Forschung: Wetterfühligkeit ist keine Einbildung: Wissenschaftler sind den auslösenden Faktoren auf der Spur

Warum uns das Wetter unter die Haut geht

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Angela Grosse

Sicher ist: Veränderungen des Luftdrucks allein sind es nicht, die Beschwerden wie Kopfschmerz, Mattigkeit oder Schwindel auslösen. Auch elektromagnetische Impulse könnten eine Rolle spielen.

Hamburg. Noch geht es den Wetterfühligen, und das ist jeder zweite Deutsche, gut. Doch das kann sich bald ändern. Denn das stabile Hochdruckgebiet, das uns gegenwärtig umgibt, wird gegen Ende der Woche schwinden. Die Meteorologen erwarten mildere Luft von Südwest.

Wetterfühligkeit ist, auch wenn Skeptiker das glauben, keine Einbildung. Der Begriff findet sich sogar im Lexikon. Unter "Wetterfühligkeit, Meteoropathie" versteht man "durch den Einfluss des Wettergeschehens bedingte Beeinträchtigung des Wohlbefindens und des Gesundheitszustandes", schreibt der Brockhaus. Und auch wenn das nicht als Krankheit gilt, hat Wetterfühligkeit durchaus Krankheitswert.

Die Palette der Beschwerden ist groß. Sie umfasst Kopfschmerzen, Unwohlsein, Schwindel, Mattigkeit, Schlafstörungen, Nervosität, Müdigkeit, Übelkeit oder Verstimmungen bis hin zur zeitweiligen Depression. "Sobald ein Tiefdruckgebiet kommt, habe ich Kopfschmerzen, wenn hingegen ein Hochdruckgebiet im Anzug ist, ist es nicht so schlimm", erzählt Karin Schmidt (36).

Sie hat niedrigen Blutdruck. Und der "sinkt noch weiter, wenn ein Tiefdruckgebiet kommt", sagt Dr. Klaus Bucher, der die Abteilung "Medizin-Meteorologie" beim Deutschen Wetterdienst in Freiburg leitet. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die sich mit dem relativ jungen Forschungsgebiet befassen.

Die bisherigen Untersuchungen förderten zutage, dass insbesondere der schnelle und intensive Wechsel von Hochdruck- und Tiefdruckgebieten, die mit unterschiedlichen Temperaturen und Feuchtigkeitsgehalten daherkommen, den Organismus herausfordern. "Vor allem im Norden Deutschlands treten Wetterwechsel häufig auf, im Süden belastet eher Hitze den Organismus", sagt Klaus Bucher. Das könnte allerdings auch bald für den Norden gelten, denn im Zuge des Klimawandels wird auch Norddeutschland häufiger von Hitzeperioden heimgesucht werden.

"Es gehört aber schon eine gewisse Sensibilität dazu, wenn Menschen das Wetter in ihrem Körper spüren. Dabei nimmt mit zunehmenden Alter die Wetterfühligkeit zu", sagt der Meteorologe. Frauen litten zudem häufiger als Männer - das jedenfalls zeigen Umfragen, die den Zusammenhang von Wetter und Gesundheit erfassen.

Davon gibt es weltweit inzwischen Tausende. Nur eines haben sie immer noch nicht zutage gefördert: Was genau einen Menschen wetterfühlig macht. Das herauszufinden ist auch schwierig, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Die Wissenschaftler müssen zunächst Faktoren finden, die das Wettergeschehen hervorruft. Diese müssen Hindernisse wie Mauern oder Glasscheiben durchdringen können - und dann müssen wir sie mit unseren Sinnesorganen überhaupt wahrnehmen können.

Bislang ist daher nur eines klar: Die Reaktionen des Körpers auf Wetterlagen lassen sich nicht auf einen einzigen Faktor zurückführen.

Lange war spekuliert worden, ob die Veränderungen des Luftdrucks, die an jedem Barometer gut verfolgt werden können, den Ausschlag geben. Schließlich verändert sich die Last von 20 Tonnen Luft, die auf einem Erwachsenen im Mittel ruht, beim Durchzug eines Tiefdruckgebietes kurzfristig um rund eine halbe Tonne. Aber keine Studie konnte die zentrale Rolle der Luftmassen erhärten.

"Das ist auch nicht verwunderlich. Wer mit einem Fahrstuhl in den obersten Stock eines 20-stöckigen Hochhauses fährt, erlebt mehr Luftdruckwandel und leidet ja auch nicht an Wetterfühligkeit", sagt Klaus Bucher.

Vielmehr sind auch Temperatur, Windstärke, Luftfeuchte und Bewölkungsgrad entscheidend. Vor allem das Licht macht uns zu schaffen. "So zeigten Versuche, dass Lichtmangel die Produktion des Schlafhormons Melatonin steigert, während die Konzentration des Serotonins sinkt." Menschen, die sich selten im Hellen aufhalten, haben also weniger "Glückshormone". Das könnte den Trübsinn erklären, der manche Menschen angesichts von Dauerregen oder eines grauen Winterhimmels befällt. "Zudem kann das diffuse Licht, das oft der erste Bote ist, wenn ein Tiefdruckgebiet heranzieht, Migräne und Schwindel auslösen", so Klaus Bucher. Augen und Gehirn fällt es offenbar schwer, sich dann richtig zu orientieren.

Die Forscher haben noch einen weiteren möglichen Auslöser im Visier: Sferics. Vor Gewittern machen sich elektromagnetische Impulse, die Sferics, in der Atmosphäre bemerkbar - im Radio hören wir sie als Knacken. "Sie verändern, wie Experimente zeigen, die Gehirnströme. Dabei wurden bei den Menschen, die nicht wetterfühlig sind, geringere Veränderungen im Gehirn gemessen", berichtet Klaus Bucher. Konkret verändern sich die Alpha-Wellen. Doch was das bedeutet, ist noch unklar. Genauso unklar ist auch der Einfluss von kurzfristigen Luftdruckschwankungen, die nicht einmal von einem Barometer erfasst werden können. "Die niederfrequenten Luftdruckschwankungen, die offenbar von den Druckrezeptoren im Körper registriert werden können, scheinen Auswirkungen auf den Blutdruck zu haben", formuliert Bucher äußerst vorsichtig.

"Grundsätzlich", sagt Angela Schuh, Autorin und Professorin für Medizinische Klimatologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, "zeigt Wetterfühligkeit an, dass der Körper nicht ausreichend trainiert ist. Wenn Sonne und Wolken sich schnell abwechseln, muss unser Wärmeregulationssystem, das die Körpertemperatur auf etwa 37 Grad Celsius hält, mehr arbeiten. Das ist auch eine Herausforderung für das Herz-Kreislauf-System. Sie wird umso besser bewältigt, je besser die Warm-kalt-Umstellung trainiert ist. Doch durch das Einheitsklima in Büro und Wohnungen fehlt das natürliche Trainingsprogramm." Wer also unter Wetterfühligkeit leidet, sollte seinen inneren Wetterfrosch unbedingt fit machen. Bewegung an frischer Luft ist ein erster Schritt.

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