Wegen Digitalisierung

Hamburgs Staatsarchiv droht ein Gedächtnisverlust

Udo Schäfer, Leiter des Hamburger Staatsarchivs: "Wir sind spät dran"

Udo Schäfer, Leiter des Hamburger Staatsarchivs: "Wir sind spät dran"

Foto: Marcelo Hernandez

Schon heute klafft eine Lücke von Jahren. Archivare glauben, dass die Gegenwart schlechter überliefert sein wird als das Mittelalter.

Hamburg. Bei Tiefbauarbeiten für einen Neubaukomplex im Hamburger Westen stoßen Bauarbeiter auf einen unterirdischen Schacht. Neben allerlei Schutt finden sie hier eine Truhe mit Plastiksteckern und kreisrunden Kunststoffplatten. Die Arbeiter ahnen nicht, dass es sich bei den seltsamen Gegenständen um einen Sensationsfund handelt. Es ist der 14. August 2515.

Forscher und Wissenschaftler reißen sich um die Fundstücke. Es handle sich um Artefakte, die die Menschen Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts für die Speicherung von Daten benutzt haben. CDs und USB-Sticks nannte man sie damals. Unter normalen Umständen könnte man heute, rund 500 Jahre später, nichts mehr mit ihnen anfangen. Doch durch die extrem günstigen klimatischen Bedingungen in dem Schacht, können die Spezialisten doch noch einige Daten auslesen. Und was sie finden, ist enorm: Privatfotos einer Hamburger Familie, Tagebucheinträge und Briefwechsel.

Es sind Dokumente einer Zeit, die für die Forscher bisher ein schwarzes Loch der Geschichte darstellten. Über das Alltagsleben der Hamburger um die Jahrtausendwende ist schließlich so gut wie nichts bekannt. „Für Historiker ist dieser Fund ein Meilenstein“, sagt Professor Jürgen Kruse, Geschichtsprofessor an der Universität Hamburg.

Totaler Unfug? Science Fiction? Viellleicht. Vielleicht aber auch nicht. Einige Forscher befürchten jedenfalls, dass unsere Zeit teilweise schlechter dokumentiert sein wird als das Mittelalter. Wie kommen sie darauf?

Bestenfalls ein Riesen-Durcheinander

Unser Leben, unser Wissen, und unsere Gedanken speichern wir heute virtuell und digital. Briefekisten und Fotoalben? Längst vergessen. Ende des 20. Jahrhunderts speicherten wir auf Floppy-Disks und Disketten. Aber auch das ist Datenmüll von gestern. Heute nehmen wir lieber Sticks und Festplatten. Oder neuerdings manchmal auch Internet-Wolken, sogenannte Clouds. Auch das öffentliche Leben wird ins Netz gespült. Firmen, Zeitungen und Behörden produzieren so viele Daten, dass ein neues Wort für „viel“ erfunden werden müsste. Schlagzeilen, Grafiken, Videos, Excel-Tabellen. Jeden Tag, jede Sekunde.

Aber was werden unsere Nachkommen wirklich mit diesem digitalen Nachlass anfangen können?

Möglicherweise lautet die Antwort: gar nichts. Die Fachwelt fürchtet jedenfalls, dass wir unseren Nachkommen unter Umständen ein schwarzes Loch hinterlassen – oder bestenfalls ein Riesen-Durcheinander.

Die bequemen Zeiten sind vorbei

50 Prozent relative Luftfeuchtigkeit, 18 Grad, lichtgeschützt. Das war bisher die Erfolgsformel von Udo Schäfer, Leiter des Hamburgischen Staatsarchivs. Wie für Generationen von Archivaren vor ihm auch schon. Schäfers Reich umfasst 40.000 Regalmeter. Die frühesten Dokumente aus Papier und Pergament reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Zeichnungen von Stadtplanern, Nachlässe bedeutender Hamburger Kaufleute, Personenstandsregister. Weil die Dokumente kühl und trocken gelagert werden, sind sie heute gut lesbar. Schäfer weiß: „So bequem wird es nie wieder sein.“ Wer sich bewusst macht, dass Disketten etwa 30 Jahre halten, CDs vielleicht 100 und auch USB nach 50 bis 100 Jahren kaputt gehen, ahnt, was er meint.

„Die Zeit, dass wir unsere Daten einfach irgendwo hinlegen, sicherstellen, dass das Klima richtig ist und uns dann zurücklehnen können, ist vorbei“, sagt Schäfer.

Das, was sich in den letzten Jahren technisch getan hat, hat bisherige Formen der Archivierung kräftig durcheinander gewirbelt. Um zu verstehen, was die Herausforderung ist, muss man wissen, wie das Staatsarchiv arbeitet und was für Informationen hier landen. Grundsätzlich ist es so, dass alle Hamburger Behörden dazu verpflichtet sind, sämtliche Erzeugnisse dem Staatsarchiv zu übergeben. Personal- und Strafverfolgungsakten, Korrespondenzen. Alles eben. Nach der Sichtung schafft es nur ein sehr kleiner Anteil ins Archiv. Schäfer spricht von einem bis fünf Prozent.

Was wird ausgewählt und was nicht? Was ist erhaltenswert, was irrelevant? Laut Schäfer besteht die Aufgabe darin, herauszuarbeiten, welche Bedeutung die hinter den Dokumenten liegenden Themen und Vorhaben für die Gesellschaft haben. Vereinfacht gesagt: Ein Fahrstuhl, der an der U-Bahnstation Klosterstern eingebaut wird, landet im Schredder. Pläne für die neue U-Bahnlinie 5 im Archiv.

Daten müssen fortlaufend umgewandelt werden

Und in der Theorie ist es natürlich egal, ob die Daten auf Papier ankommen, oder in einem Word-Dokument. In der Praxis ist das ganz und gar nicht egal.

„Durch die enorme Kommunikationsflut kommen die Mitarbeiter heute kaum noch hinterher. Und die Versuchung, ungeordnet oder unvollständig abzulegen, ist groß“, sagt Schäfer. Mit einem chronologisch abgehefteten Briefwechsel lässt sich eben besser arbeiten als mit einem ungeordneten E-Mail-Hin-und-Her. Das ist Teil 1 des Problems.

Teil 2 ist deutlich komplizierter: „Wir müssen die digitalen Daten so archivieren, dass sie über Jahrhunderte hinweg brauchbar sind“, so Schäfer.

Dafür müssen diese fortlaufend nach neuesten Standards umgewandelt, kopiert und von alten auf neue Datenträger überspielt werden. Schäfer ist überzeugt: „Das Ganze ist ganz sicher kein Problem der Technik, sondern eines der finanziellen Mittel und der Infrastruktur.“ Zwar sei das Bewusstsein mittlerweile in der Politik angekommen, finanzielle Mittel wurden bereitgestellt, doch die große Maschine setzt sich nur behäbig in Bewegung.

Was ein Hamburger Geschichtsprofessor dazu sagt

Im Koalitionsvertrag von Rot-Grün muss man schon genau hinsehen, um den entsprechenden Eintrag zu finden. Es ist dieser eine Satz auf Seite 96: „Um das kulturelle Erbe besser für die Zukunft zu sichern und zugänglich zu machen, will die Koalition zudem mit dem Digitalen Archiv Nord den Grundstein für ein leistungsfähiges Archivsystem legen“, heißt es da.

Was hinter diesem Vorhaben steckt, kann Enno Isermann, Sprecher der Hamburger Kulturbehörde erklären: „Um seinem gesetzlichen Auftrag auch bei der Archivierung elektronischer Aufzeichnungen nachzukommen, engagiert sich das Staatsarchiv Hamburg gemeinsam mit dem Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern beim Aufbau eines digitalen Archivs Nord, kurz DAN. Im digitalen Archiv Nord werden die elektronischen archivierungswürdigen Aufzeichnungen dauerhaft und sicher verwahrt und der Öffentlichkeit bei Bedarf zur Verfügung gestellt“, so Isermann.

Für die Verbundlösung habe man sich entschieden, um Synergieeffekte zu nutzen und Kosten einzusparen. Neben Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sind auch die Beteiligungen der Nachbarländer Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen geplant. Zudem bestehe die Möglichkeit, auch die kommunalen und kirchlichen Archive an der Speicherlösung zu beteiligen. Hamburgs Anteil an den Betriebskosten wird auf rund 200.000 Euro pro Jahr geschätzt.

Der Norden ist spät dran

Sicher verwahrt ist allerdings bisher noch nichts. „Gegenwärtig befindet sich das DAN in der Testphase. Von 2016 an soll das DAN schließlich in den Regelbetrieb gehen“, sagt Isermann weiter.

Im Bundesvergleich ist Norddeutschland spät dran, im weltweiten Vergleich erst recht. „In Süddeutschland sind die Archive viel weiter. Und in Skandinavien hat man bereits 1973 angefangen, digital zu archivieren“, sagt Schäfer. Mehr als 40 Jahre später, im Jahr 2014, hat das Hamburger Staatsarchiv erstmals zwei Stellen bewilligt bekommen, die sich um langzeitstabile Formate kümmern.

Was in den vergangenen Jahren digital gespeichert wurde, liegt noch nicht im Archiv. Wann das passiert, ob das nachgeholt werden kann, ist unklar. Derzeit klafft eine große Lücke von mehreren Jahren, in denen Daten zwar zum Teil digital gespeichert, uns aber nicht übermittelt worden sind. „Ich glaube, dass ein großer Teil schon jetzt futsch ist“, sagt Staatsarchiv-Leiter Schäfer. Und das ärgert ihn: „Wenn in Volksdorf eine alte Villa abgerissen wird, ist die öffentliche Aufmerksamkeit zu Recht groß. Aber auf der anderen Seite produzieren wir jeden Tag Wissen, was weg ist, wenn wir uns nicht kümmern.“

„Einige Kollegen glauben, dass wir für einen bestimmten Bereich unserer Zeit eine schlechtere Überlieferungslage haben werden als für das Mittelalter, wenn die Archive keine ausreichenden Ressourcen bekommen“, sagt er. „Das ist zwar sehr zugespitzt, hat aber dennoch Gültigkeit.“

Was passiert mit Facebook-Seiten?

Dass Gesellschaften sich so sehr dafür interessieren, was in der Vergangenheit passiert ist, ist im Grunde ein neues Phänomen. „Natürlich gab es auch in der Antike schon Geschichtsschreibung, aber erst im Zeitalter der Renaissance bildete sich ein Bewusstsein dafür heraus“, so der Medienphilosoph Stefan Münker von der Humboldt-Universität in Berlin.

„Gerade am Beispiel der Renaissance sieht man gut, wie das Wissen über und aus der Vergangenheit dazu gedient hat, eine Gesellschaft komplett umzustrukturieren.“ Dabei könne Geschichtsbewusstsein immer auch als Machtmittel eingesetzt werden, indem wir uns auf eine vermeintlich gute Vergangenheit berufen, an der die Gegenwart sich dann messen lassen müsse. Welche Art von Wissen für unsere Identität als wichtig erachtet wird, habe sich zuletzt deutlich geändert. „Quizshow-Wissen“, etwa wer zu einem bestimmten Zeitpunkt König war, dränge in den Hintergrund. „Der Fokus geht eher hin zu einem Wissen über ein Zeitgefühl.“ Wie wurde Arbeit zu einem Zeitpunkt organisiert, wie funktionieren Familienstrukturen, was wurde gegessen. Ging man in die Kirche? Glaubte man an ein Leben nach dem Tod?

Vieles wird natürlich auch heute noch in Geschichtsbüchern festgehalten. Dass Olaf Scholz Bürgermeister war, wird sich nachlesen lassen. Ab einem bestimmten Grad von Öffentlichkeit ist die Überlieferung gesichert. Aber was passiert mit unseren Alltagswissen? Das, worüber wir uns mit Freunden austauschen, was wir auf Blogs schreiben und bei Facebook über uns erzählen.

Nun gehört es zwar nicht zu den Kernaufgaben des Staatsarchivs, sich mit Facebookseiten und Blogs zu beschäftigen. Wohl aber mit privaten Nachlässen bedeutender Hamburger. „Es ist natürlich niemand dazu verpflichtet, uns irgendetwas zu übermitteln. Aber wenn wir Interesse an bestimmten Familien und Personen haben, sprechen wir diese aktiv an“, so Hamburgs Chefarchivar Schäfer. In vorherigen Jahrzehnten konnte man davon ausgehen, dass man bei einem Hochschulprofessor einen geordneten Nachlass vorfindet. Heute ist das anders. „Die Menschen haben in der Regel kein privates Archiv mehr.“ Diese Funktion haben Facebookseiten und E-Mail-Konten übernommen. Wie das Archiv damit umgeht? „Bisher noch gar nicht“, so Schäfer. „Das sind Sachen, um die können wir uns kümmern, wenn die jetzigen Probleme gelöst sind.“ Was aus den Facebook-Seiten von Verstorbenen wird und aus E-Mail-Konten? Weiß heute keiner.

„Das Internet ist historisch gesehen totaler Schwachsinn“

Medienphilosoph Stefan Münker aber glaubt: „Einen Großteil der Netzinhalte zu dokumentieren oder Facebook zu archivieren bringt für die Nachwelt kaum einen Nutzen.“ Zu einem vernünftigen Gedächtnis gehöre vor allem die Fähigkeit zur Selektion. Erst im zweiten Schritt gehe es dann um die Technik und darum, Daten und Datenträger haltbar zu machen.

Viel wichtiger als der Anspruch, alles zu dokumentieren, sei es, sich als Gesellschaft die Frage zu stellen, was überhaupt erhaltenswert ist und da eine klare Position zu beziehen. Das gesammelte Internetwissen helfe da erst mal nicht weiter – im Gegenteil. „Das, was das Internet macht, ist historisch gesehen totaler Schwachsinn, weil überhaupt keine Auswahl getroffen wird.“ Nachfolgende Generationen würden so erdrückt werden, fürchtet er.

Wie man in 500 Jahren Informationen über unsere jetzige Zeit bekommt? „Das ist Science Fiction“, sagt Münker. „Vielleicht werden Daten auf dem Mond gelagert oder in Klon-ähnliche Wesen gespeichert“, sagt er. Und er meint es ernst.

Welche Formate sich durchsetzen, ist unklar

Vereinfacht könnte man das, womit sich Uwe Borghoff beschäftigt, tatsächlich mit Klon-ähnlichen Wesen vergleichen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht der Vizepräsident der Bundeswehruniversität München zur Langzeitarchivierung und dazu, wie wir unserer Nachwelt einen Schlüssel zu unseren Daten hinterlassen können.

Zum Beispiel mit „geklonten Computern“. Computer, die eine bestimmte Rechnerumgebung simulieren können und in Hunderten Jahren so tun können, als wären sie zum Beispiel aus dem Jahr 2015. In der Fachsprache heißt das „Emulation“. „Solche Computer könnten einmal wichtig werden“, sagt Borghoff. „Denn selbst, wenn wir es schaffen, die Daten zu erhalten, kann es sein, dass es keine Rechner mehr gibt, mit denen man sie lesen kann.“

Zum Beispiel bei Bildern. „In 500 Jahren einen Viewer für veraltete Bildformate oder veraltete Videodateien zu finden, könnte gegen Null gehen.“

Wenn er redet, wird es oft technisch. Er spricht zum Beispiel davon, dass man den sogenannten Bitstrom erhalten müsse. Das ist, wenn man so will, die Urstruktur von Daten, nicht mehr oder weniger als eine lange Abfolge von Nullen und Einsen. Für den Bitstrom von Texten und Bildern habe man sich inzwischen auf Standards der Speicherung geeinigt. Anders bei Filmen: „Da ist noch völlig ungeklärt, welche Langzeitformate sich da durchsetzen“, sagt Borghoff. Und davon könnten nicht nur Privatfilmchen betroffen sein, sondern auch die Archive von Rundfunkanstalten. Aber das nur am Rande.

Weil aber auch hier noch unklar ist, wie praktikabel es sein wird, Computer künstlich älter zu machen als sie sind, haben sich die Forscher noch eine andere Variante überlegt, die im Vergleich zu Computer-Klonen fast nach Mittelalter klingt. Und ein bisschen nach Verzweiflung. Das Computermuseum und die Bundeswehruniversität München haben sich daran gemacht, Rechner aller Generationen zu sammeln und daraus eines der größten Computerarchive der Welt zu machen. Wer im Jahr 2515 also mal eine Diskette einlegen will, wäre hier richtig.

Es sind viele Vielleichts, Wenns und Abers. Wer soll denn schon wissen, wie und wo die Menschen in 500 Jahren recherchieren? Und was sie überhaupt über uns wissen wollen?

Sollte es in dieser Zeit das Internet in der Art, wie wir es heute kennen, überhaupt noch geben, glaubt Borhoff nicht, dass wir unserer Nachwelt damit einen großen Gefallen getan haben .„Unsere Nachwelt würde ein unselektiertes Durcheinander vorfinden“, glaubt er.

„Es wird zum Beispiel nie möglich sein, den Netzinhalt von einem bestimmten Tag abzubilden“, sagt Borghoff. Fragen wie, „Was ist im Internet am Tag nach den Anschlägen vom 11. September passiert“, werden nie beantwortet werden können. Auch Ist-Aufnahmen von Facebook-Seiten gibt es nicht. „Wenn jemand in 50 Jahren Nobelpreisträger wird, wird die Facebook-Seite von heute weg sein. „Da bleibt kaum was übrig.“ Genauso wie vieles andere von unserem „Wald- und Wiesenwissen“. Denjenigen, die ihren Ur-Enkeln etwas hinterlassen wollen, zum Beispiel Urlaubsfotos, kann Borghoff dann aber doch noch Hoffnung machen. „Wer ganz sicher sein will, klebt die Bilder am besten auf die altmodische Art in ein Fotoalbum.“

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