Die kalten Korallen

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Gabriele Prochnow

Meereskunde: Spektakuläre Entdeckung: Vor der norwegischen Küste stießen Wissenschaftler auf das mit 35 Kilometer Länge bisher größte Kaltwasserkorallenriff.

Wer denkt beim Stichwort Korallenriff nicht sofort an warme, sonnendurchflutete tropische Gewässer? Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Auch im Nordatlantik, quasi vor unserer Haustür, gibt es Korallenriffe. Lange nahmen Biologen an, dass Kaltwasserkorallen im Gegensatz zu ihren tropischen Verwandten nur vereinzelt und in kleinen Kolonien den Meeresgrund besiedeln. Im Sommer 2002 entdeckten norwegische Forscher das mit 35 Kilometer Länge bisher größte bekannte Kaltwasserkorallenriff südwestlich der Inselkette Lofoten. Das Ræst-Riff erstreckt sich über eine Fläche von 100 Quadratkilometern und liegt in einer Wassertiefe zwischen 400 und 500 Metern. "Es ist Bestandteil eines Riffgürtels, der sich in lockerer Folge vom Nordkap bis zur Iberischen Halbinsel und wahrscheinlich darüber hinaus erstreckt", sagt Prof. Andre Freiwald von der Universität Erlangen. Er koordiniert das EU-Forschungsprojekt ACES, in dem ein Wissenschaftlerteam seit 2000 das Ökosystem der atlantischen Kaltwasserkorallenriffe untersucht. "Bisher sind die Riffe an den europäischen Küsten am besten erforscht", erklärt Freiwald, "aber wir gehen davon aus, dass sich Kaltwasserriffe entlang der Schelfränder aller Kontinente erstrecken - und damit eine größere Fläche als ihre tropischen Pendants einnehmen." Die Weiße Koralle (Lophelia pertusa) gewinnt ihre Energie in kalten Gewässern auf andere Art als ihre Verwandten in warmen, lichtdurchfluteten Meeresgebieten. Tropische Korallen beherbergen Algen. Die Photosynthese dieser pflanzlichen Untermieter sichert die Nährstoffversorgung der Koralle: Ohne Algen stirbt sie. Dieses Phänomen wird als Korallenbleiche bezeichnet und erlangte 1998 weltweit traurige Berühmtheit: Ein starkes El-Nino Jahr ließ die Wassertemperaturen der Ozeane geringfügig ansteigen und löste damit eine Korallenbleiche aus, die große Teile tropischer Riffe zerstörte. Kaltwasserkorallen sind bei ihrer Ernährung nicht auf Algen angewiesen: Die einzelnen Korallenpolypen fangen mit ihren Tentakeln kleinste Krebse. Noch vor wenigen Jahren galt das Zusammenspiel von Alge und Koralle als Schlüssel zum Wachstum tropischer Riffe. Heute weiß man, dass Kaltwasserkorallen in der Riffbildung ihren tropischen Verwandten in nichts nachstehen. Kaltwasserkorallen leben in Wassertiefen zwischen 1000 Metern am Äquator und 30 Metern in norwegischen Fjorden. Die Standorte der Riffe zeichnen sich durch eine starke Strömung, eine Temperatur zwischen vier und 12 Grad sowie einen hohen Salzgehalt aus. Je höher der Salzgehalt, desto mehr Calciumcarbonat - Baustoff für die Kalkskelette der Korallen - ist im Wasser gelöst. Kaltwasserkorallenriffe weisen eine große Artenvielfalt auf. Ihr Aufbau lässt sich mit einem Haus vergleichen, in dem jede Etage von Mietern mit unterschiedlichen Ansprüchen bewohnt wird. In den obersten Bereichen wachsen die Korallenpolypen. In den darunter verbleibenden Kalkskeletten lebt eine bunte Unterwasserfauna aus Schwämmen, Seeanemonen, Borstenwürmern, Schnecken und Seeigeln. Am Ræst-Riff konnten bisher mehr als 1300 Tierarten identifiziert werden, darunter über 200 Schwamm-Arten. Sie haben es dem Hamburger Wissenschaftler Prof. Walter Michaelis angetan. Seine Arbeitsgruppe am Institut für Biogeochemie und Meereschemie untersucht Naturstoffe, die sich aus den Schwämmen der Kaltwasserriffe gewinnen lassen. "Die festsitzenden Riffbewohner können nicht vor Feinden flüchten, also müssen sie sich auf ihre Art wehren", erklärt Michaelis. Dazu dienen chemische Substanzen, die von den Forschern isoliert und auf ihre Eigenschaften getestet werden. Einige dieser Stoffe sind für die Pharmaindustrie interessant und werden z. B. in Medikamenten gegen Herpes verarbeitet. Andere werden als Enzyme bei der Herstellung von Wasch- und Lebensmitteln eingesetzt. Die Riffe der Kaltwasserkorallen stellen außerdem eine einzigartige Klimadatenbank dar. Bedingt durch ihr Vorkommen in großen Wassertiefen überlebten diese Riffe die Kaltzeiten, in denen der Wasserspiegel bis zu 120 Meter unter dem jetzigen Niveau lag. Die Kalkfundamente liefern den Forschern Informationen, die weit in die Vergangenheit reichen: Die ältesten Funde der Weißen Koralle stammen von der Antarktischen Halbinsel und werden auf über 50 Millionen Jahre datiert. Die Kaltwasserriffe zählen zu den gefährdeten Ökosystemen. "In den skandinavischen Gewässern sind bereits 50 bis 60 Prozent der Riffe durch die Fischerei zerstört oder beschädigt", schätzt Freiwald. Das Ræst-Riff ist bisher von solchen Schäden verschont. Damit es auch in Zukunft so bleibt, hat die norwegische Regierung nach seiner Entdeckung ein Verbot für jegliche Bodenfischerei ausgesprochen. Fischereiminister Svein Ludvigsen: "Das Kaltwasserkorallenriff gehört zu den sensibelsten und kostbarsten maritimen Naturtypen, die es überhaupt gibt."

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