Jerusalem

Moses aus der Asche

Forscher machen den Text aus einer verkohlten hebräischen Schriftrolle sichtbar

Jerusalem. Erstmals haben Forscher den Text einer verbrannten hebräischen Schriftrolle sichtbar gemacht. Da das verkohlte Dokument aus Tierhaut beim Entrollen zerbröselt wäre, nutzte das Team um William Brent Seales von der University of Kentucky in Lexington einen 3D-Scanner. Die Analyse ergab, dass die Rolle einen Auszug aus dem Buch Leviticus (3. Buch Mose) des Alten Testaments enthält. Per Radiokarbonmethode wurde ihr Alter auf etwa 300 n. Chr. bestimmt. Es ist damit einer der frühesten Texte aus den fünf Büchern Mose. Älter sind nur die Schriftrollen vom Toten Meer. „Ohne unsere Computerbearbeitung und die damit mögliche Analyse wäre der Text für die Wissenschaft völlig verloren gewesen, und sein Wert würde unbekannt bleiben“, schreibt das Team im Fachblatt „Science Advances“.

Die Schriftrolle war im Jahr 1970 in Israel in der Oase En Gedi unweit des Toten Meeres gefunden worden. Der Ort war vom 8. Jahrhundert vor Christus bis etwa 600 n. Chr. bewohnt. Bei den Ausgrabungen stießen die Archäologen im Toraschrein der Synagoge auf mehrere verkohlte Bündel. Danach wurden die Fragmente 40 Jahre lang möglichst wenig bewegt, damit sie nicht zerfallen.

Die Forscher nutzten nun einen Röntgen-Mikrotomografen, um ein hoch aufgelöstes, dreidimensionales Bild der Schriftrolle zu erstellen. Im ersten Schritt, der sogenannten Segmentierung, ging es darum, die einzelnen Bahnen der zusammengerollten Tierhaut zu identifizieren.

Im zweiten Schritt, der Texturierung, suchten die Forscher dann Muster auf der Oberfläche des Pergaments. Dabei unterschieden sie zwischen Strukturen in der Haut und solchen auf ihrer Oberfläche, nämlich die aufgetragene Schrift. Die verwendete Tinte, vermutlich eine Eisengallus-Tinte, ist physikalisch dichter als das Pergament, sodass beides voneinander unterscheidbar ist.

Im dritten Schritt wurden die rekonstruierten Oberflächen, die in der Schriftrolle gerundet vorlagen, virtuell geglättet. Schließlich setzten die Wissenschaftler die einzelnen Fragmente zu einem Gesamtbild zusammen, was weitere Berechnungen zur Angleichung erforderte. „Diese Studie ebnet einen neuen Weg für weitere Entdeckungen von Texten, die in beschädigten Materialien verborgen sind“, schreiben die Forscher.