FORSCHUNG: DIE NASE IST UNSER SINNLICHSTES ORGAN

Wie Düfte unsere Gefühle lenken

Die Wissenschaft hat den Geruchssinn lange vernachlässigt. Dabei hat er einen erheblichen Einfluss auf unser aller Leben. Die Nase kann aus dem Potpourri von 500 Komponenten, das den speziellen Duft der Rose ausmacht, 100 riechen. Auch der geübteste Parfümeur kann nur zehn Komponenten unterscheiden.

Flieder und Früchtetee, modriger Waldboden, Parfüm oder Bratenduft - ständig umgeben uns Gerüche. "Riechen kann man nicht abstellen", sagt Hanns Hatt, Biologe an der Ruhr-Universität Bochum. "Wir riechen mit jedem Atemzug, 20000-mal am Tag."

Als sich das Leben noch ausschließlich in der Dunkelheit der Ozeane abspielte, waren die Lebewesen in der Lage zu riechen, längst bevor sie sehen oder hören konnten. Schon die Einzeller in der Ursuppe orientierten sich mit Hilfe dieses chemischen Sinns. Für das Überleben unserer frühesten Vorfahren auf der Erde war zunächst der Geruchssinn der wichtigste Wachposten, warnte er doch vor tödlichen Gefahren wie lauernden Raubtieren, Feuersbrünsten oder verdorbenen Speisen. Auch die Nase des modernen Menschen schlägt Alarm bei der geborstenen Gasleitung, vergammeltem Fisch oder Brandgeruch. "Der Geruchssinn ist der erste Sinn überhaupt im Leben, der sich beim Embryo entwickelt", erläutert Hatt. Neugeborene erkennen dank der Nase ihre Mutter.

Riechen ist auch Geschmackssache, denn die Feinheiten eines guten Essens oder edlen Weins nehmen wir fast ausschließlich in der Nase wahr. Dabei gelangen die flüchtigen Moleküle sowohl über die Nasenlöcher als auch durch den Rachen zu den Riechzellen. "Mit der Zunge können wir nur unterscheiden, ob etwas süß, sauer, salzig oder bitter schmeckt", erklärt Hatt. "Damit lässt sich allenfalls eine Banane von einer Essiggurke unterscheiden." Wer jedoch riechen kann, weiß, dass Genuss und Lebensqualität aus weit mehr als vier Geschmacksrichtungen bestehen. "Die knapp 80000 Menschen, die pro Jahr wegen Verlust ihres Geruchssinns den Arzt aufsuchen, leiden oft höllisch bis hin zur Depression", berichtet Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der HNO-Universitätsklinik Köln.

Der direkte Draht zur menschlichen Seele Gerüche deuten an, versprechen, wecken Aufmerksamkeit und Fantasie, nähren Ängste und Hoffnungen. Sie sind das Salz in der atmosphärischen Suppe. Und: Düfte haben den direkten Draht zur Seele, sie wirken im menschlichen Gehirn ohne Umweg über das für die Vernunft zuständige Großhirn unmittelbar auf das limbische System, den Ort der Gefühle, Instinkte und unbewussten Wahrnehmung. "Die Verarbeitung von Gerüchen im Gehirn erfolgt zuerst im sogenannten limbischen System, das für die Gefühle zuständig ist, und erst dann in der Großhirnrinde, wo die bewusste Wahrnehmung entsteht", erklärt Karl Grammer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie der Uni Wien. "Unsere erste Reaktion auf Gerüche ist also unbewusst, sehr schnell und vor allem emotional." Gerüche werden immer eng verknüpft mit der Situation abgespeichert, sodass man sich einen Duft nicht losgelöst merken kann. "Dafür erinnert man sich so aber schnell an bestimmte Situationen, auch aus längst vergangener Zeit, wenn einem der spezielle Geruch wieder begegnet", sagt Grammer.

Im limbischen System sind alle seit der Geburt gemachten Erfahrungen plus die begleitenden Gefühle und Düfte gespeichert und mit sogenannten limbischen Markern gekennzeichnet. Die Marker verbinden Erlebnisse inklusive des dazugehörigen Duftes mit den begleitenden Gefühlen wie Schmerz, Angst, Genuss oder Freude. Riecht dieser sinnlichste unserer Sinne ein bekanntes Aroma, wird die Erinnerung an die dazugehörigen Gefühle geweckt. So beeinflussen Düfte unsere Stimmung, erzeugen Lust, Sympathie oder Angst und steuern das Sexualverhalten. Neue Studien zeigen, dass sie sogar die Produktion von Hormonen auslösen. "Der Geruchssinn greift auf vielen Ebenen in unser Leben ein, häufig ohne uns bewusst zu werden", sagt Hatt.

Vielleicht ist das der Grund, warum der auf seine Vernunft so stolze Mensch seine olfaktorischen Talente lange Zeit als niederen Sinn betrachtete, selbst die Wissenschaft interessierte sich bis vor Kurzem nicht dafür. Laut Hatt steckt die Geruchsforschung noch in den Kinderschuhen. "Die Wissenschaft beschäftigt sich erst seit ein paar Jahren mit den molekularen Prozessen, durch die wir zwischen dem Duft einer Rose und einer vollen Windel unterscheiden können, oder warum wir uns an Düfte gewöhnen und sie schon nach kurzer Zeit nicht mehr wahrnehmen."

Aus der Riechfähigkeit ein "kulturelles Tabu gemacht" In der Wissenschaft sei dieses Sinnesorgan deshalb nicht hoch angesehen, vermutet Hüttenbrink, "weil wir Ärzte bisher nicht viel machen können, das ist frustrierend". Der Londoner Biologe Lyall Watson spricht denn auch von unserem "vergessenen Sinn", der Mensch von heute habe aus seiner Riechfähigkeit ein kulturelles Tabu gemacht.

Dabei, fanden die Riechforscher aus Bochum heraus, stellt die Anzahl der für den Geruchssinn zuständigen Gene die größte Genfamilie des Menschen überhaupt dar. "Dies spricht für die Bedeutung des Geruchssinns für den Menschen und gegen seine Einordnung als niederen Sinn", erläutert Hatt. Diese Gene sind auf fast allen Chromosomen verteilt - außer auf dem Y-Chromosom. "Männer können also mit Sicherheit nichts riechen, was Frauen nicht auch riechen können", folgert der Bochumer Biologe. Allerdings zeigte sich ebenfalls, dass die Zahl der aktiven Mitglieder dieser Superfamilie beim Menschen etwa im Vergleich zum Affen dramatisch abgenommen hat. Dennoch kann der menschliche Riechkolben mehr als 10000 verschiedene Düfte selbst in geringsten Konzentrationen wahrnehmen - bewusst benennen kann der Mensch allerdings nur etwa 40 charakteristische Aroma-Mischungen.

Fast jedes Ding und Lebewesen in unserer Umwelt verströmt einen Eigengeruch und gibt flüchtige Moleküle in die Luft ab, die den Weg in unsere Nase finden. Die meisten davon nehmen wir nicht wahr. Um das Charakteristische eines Aromas zu identifizieren, reichen meist sogenannte Leitsubstanzen aus. Wer Geraniol riecht, wird an Rosen denken, die Leitsubstanz für Bananengeruch heißt Amylacetat, und Skatol lässt Fäkalien stinken. Riecht unsere Nase allerdings nur die Leitsubstanz wie beispielsweise bei manchen künstlichen Aromastoffen, merkt sie schnell, dass etwas fehlt. "Haben wir einmal einen Duft gelernt, können wir ihn auch dann wiedererkennen, wenn ihm ein Teil der Information fehlt", erklärt Hatt. Die echte "gute Tasse Kaffee" erkennen wir beispielsweise anhand einer charakteristischen Mischung aus 15 der insgesamt 50 Einzelstoffe. Dabei hat jeder einzelne Duftstoff seinen ganz speziellen Empfänger, der nur für ihn gebaut ist. Diese Rezeptoren genannten Eiweißmoleküle befinden sich auf den Sinneshärchen der Riechzellen. Duft und Rezeptor müssen wie Schloss und Schlüssel zueinander passen.

Der Duftstoff löst eine Signalkaskade ans Gehirn aus Dockt das Duftmolekül am zuständigen Empfänger an, gibt dieser das Signal über Botenstoffe an die Sinneszelle weiter. Dort wird ein elektrischer Impuls ausgelöst, bis zu 1000-fach verstärkt und als Signalkaskade ans Gehirn geleitet. Hatt sieht einen Riesenmarkt im Riechmarkt: von bedufteten Waren, wie Leder oder Stoffe, über künstliche Aromen in Lebensmitteln bis zur Manipulation unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, die Ängste nehmen oder das Kaufverhalten ankurbeln. "Wenn es uns gelingt, Duftrezeptoren mit Funktionen zu verknüpfen, wird es in der Riechforschung noch viele Überraschungen geben", erwartet Hatt.

\* Infos: Hanns Hatt: Dem Rätsel des Riechens auf der Spur. Grundlagen der Duftwahrnehmung. Hörbuch, 2 CDs, suppose, Köln, 2006, 24,80 Euro