Ist das unsere Zukunft?

Eine Gedankenreise in eine ferne Zukunft. Das ZDF zeigt in dem Dreiteiler, „Die Zukunft ist wild“, wie unsere Welt in Millionen Jahren aussehen könnte: Welche Tiere könnten sich unter völlig anderen Lebensbedingungen zu welchen Wesen entwickeln? Vielleicht sind es Tölpelwal, Wüstenspringer, Dinoschildkröten.

Was ist das für eine Welt? Europa und ein Großteil Nordamerikas sind unter einem mächtigen, bis zu drei Kilometer dicken Eis-Panzer verschwunden; vom Mittelmeer ist nur eine karge Salzwüste geblieben, von den Regenwäldern Südamerikas eine trockene Savanne. Unsere Welt in fünf Millionen Jahren - mitten in einer tiefen Eiszeit. Diesen Zeitsprung in die Zukunft wagt das ZDF mit dem Dreiteiler "Die Zukunft ist wild - Die Welt in Jahrmillionen". Das Faszinierende: Wir sehen dort Tiere, insgesamt 48 verschiedene Arten, die sich nach dem Erfolgsmodell der Evolution erst noch entwickeln sollen. Aufwendige Computertechnik macht das möglich. Science-Fiction statt Wissenschaft? "Ein Gedankenexperiment", sagt Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Zoologischen Institut der Uni Wien, einer von 15 internationalen Wissenschaftlern, die das Projekt begleitet haben. Im Detail genauso wie im Film würden die Lebewesen der Zukunft wohl kaum aussehen, "aber sie könnten sich durchaus dahin entwickeln", meint er. Der amerikanische Produzent John Adams signalisiert Vorsicht: "Wir zeigen, wie es sein könnte, nicht, wie es sein wird." Auf Realitätsnähe haben die Biologen, Zoologen und Zellforscher aus dem Beraterstab bei der Produktion in den USA dennoch streng geachtet. Ihr Prinzip: Die aus der Vergangenheit bekannten Spielregeln der Evolution nach den Gesetzmäßigkeiten Darwins genau zu beachten. Mit diesem Wissen beantworteten sie die spannende Frage: Welche heute existierenden Tiere könnten sich unter völlig anderen Lebensbedingungen zu welchem konkreten Wesen entwickeln? Dieses Ergebnis zeigt der Dreiteiler - in bunten, wirklichkeitsnahen, eindrucksvollen Bildern mit perfekter Technik à la Jurassic Park. Das Szenario, wohin die Welt klimatisch und geologisch steuert, ist kaum umstritten. Schon in einigen Tausend Jahren werden sich gewaltige Eisschilde auf der Nord- und Südhalbkugel ausbreiten, Afrika und Europa kommen sich näher, die Enge von Gibraltar schließt sich. Die Tropen verkümmern zu Wüsten und Tundren. Am Amazonas verdrängen trockene Savannen den üppigen Regenwald. Der Weg in eine neue Eiszeit sei "fast sicher", sagt Kotrschal. Nur Tierarten, die sich den rauen Bedingungen anpassen, können überleben, in der Wüste des ausgetrockneten Mittelmeers zum Beispiel der Salzdrache, ein flinker Nachfahre heutiger Reptilien. Mit seinem leimüberzogenen Kragen flitzt er über die karge Salzlandschaft und erbeutet Fliegen, seine Hauptnahrung. In fünf Millionen Jahren ragen die einstigen Ferieninseln Kreta, Ibiza, Mallorca als schroffe Gebirge aus der gigantischen Wüste. In der kalten Tundra herrschen Wollratten, von Murmeltieren abstammende Nager. Sie hatten die besten Chancen, das Massensterben durch den Temperatursturz zu überstehen. Klein, vielseitig, mit schnell sich verändernder Nachkommenschaft, passten sie sich der Kälte mit einem dicken Fell an. Mit ihren mächtigen Krallen graben sie nach Wurzeln von Heidekraut und Weiden und zernagen die Pflanzen mit breiten Meißelzähnen. Ihr einziger Feind in der Tundra: der Schneeschleicher. Die ausgestorbenen Vettern dieser Raubtiere sind Vielfraß, Wiesel und Hermelin. Allerdings ist der Schneeschleicher größer und macht seine Beute nicht im Rudel, sondern als einsamer Jäger. Gegen eine Herde von Wollratten hat er jedoch nur eine Chance, wenn er sich aus dem Hinterhalt auf ein unerfahrenes Exemplar stürzt. Überleben in einer ökologischen Nische: Dieses Prinzip funktioniert auch unter unwirtlichen Bedingungen. Meeressäuger wie Seelöwen, Delfine und Wale sind in fünf Millionen Jahren ausgestorben, vermuten die Evolutionsbiologen. Vögel sind an ihre Stelle getreten. Aus dem Tölpel von heute, der sich mit seinen Flügeln auch unter Wasser fortbewegen kann, könnte in Millionen Jahren der Anpassung ein neues Tier entstehen: der Tölpelwal. Er hat sich ganz an ein Leben im Wasser angepasst, legt Eier, aber kann nicht mehr fliegen. Nur der spitze Schnabel erinnert noch an seine Vogelvorfahren. Der Klimawandel nimmt kein Ende. Nach der Eiszeit in fünf Millionen Jahren sieht die Welt in 100 Millionen Jahren wieder ganz anders aus - das ist Thema der zweiten Sendung. Treibhausklima und Vulkane haben die Atmosphäre aufgeheizt, die Meeresspiegel sind rapide gestiegen und liegen bis zu 100 Meter höher als heute. Überall breiten sich Meere und Sümpfe aus. Aus der Eiswüste wird überquellender Regenwald. Riesenwespen regieren die Welt. Es gibt jetzt einen Vogel mit vier Flügeln und ein Tier, das die Forscher Bergschweinchen nennen, einen der letzten Vertreter der Säugetierfamilie. In der dritten und letzten Folge geht es um die Erde in 200 Millionen Jahren. Die Erdteile sind zu einem Superkontinent verschmolzen, wie 225 Millionen Jahre zuvor im so genannten Trias. Im Dschungel mit Riesenbäumen leben gigantische Tintenfische und räuberische Schleimpilze. Hier entwickelt sich sogar ein Geschöpf, das sich anschickt, die zweite zivilisationsbildende Intelligenz auf dem Planeten hervorzubringen. Die Gedankenreise in die ferne Zukunft ist das Ergebnis harter Arbeit. Fünf Jahre haben die Wissenschaftler "ihre" Geschöpfe entwickelt. Der Zuschauer erfährt "eine völlig neue Welt", sagt ZDF-Redakteurin Ruth Omphalius, die sich mit allen Details beschäftigt hat. Sie hat auch die englischen Texte für das gleichnamige Buch zur Sendung "Die Zukunft ist wild" ins Deutsche übersetzt und ist fasziniert von dem Gedanken, "ein bisschen über die Schöpfung nachzudenken". Eine interessante Frage bleibt jedoch außen vor: Überlebt der Mensch die Zeitenspanne von Millionen Jahren? Ob wir aussterben, sei als "eine sehr politische Frage" nicht berücksichtigt worden, meint Produzent Adams. Prof. Kotrschal will sich da genau auch nicht festlegen, verweist jedoch auf die Erkenntnis, dass "der Homo sapiens als Art nicht ewig überleben wird". Auch sollten wir uns "als Phänotyp nicht so wichtig nehmen, Hauptsache, die DNA wird überleben".

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