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Wie Moorleiche „Bernie“ vor 1200 Jahren aussah

Torfstecher fanden dasstark beschädigte Skelett1907 zufällig in Ostfriesland

emden. Nach 108 Jahren hat die einzige deutsche Moorleiche aus dem frühen Mittelalter ein Gesicht bekommen. Forscher haben den stark beschädigten Schädel der 1200 Jahre alten Moorleiche „Bernie“ aus Ostfriesland rekonstruiert und mit Computerhilfe ein fast lebensechtes Abbild geschaffen. Das plastische Modell samt blondem Haarschopf ist am Freitag im Ostfriesischen Landesmuseum Emden vorgestellt worden.

Das bekleidete Skelett war 1907 von Torfstechern bei Bernuthsfeld im Kreis Aurich zufällig entdeckt und beschädigt worden. Die Finder wollten nicht in einen Mordfall verwickelt werden und hatten es zunächst wieder vergraben. Danach war die arg ramponierte und schlecht präparierte Moorleiche Jahrzehnte im Landesmuseum ausgestellt. Dort sorgte der „Mann vom Bernuthsfeld“ vor allem bei Schulklassen für Gruselgefühle.

Im Jahr 2011 wurde „Bernie“ als begehrtes Objekt für 50 Wissenschaftler und zahlreiche Technikexperten zu diversen Instituten verschickt. So rekonstruierten Fachleute im britischen Liverpool, in Freiburg, Wettenberg und beim Landeskriminalamt in Magdeburg das Gesicht des Toten. Spezialisten beim Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wollten die genaue Todesursache ermitteln.

Nach einer Radiokohlenstoffdatierung des Skeletts starb der ungefähr 30 Jahre alte Mann zwischen 680 und 770 nach Christus. Als Besonderheit waren in dem Grab auch der blonde Haarschopf, die komplette Kleidung sowie eine lederne Messerscheide erhalten.

Trotz modernster Untersuchungsmethoden sind noch viele Rätsel ungelöst: „Warum lag der Tote im Moor? War es ein Unfall, Mord, eine Bestattung oder ein Ritual?“, fragte sich Professor Klaus Püschel. Der Rechtsmediziner am UKE hat keine Gewaltspuren erkannt und glaubt an eine Bestattung: „Vielleicht war ,Bernie‘ nicht ganz gesund am Lebensende. Ganz eindeutig ist die Todesursache aber nicht.“

Etwas Karies, Arthrose und eine Versteifung an der Wirbelsäule von „Bernie“ hat das Team um Professor Michael Schultz von der Rechtsmedizin Göttingen diagnostiziert: „Keine spektakulären Krankheiten, aber vielleicht hat der Mann am Lebensende seine Knochen geschont und war bettlägerig.“

Die akribischen Untersuchungen nach naturwissenschaftlichen und medizinischen Aspekten sind jetzt nach vier Jahren zwar weitgehend abgeschlossen, die Archäologen wollen die Umgebung der Fundstelle aber noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. „Bernie“ soll im April nach Emden zurückkehren und irgendwann in einem würdigen Rahmen samt der wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentiert werden.