gebäude ist eingefallen oder dem Einsturz nahe. Erschütternde Scenen sollen sich hier während der Ueberschwemmung abgespielt haben. Zwei Familien, die sich auf die Dächer ihrer Häuser geflüchtet, wurden mit den losgerissenen Bedachungen fortgeschwemmt und nur durch die aufopfernde Hülfe ihrer Nachbarn auf Booten gerettet. Auf wunderbare Art sind zwölf andere Menschen am Leben geblieben; das eingestürzte Dach hielt einen darunter befindlichen Heuhaufen stundenlang zusammen, sodaß die auf dem Heu sitzenden Personen noch glücklich weggeholt werden konnten." ("Illustrierte Zeitung, 14. Dezember 1872)

Es braute sich aus einer unheiligen Abfolge aus speziellen Wetterlagen zusammen: Zunächst lag vom 1. bis 10. November 1872 ein Tiefdruckgebiet über dem Nordmeer und Skandinavien. Es sorgte für westliche Winde, und das ungewöhnlich lange. Der starke Wind presste viel Nordseewasser durch Skagerrak und Kattegat in die Ostsee und weiter ostwärts. Dadurch geriet das Meer in "Schräglage": Die Wassermassen wurden von der westlichen in die östliche Ostsee gedrückt und dort angestaut. Am zehnten November stellte sich die Wetterlage um, der Winddruck ließ nach. Als Folge "schwappte" das Ostseewasser zurück nach Westen.

Zusätzlich drehte der Wind: Am 13. November gab es einen extremen Luftdruckunterschied zwischen einem Hoch über Mittelskandinavien und einem Tief über der Lausitz. Er führte zu einem schweren Nordoststurm, der Orkanstärke erreichte und das rückströmende Wasser zusätzlich nach Westen drückte - "mit kräftigem Windstau und hohem Seegang erreichte die Hochwasserkatastrophe ihren Höhepunkt", so Rosenhagen.

Doch welche Anteile hatten die unterschiedlichen Wetterlagen daran, dass es zu einem derart vernichtenden Hochwasser kam? Um dies besser verstehen zu können, wollten die DWD-Wissenschaftler heutige Computermodelle der Wettervorhersage nutzen. Dazu brauchten sie vor allem Winddaten. Die wurden damals aber nur lückenhaft und sehr vage erhoben. Denn die Wetterbeobachtung befand sich gerade erst in den Kinderschuhen. Die Norddeutsche Seewarte wurde zum Beispiel 1868, also nur vier Jahre vor dem Ereignis, gegründet.

Mangels Winddaten behalfen sich die Meteorologen mit Luftdruck-Messungen und baten Kollegen aus halb Europa, in ihren Archiven nach entsprechenden Werten zu stöbern. Rosenhagen: "Wir erhielten von mehr als 175 Stationen Messwerte des Luftdrucks und der Temperatur von November 1872 - vom Nordkap bis Italien, von Irland bis zur Ukraine."

In einer Detektivarbeit entzifferte das DWD-Team die historischen Aufzeichnungen und brachte sie auf einen gemeinsamen Nenner. Es bildete damit die Luftdruckverhältnisse für ganz Nord- und Mitteleuropa ab, berechnete daraus die Windströmungen. Die errechneten Windstärken und -richtungen wurden in die Wettermodelle eingespeist und aus ihnen Windfelder erstellt. Diese zeigen mit Pfeilen Richtung und Geschwindigkeit des Windes an. Werden nun Gewässermodelle mit den Winddaten gefüttert, lassen sich Strömung, Seegang und Wasserstände für die ungewöhnliche Wetterlage simulieren.

Ein Probelauf mit Modellen des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrografie bestätigte die Rekonstruktion der Windverhältnisse: Die mit heutigen Modellen errechneten Pegelwerte stimmen gut mit den zeitgenössischen Messungen überein. Damit wird eine Flutkatastrophe, die vor 135 Jahren die Menschen an der Ostsee heimsuchte, mit heutigen Mitteln virtuell nachgebildet.

"Hochschulen entlang der Ostsee, aber auch die Universität Siegen - deutschlandweit führend bei statistischen Verfahren in Bezug auf Wasser - wollen unsere Daten nutzen", sagt Rosenhagen. Sie könnten dann auch den steigenden Meeresspiegel als Effekt der voranschreitenden Erderwärmung berücksichtigen. Mögliche Einflüsse des Klimawandels auf das Wettergeschehen seien dagegen noch zu vage vorherzusehen, als dass sie in Berechnungen einfließen könnten, warnt die DWD-Expertin.

" Am Morgen des 12. erhob sich der Orkan mit verstärkter Gewalt, und schon um 7 Uhr stand der ganze Ort unter Wasser. (...) Aus den Parterrewohnungen flüchteten die Bewohner zunächst in die obern Geschosse, ihr Hab und Gut dem Element zum Raube lassend. (...) In Booten eilte man herbei, die so schwer Bedrohten in Sicherheit zu bringen; auf den Armen kräftiger, muthiger Männer wurden die Frauen und Kinder aus den unter Wasser gesetzten Häusern gerettet, was in nicht seltenen Fällen nur mit eigener höchster Lebensgefahr geschehen konnte." ("Illustrierte Zeitung", 14. Dezember 1872)

Die Simulationen zur historischen Sturmflut könnten neue Erkenntnisse für den modernen Küstenschutz liefern - und das Risikobewusstsein schärfen. Das gilt auch für den Sturmflutwarndienst. Er ist heute ein Satelliten- und mit allerlei weiteren Wetterdaten gestütztes Vorwarnsystem, das seine Informationen in der Kommunikationsgesellschaft schnell und weit verbreiten kann. Ganz anders 1872. Damals beruhte der "Warndienst" auf spärlichem Personal - und versagte kläglich. "Leider hatten die Wächter versäumt, die Leute zur rechten Zeit zu warnen, sie liefen in ihre Wohnungen, nur um Rettung ihres Eigenthums besorgt", tadelte die "Leipziger Illustrierte" und nannte dies "ein Beispiel des Egoismus und der Pflichtversäumniß".