Islamwissenschaft: Ex-Chef des deutschen Orient-Institutes in der Kritik

Geschichten wie aus "1001 Nacht"

Seit Monaten tobt ein Machtkampf um das Deutsche Orient-Institut, einst Top-Adresse für alle Fragen zum Nahen Osten. Jetzt streiten sich die Kontrahenten über 3000 Gutachten eines Hamburger Rechtsanwaltes zu Asylfragen - waren sie von "mangelhafter Qualität"?

Das Deutsche Orient-Institut (DOI) am Jungfernstieg war seit Jahrzehnten bundesweit die Top-Adresse zu allen Fragen des Nahen Ostens. Auch Gerichte wandten sich an dieses Institut. Urteilten sie in Asyl- und Duldungsverfahren möglicherweise auf Grundlage von Gutachten von "extrem mangelhafter Qualität", wie nicht nur die Menschenrechtsorganisation "Pro Asyl" kritisiert? Mehr als 3000 Gutachten fertigte ein Hamburger Rechtsanwalt, Experte für Medizinrecht, im Auftrag von Prof. Udo Steinbach an. Dieser war bis zum 1. Januar 2007 Direktor des Deutschen Orient-Instituts, jetzt leitet er das Institut für Nahost-Studien in Hamburg. Wie oft lag der Jurist, der nur freiberuflich für das Orient-Institut tätig war, daneben? Wie oft schrieb er Expertisen, die "keinen sachlichen, wissenschaftlichen Charakter" haben, wie der Münchner Rechtsanwalt Wolf Thilo von Trotha kommentiert?

Rechtsanwalt von Trotha vertrat vor dem Verwaltungsgericht Augsburg einen syrischen Kläger und sah sich mit einem Gutachten des Hamburger Rechtsanwaltes Uwe Brocks konfrontiert. In seinem Gutachten erklärte Brocks, dass der syrische Kläger ganz offensichtlich versuche, seine wirkliche Herkunft zu verschleiern. Begründung: "Mit der Ortsangabe ,Maidanky' können wir nichts anfangen, wir haben einen solchen Ort in dem uns vorliegenden Kartenmaterial (. . .)" nicht gefunden. Maidanky ist auf "jeder besseren Landkarte zu finden", empört sich von Trotha. Es waren nicht die einzigen Fehler, wie ein Schreiben von "Pro Asyl" an Prof. Steinbach offenbart. In diesem listet die Organisation mehrere Fälle auf und fragt Steinbach, ob diese von Herrn Brocks unterzeichneten Stellungnahmen mit seiner Billigung entstanden seien, "und ob Sie deren fachliche Qualität so einschätzen, dass sie den Ansprüchen des DOI genügen". Kein Wunder, sagen Eingeweihte, manche Gutachten lesen sich eher wie Geschichten aus "1001 Nacht".

"Die Gutachten tragen nicht nur das Siegel des Deutschen Orient-Instituts. Herr Brocks hat mir die Gutachten monatlich mit einer summarischen Angabe des Inhalts vorgelegt. Die habe ich dann geprüft, und erst dann ist er damit zu den Gerichten gegangen", sagt Udo Steinbach im Gespräch mit dem Abendblatt. Dieses Verfahren sei 14 Jahre lang praktiziert worden. 1994 habe er Herrn Uwe Brocks gebeten, die Bearbeitung der Anfragen zu übernehmen. "Schließlich hat er sich als Mitarbeiter von Dr. El-Gebali seit 1988 mit diesen Anfragen befasst. 1993 kehrte der Experte für arabisches Recht nach Kairo zurück. Die Lücke füllte Herr Brocks, er konnte sich stets auf die Expertise des Instituts stützen."

Natürlich könne man sich "hier und da mal irren", räumt Steinbach ein. Es habe aber nur einige wenige Gutachten gegeben, wo man nicht richtig lag oder Diskussionsbedarf bestanden hätte. Ihn ärgert, dass die Qualifikation von Herrn Brocks nie bezweifelt worden sei, "wenn Herr Brocks zu einem für die Asylbewerber günstigen Einschätzungen gelangte".

Udo Steinbach wird bald noch mehr Grund zum Ärgern haben. "Wir haben alle deutschen Gerichte informiert, dass unser Name ohne unsere Kenntnis gebraucht worden ist", sagt Helene Rang im Gespräch mit dem Abendblatt. Die Vorstandsgeschäftsführerin des "Nah- und MittelOst-Vereins" (Numov), unter dessen Dach 1960 das Deutsche Orient-Institut von der Deutschen Orient-Stiftung gegründet worden ist, ist über die Gutachtertätigkeit empört. "Wir wussten nichts davon, obwohl wir zuständig sind. Steinbach hätte uns informieren müssen." Die Akten, die ihr die Augen öffneten, fand die resolute Unternehmensberaterin kürzlich zwischen den 37 000 Bänden der bundesweit größten Spezialbibliothek für gegenwartsbezogene Nahoststudien - und zwar beim Umzug des Orient-Instituts von Hamburg nach Berlin (wir berichteten).

Diesem waren schier unglaubliche (Schlamm-)Schlachten und Intrigen vorausgegangen. Es geht um Macht, Einfluss und Geld. Ihren Anfang nahm die unselige Geschichte 2005. Damals riet eine Experten-Kommission der Leibniz-Gemeinschaft, alle vier Hamburger Übersee-Forschungsinstitute - das Institut für Afrika-Studien, das Institut für Asien-Studien, das Institut für Lateinamerika-Studien und eben das Deutsche Orient-Institut - zusammenzuführen. Es folgten viele Gespräche. In diesen trat Helene Rang entschieden dafür ein, dass das Deutsche Orient-Institut nicht sang- und klanglos im "Deutschen Institut für Globale und Regionale Studien" (kurz: Giga) aufging.

Damit widersetzte sie sich dem Willen der Stadt Hamburg und des Auswärtigen Amtes, die das Institut finanzierten und sich für die Zusammenlegung ausgesprochen hatten. Numov, dem das Institut juristisch gehört, steckte keinen Cent in die Arbeit. "Ich bestand auf regionaler Forschung, aber das Giga wollte ,global studies' machen", sagt Helene Rang. "Man kann aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, das hilft meinen Mitgliedern nicht." Numov, dessen Ehrenpräsident Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder ist, unterstützt seit mehr als 70 Jahren Mitgliedsfirmen beim Auf- und Ausbau von Geschäftskontakten in Länder der Nah- und Mittelost-Region. "Ich wollte, dass die Arbeit des DOI meinen Mitgliedern zugute kommt", betont Helene Rang.

Darüber hätte sie sich sogar mit Prof. Udo Steinbach einigen können - zumindest auf dem Papier. "Ich habe von der Giga-Idee nichts gehalten. Ich habe eine andere Auffassung von der Arbeit eines Deutschen Orient-Instituts. Numov wäre der ideale Partner gewesen", sagt Steinbach und ergänzt: "Wenn er rational geführt worden wäre. Doch Helene Rang hat eine Schneise der Verwüstung hinterlassen". Das klingt nicht nach Freundschaft.

Am 1. Januar 2007 kam es dann zum Eklat: Das "Deutsche Institut für Globale und Regionale Studien" (Giga) nahm seine Arbeit auf - doch Helene Rang weigerte sich, das DOI in das Giga zu überführen. Die Situation eskalierte, mehrere Schlichtungen scheiterten, Anwälte auf beiden Seiten setzten Klageschriften auf. Es wurde mit harten Bandagen und allen Tricks gekämpft. Schließlich zogen die wertvolle Bibliothek und das Institut nach Berlin - allerdings ohne die Mitarbeiter. "Um den Forschungsschwerpunkt im Giga zu halten, haben wir das Institut für Nahost-Studien gegründet und alle Mitarbeiter des Deutschen Orient-Instituts übernommen, auch Prof. Steinbach", erläutert Prof. Robert Kappel. Der Giga-Präsident möchte am liebsten von all dem nichts mehr wissen.

Doch noch ist kein gutes Ende in Sicht. Denn Helene Rang interessiert sich auch dafür, wo das Geld von den Gutachten geblieben ist. Die Honorare, so versichert Steinbach, seien privat vom Gutachter Uwe Brocks gegenüber den Gerichten abgerechnet worden - auf dem Papier des Deutschen Orient-Instituts und später auf dem Briefpapier des Giga. "Ich habe davon keinen Cent gesehen." Gut möglich. Doch Steinbach hat die Gutachten betreut, Instituts-Mitarbeiter bei der Erstellung geholfen - wie passt das zusammen?

Steinbach hingegen will wissen, wo die Drittmittel in Höhe von 160 000 Euro geblieben sind, auch wenn er bald aufhört. Der Islamwissenschaftler, der Hamburg im Streit verlässt, wird 2008 nach Berlin gehen. Bis dahin wird es bestimmt noch weitere Geschichten wie aus "1001 Nacht" geben.

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