Die gefahrvolle Geschichte der Wikinger-Nachbauten

Die Abenteuerreise der Hobby-Wikinger ist nach 1000 Seemeilen (1852 km) erfolgreich beendet. Zehntausende Besucher begrüßten die "Havhingsten fra Glendalough" ("Seehengst von Glendalough") im Hafen von Dublin (wir berichteten). Am 1. Juli war die 65-köpfige Besatzung im dänischen Roskilde aufgebrochen, um im größten Nachbau eines Langschiffes Nord- und Ostsee zu bezwingen und nachzuweisen: Das haben die Vorfahren im Mittelalter auch geschafft.

Ähnliche Expeditionen gab es schon, allerdings mit kleineren Schiffen. So fuhr 1893 die "Viking", eine Kopie des berühmten Gokstadschiffes, von Norwegen nach Chicago. Die "Gaia" trotzte bei einer Atlantikfahrt sogar einem Orkan. Auch die "Havhingsten" geriet in schwere See. Aber selbst Windstärke 9 und bis zu sechs Meter hohe Wellen konnten dem Schiff auf dem Weg zur Isle of Man vor Schottlands Küste nichts anhaben. Nicht immer waren die Wagnisse erfolgreich. Hart erwischte es die Crew der "Ormen Friske", ebenfalls ein Nachbau des Gokstadschiffes aus dem 9. Jahrhundert. Am 22. Juni 1950 zerbrach das Schiff im Sturm bei Helgoland. Alle 15 Crewmitglieder kamen um. Nur neun Tote wurden geborgen. Das in zwei Teile gebrochene Wrack wurde am Strand von Pellworm und im Watt zwischen Sylt und Amrum gefunden.

Drei Theorien ranken sich um das Scheitern der "Ormen Friske". Die Möglichkeit, das Schiff könnte nach einer Kollision zerborsten sein, schied wegen fehlender Spuren am Wrack aus. Die zweite These, Bombenabwürfe über Helgoland könnten dem Schiff das Einlaufen in den Hafen verwehrt haben, ist unwahrscheinlich, lässt sich aber nicht ganz von der Hand weisen. Es hatte am fraglichen Tag eine Bombardierung Helgolands zu Übungszwecken gegeben. Ein Fischer will die "Ormen Friske" vor der Nordseeinsel gesehen haben. Er sagte dies aber erst zwei Wochen nach dem Unglück, als Zeitungen bereits ausführlich darüber berichtet hatten.

Doch es gibt Gründe, die an der Theorie, die Besatzung hätte wegen der Bombenabwürfe Helgoland nicht anlaufen können, zweifeln lassen. Der Zeuge schildert, er habe die "Ormen Friske" bei Windstärke elf mit gesetztem Segel quer zur See vor dem Hafen gesehen. Bei den Wetterbedingungen und der Lage des Schiffes zur See wäre es aber sofort voll Wasser geschlagen und gesunken. Bei Windstärke elf hätte das Segel gerefft werden müssen, da sonst der Mast gebrochen wäre. Man fand das Segel jedoch ungerefft.

Die letzte These: Das Schiff litt unter Konstruktionsmängeln. In nur sechs Wochen fertigten norwegische Schiffsbauer 1949 die Kopie aus minderwertigem Kiefernholz. Das Original bestand aus festerer Eiche. Auch wurde für die Spanten kein krumm gewachsenes Holz aus einem Stück verwendet, das erheblich mehr Kräfte aufnehmen kann, bevor es bricht. Man fügte die Spanten aus zwei geraden Stücken mit glatter Stoßfuge zusammen.

Für die Katastrophe scheint aber der schwache Kiel hauptverantwortlich zu sein. Er war nicht aus einem Stück Eiche, wie es zur Wikingerzeit üblich war, sondern aus acht gestapelten Kiefernbrettern schlechter Qualität. Fünf dieser Bretter waren dann noch fast an derselben Stelle auf Stoß aneinandergefügt, was den Rumpf zusätzlich schwächte. Die über das Kielschwein und den Mast übertragenen Kräfte des Segels wirkten zusätzlich auf diese Schwachstelle.

Am 22. Juni 1950 zerbrach die "Ormen Friske" im aufkommenden Sturm bei rauer See.

15 Männer im Alter von 17 bis 38 Jahren mussten ihr Leben lassen, weil schon damals bekannte, 1000 Jahre alte Konstruktionsweisen ignoriert wurden.

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