Milton Keynes

Amazonien – von wegen unbewohnt

Die Wälder im Norden Ecuadors galten als unberührt. Das Gegenteil war der Fall

Milton Keynes. Auf Reisende im 19. Jahrhundert wirkten die Nebelwälder des Quijos-Tals im Norden Ecuadors unberührt und menschenleer. Weit gefehlt, haben Forscher herausgefunden. In der Region haben demnach jahrhundertelang Menschen gelebt und Äcker bewirtschaftet – bis die Europäer auf dem Kontinent einfielen. Die Besiedlung endete um 1588 herum, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“. Damit bestätigt eine weitere Studie, dass der Mythos eines lange menschenleeren Amazonien zu den Akten gehört.

In der Region an der Ostflanke der Anden sei vor Ankunft der Europäer in größerem Ausmaß Wald gerodet worden als für moderne Rinderfarmen nach 1950, schreiben die Forscher. Mindestens 500 Jahre lang seien Nutzpflanzen wie Mais angebaut und Keramik hergestellt worden. Um 1588 habe es dann einen kata­strophalen Bevölkerungsrückgang gegeben. In den 130 Jahren danach eroberte der Wald die gerodeten Flächen zurück – sodass Reisende des 19. Jahrhunderts nicht bemerkten, dass sie über knapp 250 Jahre zuvor noch besiedelten Boden liefen.

Das Team um Nicholas Loughlin von The Open University in Milton Keynes (Großbritannien) hatte gut zwei Meter lange Bohrkerne vom Sediment des kleinen Huila-Sees im Quijos-Tal untersucht. Die Nebelwälder der Region liegen an einer früheren Handelsroute zwischen dem Reich der Inka und den Bewohnern Amazoniens. Aus Pollen, Pilzsporen, verkohltem Holz und Keramikscherben schlossen die Forscher auf die Entwicklung der Region in den vergangenen rund 700 Jahren.

Zumindest für einige Regionen werde derzeit noch unterschätzt, welch großen Einfluss die Bewohner des Kontinents schon vor Ankunft der Europäer auf die Ökosysteme hatten, sind die Forscher überzeugt.

Der Seefahrer Christoph Kolumbus hatte 1492 Amerika entdeckt – eigentlich hatte er einen Seeweg nach Indien ausfindig machen wollen. Schätzungen zufolge lebten 1491 zwischen 90 und 112 Millionen Indianer in Nord- und Südamerika – mehr Menschen als damals in Europa. Mit der Eroberung des Kontinents schwand ihre Zahl immens, in einigen Regionen wohl um 90 Prozent und mehr.

Hauptursache waren nicht die vielen Gemetzel, sondern eingeschleppte Infektionskrankheiten wie Typhus, Grippe, Pocken, Diphtherie und Masern.