Die Sonntagskinder sterben aus

Geburten: Ärzte und Hebammen als Feinde des Glücks

Hamburg. Die Geburt nach Kalender ist längst kein Problem mehr. Etwas Chemie, etwas Chirurgie, und schon kann (fast) jeder Wunschtermin eingehalten werden. Sonntage gehören aber offenbar nicht dazu. Vielmehr könnte die High-Tech-Medizin sogar das Aus für die Sonntagskinder bedeuten. Denn einer neuen Studie zufolge kommen immer weniger Kinder in Deutschland an Wochenenden, vor allem eben an Sonntagen, zur Welt.

Das entdeckte der Biologe Alexander Lerchl von der International University Bremen (Seite 24). Und einen Schuldigen für diesen Trend hat er auch schon ausgemacht: Ärzte und Hebammen sollen die Mütter immer häufiger zur programmierten Geburt unter der Woche drängen, um kostspielige Wochenendgeburten zu vermeiden. Doch ist das überhaupt zu verantworten?

Hier soll es nicht um die medizinischen Fragen gehen, sondern um das Glück. Denn Sonntagskinder haben das Glück stets auf ihrer Seite, so besagt ein alter Aberglaube. Ihnen werden sogar übersinnliche Fähigkeiten nachgesagt. So sollen sie Geister sehen und Glocken sprechen hören können.

Lange galt der Sonntag, der einst der Sonne zugeordnet wurde, als beliebter Tag für Entbindungen. Noch bis 1950 wurden an Sonntagen fünf Prozent mehr Kinder geboren als an anderen Wochentagen, so der Bremer Biologe. Wer an diesem Tag geboren wurde, durfte sich sein Leben lang als Glückskind sehen. Bei den Römern hieß ein Sonntagskind auch "Kind der weißen Henne", weil dieser Vogel damals als Glücksbringer galt. Auch im Christentum ist der Sonntag mit frohen Botschaften - der Aussendung des Heiligen Geistes - verbunden.

Doch die Chance, so mit Glück gesegnet ins Leben zu starten, scheint in Zukunft immer geringer zu werden. So rauben die Möglichkeiten der modernen Medizin künftigen Generationen vielleicht eine wichtige Quelle des Glücks. Ist Glück doch das einzige Geschenk, das sich durch Teilung vermehrt. Je mehr Glückskinder es gibt, desto mehr Glück könnte es also geben.

Also, liebe Mediziner, laßt Kinder auch weiterhin am Sonntag das Licht der Welt erblicken - falls eine Sonntagsgeburt doch etwas mit Glück zu tun hat.

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